Cilli hat ihre Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen. Sie legt ihren Kopf an seine Brust, traurig und gefasst.
„Hoffen wir das Beste“, sagt sie. „Unser Herrgott möge dich schützen.“
„Wir werden uns gewiss wiedersehen“, sagt Rudi. „Am besten, wir machen es kurz, sonst fängt am Ende noch einer an, zu weinen.“
„Weißt du noch, das Volkslied über die weißen Dragoner?“ Cilli fällt unverhofft die Melodie dazu ein. Mit ihren Schwestern hat sie es oft gesungen.
„Es ist wie ein Ohrwurm.“ Sie weiß, er wird zurückkommen. „Bis bald, mein Lieber.“
„Warte“, ruft Cilli ihm nach, als er durch die wuchtige Schwingtür hinaus stapft. Sie nimmt die Photographie, die sie als stolzes Paar, mit Franzi im Vordergrund, zeigt aus dem Rahmen und drückt sie ihm in die Hand. „Dann hast Du uns immer bei dir.“
Ein Jahr später ist er noch immer fern der Heimat. Das Infanterieregiment hat ihn zum Truppenfahrer ausgebildet. Der schwarze Armeewagen mit dem stabilen Dach steht großteils seinem Hauptmann zur Verfügung. Wie zwei wache, runde Glupschaugen, die blank geputzten Scheinwerfer. In die österreichische Festung Przemyslan der Ostfront, in Polen, wurde er zuerst abkommandiert. Im März 1915 konnte ihre Truppe noch abrücken, bevor sie von den Russen erobert wurde. Die anderen Kameraden gerieten in Gefangenschaft, wie man hörte. Als Truppenfahrer bekommt man so einiges mit, an Nachrichten. Wenn sich die Obrigkeit unterhält und zeitnah ihre Neuigkeiten austauscht, um sich die Fahrzeit kurzweiliger zu gestalten. Manchmal lassen sie sogar eine Zeitung zurück im Wagen. Im Juni hat unsere Armee die Festung wieder zurück erobert, wie in der Wiener Allgemeinen zu lesen war. 60 Offiziere und über 12.000 Mann gefangen genommen, 14 Geschütze und 35 Maschinengewehre erbeutet. Wie lange es wohl dauert kann, so viele Gefangene abzuführen?
„Gefreiter Lindermeier meldet sich zum Dienst.“ Er salutiert vor Hauptmann Haller auf und steigt zackig auf der Fahrerseite ein. Die hechtgraue Bluse mit Umlegekragen und Kniehose sitzen tadellos. Schmucke, mattierte Knöpfe prangen, auch auf seiner Kappe. Ihr Einsatzbefehl führt sie südlich vor Krakau, an diesem frühen Vormittag im August. Der Zustand der Straßen schadet den Reifen und Achsen. Es gilt, den tiefen Schlaglöchern geschickt auszuweichen. Hauptmann Haller wird dringend zu einer Stabsbesprechung an der Front erwartet. Breitbeinig hat er auf dem Rücksitz Platz genommen. Er ist ein drahtiger Mann, findet Rudi. Einer, der sich ausschließlich für das Wesentliche interessiert. Manchmal fühlt er sich von ihm ausgefragt. Was er in seinem zivilen Leben mache, will er wissen.
„Meine Ehefrau und mein kleiner Bub sind in der Stadt Laa“, berichtet Rudi. „Ich bin Schulwart, für ein großes Schulgebäude zuständig.“
„Na, da müssen sie sich hier längst nicht so viel ärgern, wie mit den Fratzen daheim.“ Hallers joviale Anwandlung lässt einen hie und da staunend zurück.
Von weitem hören sie Granaten und die vernichtenden Geschosse von Haubitzen einschlagen. Sie sind näher an der Front, als vermutet. Auf einmal blitzt es auf, am Horizont. Ein Feuerball entlädt sich schwallartig in der Luft.
„Anhalten, Lindermeier“, schreit Haller und gibt Anweisungen, den Wagen sofort am Straßenrand abzustellen. „Das muss die Artillerie des Russen sein.“ Dann gehen sie eilig in Deckung, hinter der Böschung, bei einem Kilometerstein. Felltornister und Patronentaschen haben sie in der aufkommenden Hektik im Wagen zurück gelassen.
Ein ohrenbetäubendes Pfeifen kündigt den nahen Einschlag an. Zu rasch, als dass sie hätten wegrennen können. Die Wucht der Granate hebt die Soldaten vom Boden. In die Staubwolke, die hochwirbelt und sie zu ersticken droht. Rudi fühlt ein dumpfes Beben, als würden seine Innereien durcheinander gewürfelt. Der Schall der Detonation, mit seiner enormen Kraft, lässt ihn taub zurück. Neben dem aufgewühlten Krater im Ackerboden liegt sein Hauptmann, leblos. Es ist noch alles dran, Arme und Beine. Er robbt vorwärts und dreht ihn auf den Rücken. In seinem schmutzverschmierten Gesicht ist keine Regung zu erkennen. Mit Daumen und zwei Fingern fühlte er seinen Puls. Hurra, noch lebt er. Dann fasst er ihn unter den Schultern und zieht ihn aus dem Graben. Wie schwer doch so ein Mensch ist, wenn er nicht mithelfen kann. Am nahen Waldrand ziehen zwei braune Ackerpferde ein Geschütz durch das unwegige Gelände. Eine Handvoll österreichischer Infanteristen bringen es in Stellung. Von den feindlichen Angreifern ist nichts zu sehen. Vermutlich sind sie geschickt getarnt. Der Wagen von einer Staubschicht bedeckt, hat keine Dellen abbekommen. Entschlossen hievt er Haller auf den Rücksitz. Er nimmt sich vor, den Verletzten in Sicherheit zu bringen. Der Hauptmann hätte das sicher ebenso gewollt, wenn er sich noch rühren würde. Jetzt muss nur noch das Automobil anspringen.
„Mach schon“, sagt er, enttäuscht vom Gestotter der Karre. Dann kämpft sich der Motor frei und heult auf. Rudi wendet den Wagen, als ob der Teufel hinter ihm her wäre.
„Hauptmann, das packen wir schon“, redet er auf den Bewusstlosen ein. Langsam findet sich sein Hörvermögen wieder ein und lässt ihn aufatmen. „Das wäre doch gelacht, wenn wir da nimmer raus kämen.“ In der Früh hat er sich die Karte eingeprägt, sicherheitshalber. Vier Kilometer soll ein Feldlager stationiert sein, wenn es denn stimmt. Stündlich wird umdisponiert, im Kriegszustand. Da tauchen weiße Zeltplanen auf, am Horizont.
„Gerade rechtzeitig“, beruhigt ihn der Sanitäter und lacht übers ganze Gesicht. Haller schnappt nach Luft unter der Sauerstoffmaske. „Er wird es überstehen, glaub ich.“ Zu seinem Erstaunen, ist Rudi unverletzt. Rastlos klopft er sich den Staub aus den Kleidern. Die Augenlider werden ihm schwer, als er sich in seine Unterkunft schleppt. Am liebsten würde er seiner Cilli alles brühwarm erzählen. Morgen, gleich beim Frühstück, wird er ihr einen Brief schreiben.
„Was für ein Glück, er ist dem Einschlag entkommen“, meint Agnes erleichtert.
„Das Schicksal ist schon ein rätselhaftes Wesen“, sagt Mariechen. Unaufhörlich drängen sich die Erinnerungen an die Oberfläche, für die beiden kindlichen Schwestern im Park der Dichter. Neben dem Stationsschild „Praha“ steht Karol Lazne. Auf dem Schottersteig, im Stimmengewirr und Tumult der Reisenden. Starr, wie ein Möbelstück, unüberwindbar. Sie haben keine Koffer mit, keiner der Laznes, fällt Agnes plötzlich auf. Dann geht alles in Windeseile. Jana packt sie mit eisernem Griff an der Hand und zerrt sie weiter. Eine Geierhand, mit überlangen Fingernägeln. Ihre Gesichtszüge, in zornigen Falten entgleist, zeigen Entschlossenheit. Mit Mariechen haben sie leichtes Spiel, ihre Füße sind fast in der Luft, als Karol sie weiterzieht.
„Loslassen“, schreit Agnes. Sie sieht hilfesuchend in die Menschenmenge um sich, ruft ihnen zu: „Sie wollen uns mitnehmen!“ Mariechen kreischt auf und weint laut drauflos.
Das Ehepaar redet in beschwichtigendem Tonfall zu den Leuten. Dann lachen die Reisenden auf und gehen ihrer Wege.
„Die werden glauben, wir sind ihre Kinder.“ Agnes fühlt ein beklemmendes Drücken auf ihrer Brust. Als schnüre ihr jemand die Kehle zu.
„Keiner wird euch glauben“, sagt Karol streng. „Wir die einzigen, die deutsch kennen.“
Dann wird Mariechen in ein Pferdefuhrwerk gestoßen. Das ist ein abgekartetes Spiel, überlegt Agnes. Das einspännige Fuhrwerk, ein wartender Kutscher, vor dem grauen Bahnhofsgebäude. Wild schießen ihre Augen hin und her, als sie sie in den schmalen Eingang, in die dunkle Kabine des Wagens, ziehen. Die gespenstige, zornfaltige Hexe und ihr Gespons, mit spöttischer Wut im Gesicht. Ein Pferdefuhrwerk mit schwarzen Vorhängen. Mit einem Ruck werden sie zugezogen. Sie haben uns überrumpelt, uns stimmlose Kinder.
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