Wie sollte es weitergehen?
Er schloss die Augen und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, aber es gelang ihm nicht. Irgendwann in der Nacht fiel er ratlos in einen tiefen Schlaf.
Nur das Ticken der Wanduhr war bis zum frühen Morgen zu hören.
Mit den ersten Sonnenstrahlen wachte er auf. Es war bereits 09:00 Uhr, als Max aus der unwirtlichen Welt seiner heftigen Träume erwachte. Schlaftrunken erhob er sich mühsam mit halb geöffneten Augen, die ihm einen brennenden Juckreiz verursacht hatten.
Das hier war also die Realität, der er sich stellen musste. Es wurde höchste Zeit, dass er mit diesem nächtlichen Grübeln aufhörte. Dieses ewige Nachdenken führte nur zu immer wiederkehrenden Zweifeln im Leben. Er war sich darüber völlig im Klaren, aber konnte trotzdem nicht damit aufhören. Es war wie immer der gleiche Rhythmus mit diesem Ereignis, dass ihn wohl ein Leben lang begleiten würde.
Beim Aufstehen stieß er gegen einen Bettpfosten, der seinem rechten Knie einen heftigen Schmerz zufügte. Max streckte seine Glieder und ging humpelnd und fluchend ins Bad, um seinen Zustand etwas aufzupolieren. Kriminalkommissar Max Herbst sah prüfend in den Spiegel und kam sich plötzlich stark gealtert vor. Es machte ihn wütend.
Er hatte tiefe Furchen rechts und links der Mundpartie, die vermutlich durch Stress verursacht wurden. Wie sollte es nun weitergehen und wo würde das alles enden?
Nach seiner Morgentoilette sah Max aus dem Fenster des Wohnzimmers. Der Sommermorgen war hell und warm. Er blieb noch eine Weile am Fenster stehen, um die vorbeieilenden Passanten zu beobachten, die teils übermüdet und mit zusammengekniffenen Augen zu der nahegelegenen U-Bahnstation hasteten.
Ina hatte heute ihren zweiten Todestag…
Um viertel vor zwölf traf Max Herbst in seinem Büro ein. Nachdem er gerade die Tageszeitung aufgeschlagen hatte, stand der Dienststellenleiter vor ihm.
„Na, Max, wolltest mal wieder ausschlafen?“
„Nein, Dieter, das war nicht der Grund. Wir haben heute viel auf dem Zettel und es wird wohl spät werden.
Du bist es doch, der sich ständig beklagt, wenn man wieder einmal Mehrarbeitsstunden anhäuft. Ich versuche nur, dir die diesbezüglichen Sorgen zu nehmen.“
„Ja, ja, ist ja richtig. Ich meine ja auch nur… Gibt es neue Erkenntnisse bezüglich des Tötungsdeliktes in Blankenese? Die Pressestelle rief bereits an. Die sind ganz beunruhigt. Die Boulevardblätter brauchen eine Schlagzeile, ist ja Ferien-und Saure- Gurken-Zeit für die.“
„Nein, gibt noch nichts Konkretes. Ich kann auch nicht zaubern“, erwiderte Max.
Kriminalhauptkommissar Dieter Wiese war ein ängstlicher Typ.
Seine hervorstechende Eigenschaft war mangelnde Zivilcourage. Er schien nicht sonderlich geeignet zu sein für diesen Posten als Dienststellenleiter im Ressort Spezielle Kriminaldelikte im Rotlichtmilieu.
Dieter Wiese schien an der harten Realität des Lebens vorbei zu schrammen. Ihm stieg die Schamesröte bereits ins Gesicht, wenn man sagte: „Zieh mal den Tisch aus!“
Das Kommissariat war in drei Sachgebiete unterteilt.
Die harten Hunde der Dienststelle waren im Sachgebiet Bekämpfung der Zuhälterei tätig, dann kamen die Sachbearbeiter im Deliktsbereich Betrug auf sexueller Basis und Beischlafdiebstahl und zuletzt die etwas ruhigeren, kontaktscheueren Kollegen im Sachgebiet verbotene Pornografie.
Wiese war eigentlich gegen seinen Willen nach St. Pauli versetzt worden.
Er remonstrierte aber nicht gegen die Entscheidung der Polizeileitung, weil er genau wusste, dass er keine sachlichen Gründe auffahren konnte; und deshalb hatte er widerwillig seinen Posten bezogen. Bei nächtlichen Maßnahmen seiner Dienststelle führte er stets von zu Hause die Aktionen; meistens im Bett seines Schlafzimmers liegend.
Am darauffolgenden Morgen ließ er sich dann ausführlich berichten, trat mit den gewonnenen Erkenntnissen vor die Presse und begann fast jedes Mal mit der Einleitung: „Ich und meine Mitarbeiter haben…“
Dieter Wiese war ein Analyst und starker Rhetoriker, der sich überzeugend in Szene setzen konnte. Er konnte glaubhaft PR betreiben, hatte jedoch eine große Scheu, sich mit Vorgesetzten und dem Milieu auseinander zu setzen.
Wiese war trotz seiner 58 Jahre nie an einer solch exponierten Dienststelle, und dann auch noch als Hauptverantwortlicher, tätig gewesen.
Während seiner Dienstzeit hatte er sich von Lehrgang zu Lehrgang gehangelt und immer nur Dienst in der Etappe geleistet. Mal war er Mitarbeiter in der Kriminalaktenhaltung, mal bei der Kriminalitätsanalyse. Für einen langen Zeitraum war er in zwei Intervallen Kofferträger zweier Kriminaldirektoren. Er fertigte auf den Stabsleiter- Sitzungen die Protokolle und war verantwortlich für die Umsetzung der Terminplanung.
Kollegen frotzelten und feixten, dass er dem Staat immer noch seine erste Festnahme schuldig sei. Es war auf St. Pauli für ihn zur Manie geworden, ständig auf die Uhr zu schauen, weil er stets den Feierabend herbei sehnte.
Wiese widmete sich viel lieber seiner Bonsaizucht mitsamt der entsprechenden Literatur, von der er einen ganzen Stapel in seinem Büroschreibtisch deponiert hatte.
„Hm, du wirst es schon machen, Max. So, hab noch einen Termin, mach dein Ding“, sagte der Leiter für Spezielle Kriminaldelikte, während er das Büro verließ.
„Hallo, Chefermittler, hier bin ich, ha, ha. Heute besser?“ Kriminalkommissarsanwärter Anton Meyer betrat den Raum
D as konnte doch wohl nicht wahr sein. Wie sah der denn aus?
Toni trug einen schwarzen Anzug, dessen Tuch zu platzen drohte. Die Ärmel waren viel zu kurz. Die Hose hatte starkes Hochwasser und trug darüber hinaus eine mexikanische Rundbügelfalte. Das Sakko ließ sich nicht mehr zuknöpfen, weil es zu eng war.
Das Hemd schien dasselbe zu sein wie am Tag zuvor, die Halskette ebenfalls. Am linken Handgelenk befand sich eine gelbgoldfarbene funkelnde Rolex.
„Toni, Mann, Toni, der Anzug hat doch höchstens Konfektionsgröße 50. Ist das Ihr Konfirmationsteil? Ich schätze Sie mindestens auf Größe 102. Also, das geht nun wirklich nicht. Können Sie sich nicht manierlich kleiden?“
Nicht ohne Unterton eines Vorwurfs versuchte Anton Meyer Max beizubringen, dass er sich lediglich dem Milieu angepasst hätte, er es mit dem Outfit leichter haben würde, zu knallharten Ermittlungsergebnissen zu kommen. Die Argumentation überzeugte Max jedoch nicht einmal im Ansatz. Max Meinung war, dass das Milieu sich ihm anzupassen hätte und nicht umgekehrt.
„Keine Kohle momentan. Der Monat hat doch schon die Hälfte übersprungen und mein Auto ist auch in der Werkstatt. Wenn Ihnen diese Sachen nicht gefallen…?“, Toni war enttäuscht. „Gibt es nichts Wichtigeres, Herr Herbst? Ich will es nur verstehen.“
Nein, zu dem Thema fiel Max momentan nichts Besseres ein. Klugscheißer, dachte er.
„Sie erzählen mir jetzt erst einmal von den Zeugenermittlungen gestern Nachmittag am Tatort.
Dann gehen Sie in die Karstadtfiliale am Nobistor und kaufen sich eine manierliche Jeans. Hier haben Sie hundert Mark. Die leihe ich Ihnen. Können Sie mir am Ersten zurück geben“, lenkte der Kriminalist Herbst ein, während Toni den Hunderter flugs in seiner Hosentasche verschwinden ließ.
„Danke, Herr Herbst. Nachdem ich also in der Kriminalaktenhaltung war, bin ich zum Tatort gefahren, so wie Sie es mir aufgetragen haben. Ich konnte tatsächlich einen Zeugen auftreiben.
Der heißt Johann Dabeler, ist 61 Jahre alt und wohnt gegenüber vom Tatort-Parkplatz in der angrenzenden Villa. Dabeler hatte gegen drei Uhr nachts bei geöffnetem Fenster noch eine geraucht und im schwachen Lichtschein der Laterne auf dem Parkplatz zwei Personen rangeln sehen. Ob die miteinander gesprochen hatten, konnte er nicht sagen. Gehört hatte er jedenfalls nichts. Dann fiel das Opfer zu Boden und blieb regungslos liegen. Die andere Person ging eiligen Schrittes über die Parkplatzeinfahrt in Richtung Straße.
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