Die rechte Hälfte des Trakts, aus der Sicht eines Vogels gesehen, wenn er vom Kirchenturm losfliegt, beherbergt die Hauptschule. Ein großer Torbogen führt in den Innenhof, ihren Wirtschaftshof. Zwei wohl genährte Ziegen meckern in ihrem kleinen Stall. Sieben Hasen, zehn Hühner, drei Gänse gehören zu ihrem Haushalt. Im kleinen Gemüsegarten neben der Mauer geht die Saat auf, im Geruch von Dille, Knoblauch und Salatköpfen. Zwei riesige Apfelbäume, ein Kirschenbaum, ein Marillenbaum stehen ihnen mit all ihren Schatten spendenden und Frucht bringenden Vorzügen zur Verfügung. Bei der Ernte und Verarbeitung arbeiten sie einander zu. Wie die Rädchen eines gut ausgeklügelten Uhrwerks greifen ihre Taten in einander, bis alles erledigt ist. Auf der linken Seite, aus dem Blick einer Taube, sind unter dem ziegelroten Dach, ihre Dienstwohnung, dann die Unterrichtszimmer der Volksschule angelegt. Am Ende des Ganges, der große, nach Lederbezügen und angestrengtem Schweiß riechende Turnsaal.
Cillis erster eigener Herd, mit einer Wanne für Warmwasser und einem Backrohr. Sie kann ihr Glück kaum fassen. In ihrem Vorratsschrank sind Schmalztopf, Eier, Mehl und Zucker gestapelt. Apfelstrudel zubereiten will gelernt sein. Ganz dünn müssen die Teigblätter gezogen werden, über ein sauberes Leintuch. Trotzdem darf kein Riss entstehen. Dann kommt die Fülle mit fein geschnittenen Äpfeln, Bröseln und Zimt. Rudi sitzt am Tisch und entwirft einen neuen Plan zur Grundreinigung der Schule. Der würzige Strudel-Duft verheißt ein wohl schmeckendes Mittagessen.
„Was wären wir für lustige Tanten geworden, für Franzi.“ Mariechens Lachen hat etwas von einer leichten Melodie.
„Manchmal würde ich schon noch gerne mitmischen, unter den Lebenden“, maunzt Agnes.
„Eigentlich müssten wir froh sein, wenn sie überhaupt noch an uns denken.“
„Wieso nicht, wir denken ja auch an sie“, meint Agnes. „Ich freue mich so mit Cilli.“
Ihr kleiner Sohn hat in der Wohnung zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Schon bald wird er die schulischen Gänge unsicher machen.
„In was für eine krumme Welt wir doch damals geraten sind“, seufzt Agnes.
Als sie das Ehepaar Lazne vom Zugfenster aus einsteigen sieht, verspürt sie plötzlich eine ungewohnte Scheu. Der große Mann mit der gelben Stoppelglatze nimmt die freien Plätze neben ihnen ins Visier und stellt sich als „Karol Lazne“ vor. Agnes fragt sich, warum sie mit ihm partout nicht reden will. Vielleicht sind es seine komischen, großen Ohren oder die unpassende Stupsnase in seinem derben Gesicht. Seine Frau ist jung und dicklich.
„Grüß Gott, ich bin Jana“, sagt sie einschmeichelnd zu Marie. Sie hat schwarzes, gelocktes Haar, das in einem frommen Knoten gebändigt ist.
„Ich heiße Marie und meine Schwester Agnes“, sagt Mariechen bereitwillig.
Das ist eine Herrschernatur, schießt es Agnes durch den Kopf. Ach was, wir sind hier in der Bahn und viele Menschen um uns herum. Ob sie ihren Karol unter der Knute hat, kann uns wurscht sein. Aber wieso reden die uns dauernd an? Es müssen biedere Leute sein, die uns über den Dorfpfarrer ausfragen. Auch waren sie schon einmal in unserer Gegend.
„Wir fahren zu unserer Verwandtschaft nach Berlin.“ Mariechen, in ihrer Gutherzigkeit, wittert nichts Arges darin, es zu erzählen.
„Da müsst ihr in Prag umsteigen“, erklärt Jana. „Der Fahrplan wurde geändert.“
„Aber uns wurde gesagt, wir dürfen nicht aussteigen.“ Agnes ist sich sicher, dass Mutter Katharina das Richtige gesagt hat. Sie hat ihnen eingeschärft, auf niemanden zu hören. Agnes redet den Schaffner an, ob es stimmen würde. Mit gestreckten Zeigefingern neben seinen Ohren deutet er, dass er kein Deutsch verstehe.
Der einfältig anmutende Karol wirft seiner Frau einen flüchtigen Blick zu. Das wäre egal, wenn sie glaubten, sie wüssten es besser.
„Sie werden schon sehen, die zwei. Aber dann ist es zu spät.“
Agnes und Mariechen sehen sich ratlos in die Gesichter. Mariechen sagt, sie meinten es gut, die Laznes. In den Stationen steigen fremde Leute mit ihrem Gepäck aus. Andere steigen zu, mit Koffern und Taschen. So viele sind unterwegs nach Norden, mit der Eisenbahn. Gut gelaunt plaudern sie untereinander. Manche schauen grimmig weg. Wenn sie nicht gestört werden wollen. Jana neben ihnen streckt Marie ein Keks entgegen.
„Kleine Marie, für Dich.“
„Danke sehr“, freut sie sich. Lautstark ruft der Eisenbahner „Praha, Prag“ durch die Gänge. Dann etwas auf Tschechisch.
„Was ist, wenn sie Recht haben? Sollen wir umsteigen?“ Agnes ist geneigt, den Laznes zu glauben.
„Sie sind nett“, sagt Marie und lächelt. Ad hoc entschließen sie sich, ihr Bündel zu nehmen. Sie trotten hinter Karol und Jana her, im fahrenden Zug zum Ausstieg.
„Cillis Mann trägt die Uniform des Kaisers.“ Mariechen hat ihn gesehen, bei der Musterung in der Warteschlange. Im August 1914 gäbe es Krieg in Europa. „Cilli sorgt sich, ob ihr Rudi wohlbehalten zurückkehren wird.“
„Die Ärmste, sie wird mit der ganzen Arbeit übrig bleiben.“ Die Schwerarbeit im Winter, Kohlen schleppen, treppauf und treppab, um die hohen Schulräume zu heizen. Das Putzen der Klassenräume, Gänge und Treppen. Die beiden Schwestern konnten Cillis Sohn sehen, als er seine ersten, wackeligen Schritte im Gang machte. Franzi ist ein Jahr alt geworden. Tapsig machte er sich auf den weiten Weg, vorbei an der Bassena, zum Turnsaal. Der Vierkanthof ist riesengroß, mit gelb gestrichener Fassade. Im Innenhof halten sie gackernde Hühner und flauschige Hasen in Ställen. Von den Ziegen bekommen sie täglich Milch. Schlicht ist ihre Dienstwohnung, aber gemütlich. Im Schlafzimmer geben zwei hohe Fenster den Blick in den Vorgarten frei. Der Flieder mit seinem üppigen Blattgrün ist für heuer verblüht. Rote, weiße und rosafarbene Rosenbüsche stehen am Zaun, in Reih und Glied. Das Ehebett mit seiner blitzblauen Überwurfdecke glänzt, umrandet von Messing. In drei zweitürigen, furnierten Kästen sind fein säuerlich Kleider und Wäsche verstaut, wie es sich für eine bürgerliche Familie gehört. Neben der Küchentür erfüllt ein weißer, eintüriger Spind seinen Zweck. Dann ist da noch ein Schubleerkasten, mit breiten, tiefen Laden und gedrechselten Knöpfen. Darüber ein größerer Spiegel. Weiter hinten gereiht, das Kabinett, brauchbar als Kinder- und Spielzimmer. Neben dem Küchenherd steht ein bequemer Lehnsessel aus altrosafarbenem Samt bereit, den zumeist der Hausherr benützt.
„Morgen versuchen wir, in ihrer Nähe ein Lied zu singen“, schlägt Mariechen vor. „Vielleicht können sie es fühlen.“
An diesem sonnigen Nachmittag geht Cilli in den Hof. Angenehm kühl ist der Schatten. Die Hühnerschar pickt Maiskörner auf. Flink packt sie die Henne mit dem braunen Gefieder von hinten und klemmt sie unter ihren rechten Arm. Da strampelt sie jetzt, erbarmungslos eingeklemmt. Ob sie wohl weiß, was ihr blüht, über ihrem hilflosen Gegacker? Cilli drückt sie gekonnt auf dem Hackstock nieder und hält ihre Flügel fest. Dann, mit einem Ruck, dreht sie ihr den Kragen um. Rasch soll es gehen, das Tier darf nicht leiden. Ihr Glaube lehrt, dass der Mensch mit seiner unsterblichen Seele über dem Tier stünde. Sie darf das Huhn schlachten, ohne sich deswegen schlecht zu fühlen. Im Hof setzt sie sich auf einen Schemel und rupft die Federn sorgfältig vom Fleisch. Vor ihr ein weiß emailliertes Lavoir, das sich mit weichen Daunen und Gefieder füllt. Das beste Material kann für Polster verwendet werden. Die gröberen Stifte müssen fein heraus gezupft werden. Dann, in der Küche, wird es aufgeschlitzt und vorsichtig von den Eingeweiden befreit. Die Galle darf auf keinen Fall platzen, sonst ist das Fleisch verdorben. Der Kopf und die Füße kommen in die Suppe. Der Hühnerbauch wird mit Semmelbrei, gehackter Petersilie, einem Ei und Muskatnuss gefüllt und zugenäht. Salz, auf jeden Fall, kommt auf den Braten, bevor er ins Backrohr geschoben wird. Mit Schmalz bestrichen und übergossen, eine sorgsam überwachte Prozedur. Der Duft zieht unwiderstehlich durch die Zimmer und Gänge. Morgen müssen sie sich trennen. Rudi muss einrücken, zum Regiment. Noch einmal soll er verwöhnt werden, mit einem köstlichen Brathuhn. Franzi quietscht vergnügt und belustigt, auf dem wippenden Knie seines Vaters.
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