Ihm war aufgefallen, dass der Täter leicht humpelte, also ein Bein nachzog. Mehr will er nicht gesehen haben. Hier das schriftliche Protokoll.“
„Hm, weshalb meldete er den Vorfall nicht der Polizei?“
„Hab ich auch gefragt. Er sagte, dass er mit dem Rotlichtmilieu nichts zu tun haben möchte, weil er Repressalien befürchtet.“
„Gut, ich wünsche Ihnen einen guten Einkauf und machen Sie nicht so lange. Gleich kommen unsere Vorladungen.“
„Ja, danke, bin schon weg“. Der Praktikant hastete aus dem Zimmer.
Nachdem das Telefon dreimal geklingelt hatte, nahm Herbst den Hörer ab. „Hier Wachraum, Schneider, Kollege Herbst, eine Biene Schmidt ist hier, möchte zu Ihnen.“
„Ja, ist in Ordnung. Schicken Sie die Dame hoch, ich gehe ihr entgegen!“
„Hallo, Sie müssen Herr Herbst sein, nicht wahr?“, hörte Max die auf ihn zukommende, attraktive weibliche Person mit der dunklen Bienenkorbfrisur und den knallroten Lippen rufen.
Die Brüste dieser Zeugin sahen voll und fest aus, beinahe zu viel für die rosafarbene Seidenbluse, die sie trug. War das vielleicht Absicht oder was steckte dahinter?
„Ja, dann sind Sie wohl Biene Schmidt?“
„Ist so, Herr Herbst.“
„Nehmen Sie bitte Platz, hier direkt vor meinem Schreibtisch, da klappt die Konversation am besten!
Ich möchte Sie hier als Zeugin vernehmen, Frau Schmidt. Damit die Staatsanwaltschaft sich ein Bild von Ihnen machen kann, bitte ich Sie, erst einmal kurz über sich zu erzählen. Ich muss Sie jedoch ermahnen. Sie sind zur Wahrheit verpflichtet und könnten ansonsten wegen uneidlicher Falschaussage bestraft werden.“
„Ja, hab ich schon verstanden. Ich habe nichts zu verbergen oder zu beschönigen. Ist einfach grausam, das mit der Sabrina, Herr Herbst.“
Biene Schmidt setzte sich auf den von Max Herbst zugewiesenen Stuhl.
Sie schlug gekonnt die Beine übereinander und es entstand ein reibendes Geräusch, das wohl so mancher als erregend empfinden könnte. Max warf einen kurzen Blick auf die roten Träger ihres BHs, als sie sich nach unten beugte, um eine Packung Zigaretten aus ihrer neben dem Stuhl abgelegten Handtasche zu nehmen.
„Darf ich, Herr Herbst?“, fragte Biene Schmidt und winkte mit der Zigarette, die sie zuvor der Packung entnommen hatte.
„Hm, ja, aber bitte nicht Kette“, antwortete Max. „Dazu ist der Raum zu klein, außerdem bin ich Nichtraucher.“
Kaum ausgesprochen, ging Max zur Fensterfront in Richtung Davidstraße und öffnete alle drei Fenster in Kippstellung.
Nachdem er wieder an seinem Schreibtisch saß, sagte er zu der Zeugin: „Na, dann fangen Sie mal an!“ und spannte zwei Blankobögen DIN-A-4 Papier in die Schreibmaschine.
Biene Schmidt nickte, während sie einmal kräftig an der Zigarette sog und den Rauch ihres gewaltigen Lungenzuges in Richtung Max blies, der sie durch eine Qualmwolke ansah und die Augen zu Schlitzen zusammen kniff.
Bevor die ehemalige Prostituierte Rede und Antwort stehen konnte, griff Max unter den Schreibtisch, schob seine linke Hand in die Hosentasche und legte seine eingeklemmte Genusswurzel, wie er seinen Penis nannte, von rechts nach links. Er war eben Linksträger. Für Sekunden hob Max seinen Hintern, um sich sofort wieder zu setzen. Es war eine Wohltat. Jetzt hatte er den Kopf frei von jeglichen Störungen und konnte sich mit voller Konzentration der Vernehmung widmen. Biene Schmidt schien seine Aktion nicht bewusst wahrgenommen zu haben.
„So, Frau Schmidt. Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin im Dienstleistungssektor tätig.“
„Aha, Sie kauften eine Couch und haben sich selbstständig gemacht?“
Hat man ihr auch eine Steuernummer mitgeteilt? Wahrscheinlich hat sie nicht einmal eine für ihren kleinen Fiffi, amüsierte sich Max.
„Nee, nee, heute nicht mehr, ich bin nur noch als Bardame tätig.
Jetzt bin ich schon 45 Jahre, aber nicht unbedingt alt, nur ein bisschen länger jung als andere. Aber im Milieu ein altes Eisen. Mensch, wie die Zeit vergeht. Schon mit achtzehn bin ich im Rotlicht gelandet.
Zuerst war ich in einem Saunaclub in Hamburg-Rahlstedt als Domina tätig, schon in jungen Jahren. Polizeikontrollen gab es nie. War ja noch nicht einundzwanzig damals. Der Besitzer hätte sich strafbar gemacht, wenn die Polizei mich dort erwischt hätte.
Ich war immer experimentierfreudig, das machte eben das Verführerische aus, auf das meine Freier standen. Es weckte ausnahmslos die Neugier in ihnen.
In meinem Kabinett hab ich die Gäste mit Stromstößen gequält, hängte sie am Galgen auf und band ihnen nägelbespickte Peniskorsagen um. Gelegentlich spannte ich sie auf eine Streckbank oder setzte sie auf einen Nagelbock. Sie ließen sich mit einer siebenschwänzigen Knute züchtigen. Mein Kabinett glich einer mittelalterlichen Folterkammer. Ich habe riesig verdient. Alles weg, haben alles die Jungs geschnappt.
Sie waren alle bei mir… Die Vermögenden, die Armen, junge und alte Freier. Ihr höchstes Vergnügen war, dass ich ihnen erlaubte, vor mir winseln und betteln zu dürfen.“
„Hatten Sie denn kein Mitleid mit diesen speziellen Personen?“
„Ha, ha, Mitleid, das ich nicht lache…!
Wenn Sie sehen würden, wie bei denen der Schwanz stieg, wie sollte man da noch mitleidige Gefühle entwickeln? Sagen Sie es mir! Hätten Sie doch bestimmt auch nicht gehabt oder? Nach einigen Jahren hatte ich genug von diesen Psychos und habe für Hacker-Ted in der Herbertstraße angeschafft. Das machte mir mehr Spaß, war alles manierlicher dort. Dann landete ich im Eros-Center im C- Haus bei den Kölnern.
Aufgrund meiner großen Oberweite zog ich immer jede Menge Freier auf dem Kontakthof an. Sie müssen wissen, dass die Jungs den Hof unter sich aufgeteilt haben.
Jede der 28 Bordelleinheiten hat ihren festen Stellplatz. Es ist den Frauen untersagt, den Bereich ihres Salons zu verlassen.“
„Aha“, war der Kommentar von Max, der weiterhin aufmerksam zuhörte und sich Notizen machte.
„Man darf nur in einem bestimmten Sektor kobern, sonst gibt es richtig Zoff. Alle Kolleginnen achten argwöhnisch darauf, dass man die Grenzen nicht überschreitet.
Bei Verstößen, auch schon, wenn man nur mal einen Meter über die markierte Grenze kommt und einen Freier zu sich heranzieht, hauen sich die Frauen die Augen blau oder rennen wütend in den Puff. Dann kommt eine Heerschar Jungs und verlangt von der Gegenseite Schadenersatz, weil deren Frau mit einem lädierten Auge erst einmal ausfällt. Ich könnte mir vorstellen, dass es irgendwann einmal Tote geben wird in so einer aufgeheizten Atmosphäre.“
„Erzählen Sie ruhig weiter, Frau Schmidt.“
Augenzwinkernd fügte sie hinzu: „Ich war immer schlau. Kam meist doch noch an die Freier, die ich im Visier hatte, auch wenn sie außerhalb meines Gebietes standen.
Mein Trick war es, das ich stets ein kleines Spielzeugauto zum Aufziehen bei mir hatte und mit diesem beim Kobern spielte.
Ich hatte das Auto von meinem Stellplatz aus in die Richtung eines von mir auserwählten Freiers fahren lassen. Dann rannte ich blitzschnell hinterher, um wieder in den Besitz meines Autos zu kommen. Hatte sich die Feder des Autoantriebs entspannt und stand das Auto in unmittelbarer Nähe des Freiers, rannte ich blitzschnell dort hin und nahm es vom Boden hoch. Dabei blinzelte ich dem Freier freundlich zu und wackelte mit meinen Titten. Entschuldigung, war so. Dann ging ich wieder auf meinen Platz und der Freier folgte mir, als sei er von einem Magnet angezogen worden. Ich hatte ihn und wir gingen in meinen Salon.“
„Ganz schön clever, Biene!“
„Ja, kann man wohl sagen. Die anderen Frauen haben das lange Zeit gar nicht geschnallt.
Der Ted hat eine Mörderkohle mit mir verdient. Es war wohl meine laszive Art, meine Aura, die meine Freier begehrten und… na, Sie wissen schon. Ich weckte in ihnen ihre schlechten, verborgenen Seiten. Die standen alle auf mich. Die Kerle meinten, dass ich einen Körper wie die Sünde hätte - und wenn schon… ist das ein Fehler? Es ist doch alles nur ein Spiel, ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Ich weiß es nicht...“
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