Mehr als dreißig Jahre danach saß ich – eben durch diese zufällige Begegnung in einer Sachsenhäuser Apfelweinkneipe verursacht – bei ihm in seiner gemütlichen Bauernküche und Herr Grönemeyer, der alte Schreihals, brüllte uns wieder einmal aus dem Radio an: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Anscheinend wusste er es auch nach mehr als 30 Jahren immer noch nicht. Wir aber auch nicht! Also machten wir uns auf die Suche nach Antworten – oder besser gesagt: nach DER Antwort!
So ging es schon einmal los. Und daraus wurden nicht wenige Nächte, in denen wild diskutiert, erzählt, geflunkert, geflachst und jede Menge gelacht wurde. Zum Essen und Trinken will ich an dieser Stelle aus Datenschutzgründen absolutes Stillschweigen wahren…
Philipp, der schon immer hoch hinaus wollte, nannte sich inzwischen Dr. Phil Pro-Mill, das sollte man aber nur als Künstlernamen sehen, denn in Wirklichkeit heißt er ganz profan Philipp Fürmühlen – wollte aber aus Globalisierungsgründen einen internationalen Namen auf der völlig aus der Mode gekommenen Visitenkarte stehen haben… Und mit „Promille“ hat er als Barkeeper des Öfteren zu tun gehabt, die meisten seiner Stammgäste haben ihn respektvoll Dr. Viel-Promill genannt, insofern passte dieser zusammengeschusterte Name bestens. Außerdem war ihm noch im Gedächtnis geblieben, dass der Begründer der amerikanischen Whiskey-Sorte „Jim Beam“ in Wirklichkeit Johannes Böhm war – ein Deutscher! Und einer, der es geschafft hatte. Das muss ihn wohl irgendwie inspiriert haben. Kein Wunder, bei dem Arbeitsplatz…
Er hatte jedenfalls eine Menge zu berichten, denn ihm, dem Barkeeper ihres Vertrauens, haben die Leute alles erzählt. Männer, Frauen und alles, was sich nicht wirklich entscheiden konnte. Wahrscheinlich war es sogar mehr, als sie es jemals ihrem besten Freund, der Busenfreundin oder ihrer eigenen Lebensabschnittsgefährtin – ob mit oder ohne Trauschein – erzählt hätten.
Eines Tages wurde es Dr. Phil klar: Er musste seine Berufung zum Beruf machen – und so wurde er Männerberater mit eigener Praxis, auf dem platten Land in Oberhessen. Aber der Job war härter als gedacht. Denn inzwischen ging die Misere erst richtig los, die Zeiten hatten sich nämlich gehörig geändert – und mit ihnen auch das vermeintlich „Starke Geschlecht“. Doch was war von diesem noch übriggeblieben?
Hatten früher die Männer im Allgemeinen noch Probleme, weil ihre Herzensdame ihnen auch mal den Müllbeutel aufs Auge oder gleich in die Hand drücken wollte oder sie beim Fremdgehen erwischt worden waren, so sind es in den letzten Jahren eher Probleme wie „Darf ich meiner Frau noch spontan einen Klaps auf den Po geben?“ – oder „Hilfe, meine Freundin verdient dreimal so viel wie ich!“ – ganz abgesehen von dem „Ich sollte eigentlich in Elternzeit gehen, aber ich traue mich nicht, mit meinem Chef darüber zu reden - und in Wirklichkeit fürchte ich mich vor stinkenden Windeln…“.
Männer sind heute zu großen Teilen verunsichert, wissen nicht mehr, wie sie es der Damenwelt recht machen sollen und fragen sie immer häufiger: „Bin ich eigentlich noch ein richtiger Mann?“ oder wahlweise auch „Bin ich ein Weichei erster Güte? Einer, der im Grunde genommen vor Frauen Angst hat?“ „Und wie genau soll ich eigentlich sein, so am Anfang des 21. Jahrhunderts mitten in Deutschland, umzingelt von lauter taffen, gut ausgebildeten, karriereorientierten Frauen, die sich über-emanzipiert haben und nun selbst nicht mehr wissen, was sie eigentlich noch genau wollen?“
Fragen über Fragen…
Und wir fragten uns ebenfalls etwas: Wie sollte dieser vielbeschworene, neue Männertyp, dieser mit aller Gewalt (von wem auch immer) konstruierte Alpha-Softie denn sein?
Hier der Versuch einer Definition:
„ Alphatier“bezeichnet (der Begriff kommt aus der Verhaltensforschung) das Leittier einer Herde oder eines Rudels. Es sind die stärksten, erfahrensten und aktivsten Mitglieder der Gruppe, häufig auch die ältesten. Außerdem sind sie die Haupterzeuger innerhalb der Gruppe, die sie führen, man denke an die bekannten Begriffe „Leitbulle“ bei Rindern, „Leithengst“ bei Pferden oder „Silberrücken“ bei Gorillas. Alphatier leitet sich ab von Alpha, dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets - sprich das Alphatier ist das „erste, ranghöchste“ Tier der Gruppe. Nach ihnen folgen die Beta -Männchen oder –Weibchen, am Ende der Rangfolge stehen die Omega -Tiere, sie besetzen die letzte Stelle der Hierarchie - so wie das Omega den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets darstellt.
Es gibt auch Tiergruppen, die von Alpha-Weibchen geführt werden, z.B. bei bestimmten Pferde- oder Zebra-Herden. Oft „regieren“ auch Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen innerhalb einer Gruppe gemeinsam, so zum Beispiel bei Wölfen – obwohl man lange angenommen hat, dass nur der Alpha-Wolf das Leittier dieser Spezies ist. Insofern muss man annehmen, dass es häufiger als bislang angenommen auch „Alpha-Paare“ gibt. In jedem Falle ist ein typisches Alpha-Tier jemand, der weiß, wo es langgeht und seine Interessen auch dementsprechend durchsetzt. Das Alpha-Tier ist davon überzeugt, dass sein Weg der einzig richtige für die Gruppe um ihn herum ist.
Typische Vertreter des Alpha-Männchens : Dieter Bohlen, Armin Rohde, die Filmfigur James Bond, Claude Oliver Rudolph, Henning Baum (insbesondere als Götz von Berlichingen).
Und was ist nun der „Softie“ eigentlich?
„ Softie“(aus dem Englischen von „soft“, d. h. weich) ist eine eher abwertende Bezeichnung für einen Mann, der wenig Männlichkeit verkörpert – im Volksmund besser als „Weichei“ bekannt. Sprich, es handelt sich um einen Mann, dem die angeblich typischen Eigenschaften wie Härte, Durchsetzungskraft, Führungsqualitäten, Stärke, körperliche Präsenz und anbaggerndes Macho-Gehabe inklusive derber Sprüche ziemlich abhanden gekommen sind – oder der sie aus Überzeugung schlichtweg ablehnt und mit dem traditionellen Männerbild nichts gemein haben möchte.
Typische Vertreter des Softies : Thomas Anders, Wigald Boning, Hugh Grant (im Kinofilm „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“), Reinhard Mey, Semino Rossi und die „Amigos“.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf stellen wir uns die Frage erneut: Was soll so eine Alphatier-Softie-Weichei-Kreuzung nun eigentlich sein? Eine magische Mischung aus Windelexperte, Mr. Supa-Lova und Ausdiskutierer, der beim Spätzleschaben noch nebenbei ganz schnell einen Millionendeal abschließt? Ein Multitasker auf allen Ebenen? Hart im Nehmen? Weich im Herzen? Armin Rohde beim Topflappen häkeln? Henning Baum beim Gardinen aufhängen? Oder Wigald Boning im Puff? Semino Rossi auf Baggertour? Sind das die Mixturen, wie sie von der Damenwelt angeblich gefordert werden?
Höchste Zeit, dachte ich an meinem legendären Küchentisch, dem Mythos vom MODERNEN MANN einmal näherzukommen. Zu erforschen, worum es beim vielgepriesenen Alpha-Softie eigentlich geht. Hat diesen Yeti der Presse schon jemals jemand in natura gesehen? Und wer hat’s überhaupt erfunden? Etwa wieder die Schweizer???
Zeit, den zu Recht völlig verunsicherten Männern von heute ein paar praktische Tipps an die Hand zu geben. Schließlich habe ich keine Ahnung, bin somit nicht vorbelastet und kann deshalb schlau daherreden. Das sind die besten Voraussetzungen für einen Ratgeber, der todsicher die Bestellerlisten stürmen wird und Generationen von Studenten der Psychologie, Soziologie und anderer brotloser Künste noch beschäftigen wird. Sie fragen, warum gerade ich als Frau jetzt einen Männerratgeber schreiben muss? Ganz einfach, die von Natur aus Ahnungslosen geben sich in allen Disziplinen nachweislich die größte Mühe – und können beachtliche Erfolge aufweisen. Oder, warum haben Sie noch nie von einer „Hof-Gynäkologin“ bei Königs in England oder Schweden gehört? Wo doch Frauenheilkunde und Geburtshilfe per se das Hoheitsgebiet der weiblichen Menschen darstellen? Und wie war das nochmal mit den Sterneköchen? Fällt Ihnen dazu vielleicht eine Frau ein, so ganz spontan? Nein, das zweite Revier der Frau, der heimische Herd, wird mittlerweile auch von Männern beansprucht. Und, warum sollte nun ausgerechnet ich nicht auch auf dem Gebiet der Männerberatung zu Ruhm und Ehre gelangen? Das Geheimnis lautet: Wenn man nicht selbst involviert ist, hat man einen anderen, respektvolleren und objektiveren Blick auf die Dinge. That’s all. Eigentlich ganz einfach.
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