Neurologische Abläufe im Zusammenhang mit Kontrollverlust
Wie der Hund denkt, ist abhängig von den Funktionen, die das Gehirn übernimmt, den übrigen organischen Vorgängen, dem Erbgut sowie den Erfahrungen und den Einflüssen, denen der Hund ausgesetzt ist und war. Aufgrund dessen, dass die Liste aller einflussgebenden Faktoren kontinuierlich wächst und damit niemals abschließend aufgeführt werden kann, sollen nachfolgend nur exemplarisch jene Abläufe im Gehirn benannt werden, die maßgeblich an der Impulsproblematik beteiligt sind.
Allgemeine Funktionsweise:
Das Gehirn ist im Prinzip ein riesiger Schaltkreis, der ständig neue Verbindungen knüpft. Die Verbindungspunkte sind die sogenannten Neuronen. Zwischen den einzelnen Neuronen befindet sich der synaptische Spalt. Das ist der Ort, an dem eine Information, die ihre Reise durchs Gehirn als elektrisches Signal startet, in ein chemisches Signal umgewandelt wird. Die Übertragung des chemischen Signals erfolgt durch Botenstoffe, die von der nächstgelegenen Zelle empfangen werden. Die Botenstoffe können dazu führen, dass der Informationsfluss unterbrochen wird oder eben nicht.
Wird eine ähnliche Information mehrmals nacheinander übertragen, verbessert sich die Verbindung und es bilden sich eigene Transportwege, damit die Übertragung der gleichen Signale für die Zukunft möglichst effektiv ist. Die Stärkung der neuronalen Pfade ist genau das, was im Hundetraining passieren soll. Der Hund wiederholt gewünschte Verhaltensweisen und polt sein Gehirn darauf um. Der Informationsfluss zu dem neuen Reaktionsmuster kann dadurch mit jeder Wiederholung leichter abgerufen werden, wohingegen die alten Übertragungswege allmählich verblassen.
Es gibt vier Transmittersysteme zur Übertragung der Informationen. In der Frage um die Entstehung von impulsgestörtem Verhalten spielen das dopaminerge und das serotonerge System eine entscheidende Rolle.
Dopamin ist ein Glückshormon. Es wird im Zusammenhang mit positiven Empfindungen freigesetzt und wirkt dann, wenn Motivation und Belohnung am Ausgang der Situation beteiligt sind.
Dopamin beeinflusst die motorische Reaktion, indem es den Erregungsimpuls an entsprechende Stelle weiterleitet. Weil der Hund nach dem Prinzip des Lustgewinns und der Schmerzvermeidung vorgeht, wird die körperliche Handlung so ausfallen, dass die Folge darauf möglichst angenehm ist.
Serotonin ist immer dann im Spiel, wenn es darum geht, gelassen auf Veränderungen zu reagieren. Es schützt davor, bei Stress aus der Haut zu fahren. Die vorhandene Menge Serotonin kann aber nur ein gewisses Stressaufkommen kompensieren. Alles, was darüber hinausgeht, wird vom Serotonin nicht mehr abgefangen. In lang anhaltenden Stressphasen oder bei Stress von besonders hoher Intensität greift der Beruhigungsmechanismus also nicht und der Hund neigt zur Unruhe und Aggression.
Noch bevor rationale Denkprozesse in Gang gesetzt werden, bewertet das limbische System, ob eine Handlung lohnenswert ist, weil sie positive Folgen nach sich ziehen wird, oder ob von ihr abgelassen werden sollte, weil die Konsequenzen eine emotionale Disharmonie verursachen könnten. Die unterbewusste Kategorisierung von Ereignissen in gut oder schlecht beeinflusst den Grad an Motivation, mit der diesem Ereignis begegnet wird. Das limbische System speichert die Bewertung ab, sodass sie in einer ähnlichen Situation als Entscheidungshilfe für die darauf folgende Reaktion genutzt werden kann.
Zum limbischen System gibt es ein Gegenstück, den sogenannten Kortex. Der Kortex ist für das rationale Denken verantwortlich. Auf Grundlage des Gefühlsspeichers im limbischen System werden im Kortex Handlungen geplant und gegenkontrolliert. Hier entscheidet sich also, ob der Hund seine Impulse steuern kann oder nicht.
Eines der Hirnareale, das immer wieder an Impulskontrollstörungen beteiligt ist, ist der Hypothalamus. Er steuert die Hormonproduktion. Der Hypothalamus wird auch aktiv, wenn sich der Hund nicht zu helfen vermag, weil er keine Bewältigungsstrategie kennt, die zur Lösung einer akut belastenden Situation beitragen könnte. Er greift dann auf alternative Verhaltensweisen (Übersprunghandlungen und Instinkte) zurück, die zwar nicht zur Problemlösung beitragen, aber das Gehirn ersatzbefriedigen und damit den hormonellen Erregungszustand stoppen (Dopaminbremse).
Wird der Hund mit einer Gefahr konfrontiert, steigt der Kortisolspiegel. Kortisol ist das Stresshormon, welches dafür verantwortlich ist, dass man sich auf die wesentlichen, lebenserhaltenden Maßnahmen konzentriert und alles Weitere vorerst in den Hintergrund gerät. Der Körper befindet sich in einem Zustand, in welchem er sein gesamtes Leistungspotenzial schlagartig entfalten kann, nachdem er die instinktive Entscheidung für Kampf oder Flucht getroffen hat.
Defensive Trainingsmethoden – so lernt der Hund
Damit der Hund auf Stressoren selbstbeherrscht reagieren kann, muss er lernen, Frustration zu ertragen und instinktives Störverhalten gegen alternative Lösungsmuster einzutauschen. Im Extremfall kann er dann auf diese erlernten Strategien zurückgreifen und den Akutmoment souverän meistern.
Ein ganz wesentlicher Teil beim Lernen geschieht im mesolimbischen System, also jenem Teil des Gehirns, der für Belohnung und Motivation zuständig ist. Beide Aspekte gehen Hand in Hand, denn in Erwartung einer Belohnung ist der Hund motiviert dazu, Verhalten abzurufen, das ihm Mühe bereitet. Je beschwerlicher der Weg, desto mehr Motivation ist dafür erforderlich.
Als Belohnung kommen alle Aktivitäten oder Objekte in Betracht, die bei dem Hund angenehme Gefühle auslösen, also alles, was er als Erfolg verbucht. Das können kleine Leckerbissen sein, lobende Worte, Körperkontakt, Gerüche, Sinnesempfindungen oder das Spiel mit dem Ball.
Dieser Trainingsansatz nennt sich positive Verstärkung. Körperliche Strafen, Schreie oder Ignoranz werden bei dieser Herangehensweise ausgeklammert. Das Erfolgsbemühen des Hundes ist nämlich derart ausgeprägt, dass er versuchen wird, Misserfolge möglichst zu vermeiden. Ein Misserfolg kann auch das Ausbleiben einer Belohnung sein. Sobald der Hund in seinem Verhalten nicht bestärkt wird, sucht er also nach einer Alternativlösung, die einen Erfolg auslöst. Ist der Hund nun einer vergleichbaren Situation ausgesetzt, die seine Selbstbeherrschung fordert, erinnert er sich an die erlernte Strategie. In Erwartung an das folgende Lob wird er das erwünschte Verhalten abrufen.
Der Hund lernt aber auch durch Struktur und wiederkehrende Abläufe. Er lässt sich auf ein bestimmtes Verhalten konditionieren, wenn er mehrere Komponenten miteinander in Verbindung setzt. So kann er zum Beispiel den Zusammenhang bestimmter Geräusche und Tätigkeiten erkennen.
Ferner lernt der Hund am Modell. Er orientiert sich also an seinen Artgenossen oder am Halter und kopiert, was er sieht. Der Hundehalter ist deshalb ein wichtiges Vorbild. Wenn er sich selbst nicht stressen lässt, kann auch der Hund einen Teil seiner Anspannung ablegen. Über einen längeren Zeitraum lernt er dadurch, dass bestimmte Reize ungefährlich sind und er nicht impulsiv darauf reagieren muss.
Der Hund ist also durchaus dazu in der Lage, sein Handeln zu steuern. Er kann vorausschauend und planerisch vorgehen. Er kann sich für oder gegen eine Aktion entscheiden. Für ein gesundes Miteinander und das Nutzen sozialer Strukturen sind Fähigkeiten dieser Art unverzichtbar.
Die sichere Mensch-Hund-Beziehung
Stabilität und Vertrauen sind die Basis, auf der Veränderungsprozesse stattfinden. Deshalb steht zunächst der Halter in der Pflicht, an der Beziehung zu seinem Hund zu arbeiten und klassische Erziehungsfehler wie Bestrafungen, Überforderung oder Wankelmut zu vermeiden.
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