Am Vortag beteten sie in der Abendandacht. Die vom Weihrauch erfüllte Dorfkirche sollten sie zum letzten Mal gemeinsam besuchen. Vor dem Schlafengehen packt Mutter das Binkerl. In ein rot kariertes Tischtuch schlingt sie die Winterjacken mit den großen Knöpfen, feste Schuhe, ein paar Habseligkeiten und verknotet die Enden. Agnes ist schon vierzehn, sie schultert es, ohne ein Wort zu verlieren. Am Morgen nehmen sie ein stärkendes Frühstück zu sich, Butterbrote und Malzkaffee. Den staubigen Weg zur Bahnstation gehen sie schweigend, im Stillen hoffend auf ein baldiges Wiedersehen.
„Onkel Toni und Tante Bärbel holen euch morgen am Bahnhof ab, in Berlin!“
„Baba, wir schreiben euch ganz bestimmt!“ Sie werfen sich noch Kusshände zu, als die Eisenbahn schnaufend aus der Station Höflein in Südmähren abfährt, nach und nach in der Ferne verschwindet.
Zwei Tage danach klopft der Postbote energisch ans Tor, bringt unverhofft ein Telegramm in die nach Apfelkuchen duftende Bauernstube. Mutter Katharina muss sich hinsetzen. Gruselig und voll der Rätsel die paar Worte: „Wo sind Agnes und Marie? Haben vergeblich gewartet. Anton und Barbara“ Sie bedankt sich beim Postbeamten, schenkt ihm einen Birnenschnaps ein. Ob er wohl gleich ihren Brief mitnehmen könne? An die Verwandten in Berlin, eilig das Wichtigste. Die Kinder wären doch auf dem Weg gewesen. Am Gemeindeamt spricht sie kurz darauf vor, legt ihr schwer gewichtiges Anliegen dar. Man werde sich darum kümmern, die Kinder aufzuspüren. Danach verläuft sich die Spur der kleinen Schwestern im Sande.
2. Kapitel
„Hätte ich doch schon eine Nachricht von der Schulleitung“, sinniert Rudi und reibt die Zähne aufeinander. Vor zwei Monaten hat er sich beworben, um die Stelle als Schulwart in der romantisch angehauchten Stadt. Dann wäre er sein eigener Herr, sozusagen. Er schüttelt seinen gewellten Haarschopf nach hinten. Jetzt muss er sich auf seine Arbeit konzentrieren. Der Maurergeselle wurde dringend in das Haus der Kriehubers beordert. Neben dem Küchenherd war der Verputz herunter gebröckelt. Vermutlich durch die Hitze des nahen Kamins. Rudi Lindermeier rührt den Mörtel an. Dann pocht er an die bedürftige Wand. Ein paar locker gewordene Teile rasseln auf den Küchenboden.
„Tun sie uns hier nicht zu viel Mist machen.“ Erna, die Hausdame, ist so eine mit Haaren auf den Zähnen. Doch die Jüngere, die mir die Tür aufgemacht hat, ohlala. War die hübsch, das Mädel. Angezogen ist sie wie eine Dienstmagd. Aber sie hat etwas Zartes an sich. Sicherlich würde sie niemals fluchen. Eine Brave mit herzförmigem Gesicht. Man kann die Adern auf ihrem Handrücken sehen, dann ist sie tüchtig. Ihr leise schmunzelnder Mund, entschlossene Lippen, aber sinnlich. Sie isst gerne, das wird’s sein. Für Schabernack ist sie wahrscheinlich nicht aufgelegt. Zu ernst, ihr Blick. Und sie riecht gut, nach Lavendelblüten und knusprigen Keksen. Was für ein Vergnügen wäre es, sie in meinen Armen zu halten und mit ihr zu tanzen.
„Cilli schlag jetzt den Schnee, für den Marmorkuchen.“
Jetzt kennt er ihren Namen. Das ist die Abkürzung von Cäcilia.
„Öha!“ Fast wäre ihm der Kübel mit dem Mörtel umgekippt. Cilli schaut verwundert auf. Der Geselle mit den blauen Augen und dem schneidigen Schnurrbart hat eine gefühlvolle Stimme. Sie muss rasch weitermachen. Nur zu gerne würde sie in seiner Nähe bleiben. Der Schneebesen klickert im raschen Takt. Rudi pfeift eine Melodie vor sich hin. Fröhlich tönt es herüber und versüßt ihr den Tag. Die graue, verputzte Wand muss trocknen. Sorgfältig verstaut der Handwerker mit den muskulösen Armen sein Werkzeug. Er fischt seinen schwarzen Regenschirm vom Garderobehaken. Draußen hat inzwischen der Schnürlregen aufgehört.
„Fräulein Cilli“, sagt er freundlich und sieht ihr entschlossen in die Augen. „Wollen sie sich nach der Arbeit mit mir treffen, in der Konditorei?“
Cilli hebt die Augenbrauen und schürzt die Lippen.
„Ja“, sagt sie zögerlich. „Ich muss erst um Erlaubnis fragen.“ Ihr Herz galoppiert dahin und klopft wie wild. Verflixt, ihr fällt nichts mehr ein, was sie sagen könnte.
„Na, dann könnt ich sie abholen, am Samstag um vier. Ja?“
Eine Haarsträhne fällt ihr in die Stirn, als sie nickt. Leicht und ungläubig, dass sie eine Verabredung hat.
„Pfüat Gott, Rudi Lindermeier.“ Über ihr Gesicht huscht ein warmherziges Lächeln und umfängt ihn wie ein träumerisches Netz. Die Lindenbäume blühen und verströmen Duftwölkchen über den weitläufigen Platz, als sie ihn zur Haustür hinaus begleitet.
Bei Erdbeerkuchen und Kaffee erzählt er ihr von seinen hochfliegenden Plänen. Das Warten auf die Antwort von der Schulleitung fällt ihm am schwersten. Ansonsten redet er nicht viel, der junge Mann mit dem brünetten, lockigen Haar. Findet Cilli, die gerne redet wie ein Wasserfall und bereits herausgefunden hat, dass er zwanzig ist und das Kartenspielen liebt.
Noch stundenlang könnte sie in diese interessanten blauen Augen sehen und Pläne schmieden. Rudi scheint es nicht aufzufallen, dass sich die vorbei kommenden Damenköpfe nach ihm umsehen. Sie hat die Ruhe weg, denkt er. Voller brauchbarer Gedanken, die Frau. Kurzweilig neigt sich ihr Rendezvous dem Ende zu.
„Was für ein schönes Paar sie doch abgeben.“ Mariechen kann es kaum erwarten, Agnes davon zu berichten. Von seiner Geschicklichkeit erzählt sie und wie sich die beiden ergänzen könnten. Zur gewohnten Zeit treffen sie sich auf dem verwitterten Schaukelbrett, das an langen Seilen unter dem knorrigen, alten Baum pendelt. Die Sonne hat sich schon nahe an die Gartenhütten gesenkt.
„Er hat sie geküsst, zum Abschied.“ Schaukelnde, strahlende Gesichter sehen sich an, unter der luftigen Baumkrone im Park. Die schwingenden Bewegungen lassen ihre aufgewühlten Gemüter langsam zur Ruhe kommen. Jäh kommt die Erinnerung zurück, mit der Dämmerung der Sommernacht.
„Manchmal sind Küsse gar nichts Nettes.“ Sie sehen auf ihre gleichzeitig vorgestreckten Fußspitzen, die unter den rauschenden Röcken hervorgucken, die sie auch damals trugen.
„Es wäre anders gekommen, hätten wir uns von denen nicht bequatschen lassen.“ Agnes hadert noch immer mit ihrer Entscheidung, die sie an diesem schicksalhaften Tag aussteigen ließ, aus dem schützenden Zugabteil.
„In einen fremden Menschen kann man halt nicht hinein schauen.“ Mariechen ist in Gedanken dabei, wie ihr zweifelhaftes Abenteuer begann. Noch nie zuvor hatten sie eine Eisenbahn betreten. „Genoveva“ hat sie auf ihren Schoß gesetzt. Die gestrickte Puppe mit dem gestreiften Hut und dem kecken Schal hat Cilli für sie angefertigt, im letzten Winter. Das schnaufende Anfahren des Dampfrosses versetzte sie in freudige Erregung. Die vorbeiziehenden Felder vor dem Waggonfenster, die sprießenden Halme. Die laue Brise des Frühlings über den Äckern und Wäldern. Heitere Reihen der ziegelroten Dächer über niedrigen, behaglichen Häusern. Ihre ältere Schwester saß ihr gegenüber. Gespannt, wie ein Haftelmacher, was sie wohl erleben würden.
Fast könnte Cilli alles vergessen, über den arbeitsreichen Tagen. Das liebenswürdige sich Kennenlernen, die Hochzeit im unschuldigen, weißen Brokatkleid. Wie sie vor dem Pfarrer stehen und sich das treue Jawort versprechen. Der stolze Blicke hinter der Schleierspitze, auf ihren gut aussehenden Mann, stark und feierlich, im schwarzen Hochzeitsanzug an ihrer Seite. Es ist ihr, als ob es gestern gewesen wäre. Während ihre klammen Erinnerungen an die entrechtete Dienstmagd, die sie einmal war, verblassen.
Sie sind ein Paar geworden, das durch alle Wirrnisse des Alltags schifft. Noch nie hat sie eine Zusammenarbeit wie diese erfahren. Ein großer Gebäudekomplex hat sie und Rudolf in seine Obhut genommen. Vertrauenserweckende, hohe Räume hinter dicken Mauern und weitläufige Gänge. Am Morgen voll tönender, kindlicher und jugendlicher Stimmen, die dann für eine jeweils knappe Stunde verstummen, in ihren Schulbänken hinter Klassentüren hockend. Ein eigener Rhythmus, in dem sie in den Pausen herausspringen, kurz entlassen aus der Pflicht. Bis das Läuten sie wieder zurückholt und bändigt.
Читать дальше