Johimbe schenkte den sichtlich erschreckten Überlebenden ein falsches Lächeln, zog völlig ungerührt ihrerseits die Waffe und sprach Uslar so laut an, dass es die Anderen gerade noch hören konnten: »Und warum bitteschön legst du die Anderen nicht auch um? Oder hast du die Einsatz-Doktrin sieben vergessen?«
Uslar zuckte die Achseln.
»Ich bin heute nicht in Stimmung. Wir sollen uns in der Zentrale melden, schon vergessen? Das macht mich immer unwirsch. Ging noch nie ohne Anschiss ab.«
Johimbe wandte sich Uslar zu, ließ aber die Glatzen nicht aus den Augen. Die stellten aber keine Gefahr mehr dar, flohen sie doch halbwegs geordnet in den hintersten Teil des Zuges, darauf bedacht, möglichst viel Abstand zu gewinnen. Da der Zug leer war, konnten sie aber auch dort jedes Wort hören, zumal die beiden Streithähne ihre Lautstärke darauf abstimmten. Das Verabreichen von Angstgefühlen machte ihnen Spaß, wenigstens darin waren sie sich einig. Außerdem hatte man sie dazu ausgebildet.
»Ach gar. Und deshalb verschonst du gleich eine ganze Kamarilla von Schmeißfliegen, die per Definition nicht nur vom Boss, sondern auch vom EU-Direktorat zur Liquidation freigegeben sind? Uslar, du arbeitest unsauber, wenn ich das mal sagen darf.«
Uslar nahm den Streit sehr ernst, wie er eigentlich alles furchtbar ernst nahm. Er vermochte es nur nicht ernsthaft genug zu vermitteln, weil er seine zynische Ausdrucksweise nicht abstellen konnte. Wütend schaute er zu ihr hoch. »Unsauber, ja? Das passt ja wieder zu dir, nur die Frau Gedöhnsrat von der heiligen Inkarnation der Schreckschrauben ist berufen, alles perfekt zu machen. Warum hast du dann nicht mal eben diese lästige Kleinigkeit erledigt, als es darum ging, das Flugzeug zu landen? Nicht perfekt genug, darf ich das so annehmen?«
Johimbe wurde es zu bunt. Dass dieser Gnom auch aus allem und jedem immer eine Grundsatzfrage machen musste.
»Nein, du Troll-Imitation. Das nennt man Arbeitsteilung. Ich die Menschen, du die Maschinen, so halten wir es doch seit ein paar Jahren. Unglaublich lange und mühselige Jahre, wie ich hinzufügen möchte. Insofern hättest du diese Kerle ruhig mir überlassen können. Dafür bin ich zuständig.«
»Oh, schön, Du hast aber nicht reagiert. Das pomadige Anstarren männlicher Muskelberge kann man wohl kaum als tätige Gegenwehr bezeichnen. Ergo musste ich ran, ich, der gar nicht perfekte Troll hat schneller reagiert als die gnadenlose Killer-Queen. Somit warst du zu langsam und damit nicht perfekt. Tor für Luxemburg.«
Er machte eine verächtliche Siegergeste und traf Anstalten, den Zug zu verlassen. Gerade fuhren sie an der richtigen Haltestelle vor und aus dem hinteren Eingang quoll ein Trupp glatzköpfiger Schläger und rannte, was das Zeug hielt. Uslar und Johimbe traten aus dem am weitesten entfernten Ausgang am anderen Ende des Zuges und kümmerten sich überhaupt nicht um die Fliehenden. Im Gehen stritten sie weiter, Johimbe wechselte langsam zu grundsätzlicheren Themen.
»Zu schnell sein, das Hauptübel von euch Kerlen. Gleich nach der Unsitte, Gespräche nicht bis zum Ende durchstehen zu können. Würdest du die Güte haben und deinen Job machen, anstatt hier patzige Vorträge zu halten?«
Uslar blieb stehen, drehte sich um und fauchte: »Ich mache meinen Job. Wenn nur ganz wenige Leute ihren Job so machen würden wie ich, säße die Menschheit heute nicht bis zu den Nasenlöchern in der Scheiße. Abgesehen davon haben sich die Nazis so verhalten, wie man es von ihnen erwartet: Sie sind beim ersten Anzeichen von ernsthaftem Widerstand geflohen und haben ihren Freund zurückgelassen. Und ganz unter uns: Ich habe Zeit gewinnen wollen. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Ziele beschränkt, erreicht man damit einen unfassbar großen Zeitvorteil. Ein Zeitvorteil, den du in typisch weiblicher Manier durch heilloses Gesabbel soeben verspielt hast.«
Die letzten Worte spuckte er vor ihre Füße und wandte sich danach endgültig ab, um im Sturmschritt die Unterwelt zu verlassen. Sie knirschte mit den Zähnen, und bevor sie ihm folgte, knurrte sie vor sich hin: »Häng mir noch einmal typisch weibliche Fehler an und ich schneide dir die Ohren ab und verspeise sie zum Frühstück.«
*
Nicht weit von der U-Bahn-Station entfernt befand sich ihr Ziel. Die Seniorenwohnanlage Sonnenstift lag zwischen Rhein und ehemaliger Bundesstraße mitten im Bettler-Viertel. In diesen harten Zeiten befanden sich alle Altenheime in Bettler-Vierteln, zum einen, weil dies angesichts des allgemeinen Verfalls schlicht sehr wahrscheinlich war, zum anderen wegen der Abneigung der verbliebenen gut situierten Bürger, hilfebedürftige Personen in ihren Vierteln zu dulden. Bettler jeden Alters prägten denn auch das Straßenbild, von ihren persönlichen Müllhaufen streckten sie teils barmend, teils aggressiv den beiden ihre offenen Hände entgegen.
Die Häuserzeilen befanden sich im Endstadium des Verfalls, keine intakten Fenster weit und breit, kein Wasser, hie und da eine Fassade bereits zusammengebrochen, überall Spuren gewalttätiger Auseinandersetzungen. Niemand aus den besseren Stadtteilen wagte sich in die Gegend, wenn es keinen guten Grund hierfür gab, und den gab es eigentlich nur einmal: Um die eigene Oma abzuliefern.
Entsprechend aufgeregt verhielten sich die Bettler, die rigoros um die besten Plätze entlang des Weges rangelten. Die zerlumpten Gestalten konnten sich offenkundig nicht einmal auf einheitliche Plätze zur Verrichtung der Notdurft einigen, es stank höchst einheitlich, öfters gab es am Wegesrand auch den Grund hierfür zu besichtigen. Aus diesem Bild des Schreckens ragte das Hochhaus der Seniorenwohnanlage wie ein schmutzig-grauer Leuchtturm heraus. Wachmänner mit Schrotflinten und E-Schockern bewachten mit grimmigen Mienen die Zufahrt.
Johimbe und Uslar zeigten ihre Ausweise und wurden durchgelassen. Im Gebäude angelangt achteten sie nicht auf die verstörte Ansammlung halbwegs gut gekleideter, aber sehr alter Menschen, die durch die großen Scheiben fassungslos auf das Treiben auf der Straße blickten, sondern durchmaßen zielstrebig die Eingangshalle und das angrenzende Bistro und betraten schließlich einen Fahrstuhl mit der Aufschrift Privat! Zutritt streng verboten.
Sie drückten keine Knöpfe, sondern warteten ab, bis sich die Tür schloss. Dann trat Johimbe vor die rückwärtige Glaswand, streckte ihren linken Arm von der Hüfte aus von sich weg, bildete mit kräftigem Druck eine Faust und ließ dann ruckartig den kleinen und den Zeigefinger aus der Faust herausschnellen. In diesem Augenblick entstand dicht über dem Handgelenk ein Hologramm. Grelle Farben wirbelten durcheinander und formten einen Buchstaben und zwei Zahlen. Johimbe sprach dazu in die Glaswand: »Selina Saskia Johimbe, Bevollmächtigte Nummer neun, T73, Code JP197.«
Sie machte Platz für ihren Begleiter, der mit den gleichen Bewegungen das Hologramm produzierte und der Glaswand seine Identität erklärte: »Drusus Xerxes Ramses Uslar, Bevollmächtigter Nummer dreiundzwanzig, T73, Code JO196.«
Mit einer ruckartigen Bewegung schlossen beide die Fäuste wieder, woraufhin die Hologramme verschwanden. Der Fahrstuhl setzte sich ohne weitere Umstände in Bewegung. Uslar nutzte die Zeit für einen mürrischen Einwand.
»Ich hasse es, T73 auf Englisch auszusprechen. Da komme ich mir vor wie ein Vertreter für Gesundheitstee. Nehmen Sie Tee Nummer 73, und die Prostata kneift nie wieder. Alberner Mummenschanz.«
Johimbe betrachtete den kleinen Mann mit distanzierter Nachdenklichkeit.
»Sag mal, Uslar, gibt es eigentlich irgendetwas auf diesem verfluchten Planeten, was von dir nicht gehasst wird? Eine winzige Kleinigkeit?«
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