Loyd versuchte, seinen Kopf zu bewegen, um die Umgebung zu erspähen. Ein kleines Feuer flackerte nicht weit entfernt von der Holzbank, auf der er lag. Loyd fühlte sich schrecklich. Sämtliche Gliedmaßen schmerzten. Er konnte sich nicht erinnern, was passiert und warum er mitten im tiefsten Laternenwald aufgewacht war. Er versuchte, etwas zu sagen, brachte aber nur ein klägliches Stöhnen hervor. Etwas bewegte sich in der Nähe.
»Loyd!«, ertönte eine vertraute Mädchenstimme. »Du bist wach.«
Loyd hörte schnelle Schritte. Das besorgte Gesicht seiner Schwester tauchte vor seinen Augen auf und verdeckte seine Sicht auf die glitzernde Baumkrone.
»Loyd, kannst du mich hören?«, fragte Keli vorsichtig und neigte ein Ohr nahe an den Mund ihres Bruders. Loyd versuchte vorsichtig, seine Arme zu bewegen. Sie schienen nicht gebrochen zu sein. Es gelang ihm, eine Hand kurz anzuheben, er ließ sie dann aber kraftlos wieder sinken.
»Dem Himmel sei Dank. Ich dachte schon, du wärst tot«, flüsterte Keli mit bebender Stimme. »Als ich unten in der Tal-Rutschstation ankam, wurde auf einmal der ganze Berg zu einer Eislawine. Zum Glück hat mir die Kälte nichts ausgemacht, sonst wäre ich in der Sturzflut entweder erfroren oder ertrunken. Und dann plötzlich, als ich mich an einem Baum festklammerte, sah ich dich im überquellenden Flussbett vorbeitreiben. Brühwarme Schneesuppe, ich habe mir fast in die Hose gemacht.« Keli schluchzte; sie hatte Tränen in den Augen. Sie versuchte sich an einem mutigen Grinsen, das ihr aber merklich misslang.
»Wo sind wir?«, wollte Loyd leise stöhnend wissen.
»Im Laternenwald südöstlich der Tal-Rutschstation. Ich glaube, zu Fuß sind es ein paar Stunden bis nach Herbstfeld. Ich vermute, alles nördlich von hier und auch die Bahnlinien liegen unter Wasser und Eis begraben. Ich habe ein Feuer gemacht, um unsere Kleider zu trocknen.«
Keli legte umsichtig eine Hand auf Loyds Stirn.
»Du scheinst Fieber zu haben. Am besten ruhst du dich ein wenig aus. Ich werde in der Zwischenzeit auf dich aufpassen.«
Kelis zarte, warme Hand fühlte sich beruhigend an. Obwohl seine Schwester gerade mal dreizehn geworden war, wirkte sie – wenn sie nicht gerade ihre pubertären Anfälle hatte – oft sehr erwachsen. Loyd wollte eigentlich noch fragen, was genau geschehen war, doch als er nur für einen Moment die Augen schloss, übermannte ihn der Schlaf und er ließ los.
Als Loyd das nächste Mal die Augen öffnete, fühlte er, dass es ihm viel besser ging. Er lag auf einem weichen Bett und spürte, wie eine frische Brise durch ein Fenster über seinem Kopf ins Zimmer strömte. Von draußen schien das Nachmittagsblau freundlich auf seine Bettdecke. Das unverkennbare Geräusch von Grillen war zu vernehmen, die mit ihrem Gesang gespannt den Abend begrüßten. Es gelang Loyd, den Kopf nach links zu wenden. Sein Blick fiel auf eine Reihe von Krankenbetten, auf denen mit Verbänden umwickelte Gestalten lagen. Sein Gedächtnis schien ebenfalls von einer dicken Binde umwoben zu sein und wollte ihm nicht beichten, was ihm widerfahren war. Er wollte sich gerade aufrichten, als die große Doppeltür des Krankensaals aufschlug.
»Loyd! Herr Ankerbelly, er ist wach!«
Herein kamen drei Leute: Keli, gefolgt vom maßlos dicken und graubärtigen Professor Ankerbelly und einem jungen, lockigen Krankenpfleger. Keli rannte an Loyds Seite und strich sich mit dem Ärmel ein paar Tränen aus dem Gesicht.
»Bist du okay? Wie fühlst du dich? Weißt du, wer ich bin?«, sprudelte es aus Keli hervor.
Ehe Loyd den Mund aufmachen konnte, trat Ankerbelly ans Bett, so gut dies ging, denn sein Bauch war so groß, dass er fast einen Meter vom Bett entfernt stehen bleiben musste.
»Alles mit der Zeit, Keli«, sagte Ankerbelly mit einem breiten, freundlichen Lächeln. Er sah, obwohl seine Mundwinkel nach oben zeigten, recht mitgenommen aus.
»Loyd, du und deine Schwester, ihr habt mir einen gehörigen Schrecken eingejagt. Zum Glück bin ich noch früh genug aufgebrochen, um nach dir zu sehen.«
»Was ist passiert?«, fragte Loyd, vorsichtig zu seiner Stimme findend. »Ich erinnere mich an fast gar nichts. Da waren goldene Lichter überall.« Seine Stimme klang leiser und rauer als er beabsichtigt hatte.
»Nun, eins nach dem anderen«, sagte Ankerbelly gutmütig. »Zuerst mal müssen wir herausfinden, wie es dir geht.«
Der Krankenpfleger, der mit ihnen ins Zimmer gekommen war, maß gerade Loyds Blutdruck. Er sah gestresst aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen. Er fragte, wie es Loyd gehe, ob er Schmerzen habe, und ob ihm sonst etwas fehle. Loyd verneinte die ersten beiden Fragen, doch bei der letzten musste er gestehen, dass er gewaltigen Hunger hatte. Der Pfleger brachte ihm ein einfaches Abendessen auf einem Tablett und hastete dann hinüber, um nach den anderen Patienten zu sehen.
Ankerbelly und Keli standen unterdessen ein wenig abseits vom Bett und schauten zu, wie Loyd vorsichtig ein paar Kichererbsen auf seinen Löffel häufte. Loyd unterbrach die Stille nach einer Weile und brummte: »Mir geht’s gut. Schaut nicht drein, als wäre ich ein Geist.«
Keli und Ankerbelly, die nebeneinander wie Zwerg und Riese aussahen, traten mit verstohlenen Mienen wieder näher. Loyd musste dringend Fragen stellen. Er wollte wissen, was geschehen war und wie lange er schon hier gelegen hatte.
»Ich wäre euch zutiefst verbunden, wenn ihr mich über den neusten Stand der Dinge aufklären würdet.«
Er nahm einen gewaltigen Löffel Süßkartoffelbrei. Es schmeckte ausgezeichnet.
»Dann schießt mal los. Wo bin ich überhaupt?«
Ankerbelly erhob etwas zögernd die Stimme: »Das hier ist das Universitätsklinikum der HHF. Du weißt, wo das ist?«
Loyd stutzte. Sollte das ein Witz sein? Natürlich wusste er, wo das Krankenhaus seiner Hochschule lag.
»Anker, mit Verlaub, was soll das? Natürlich weiß ich es!«, raunzte er verärgert.
»Öh, tut mir leid. Ich dachte, du könntest dich nicht mehr erinnern, was passiert ist.«
»Kann ich auch nicht. Könntet ihr mir jetzt bitte endlich auf die Sprünge helfen?«
Anker und Keli tauschten einen beklommenen Blick, dann fuhr der Professor, dessen Gesicht sich unwillkürlich verfinsterte, fort: »Nun gut.« Anker seufzte tief. »Meine Kollegen und ich haben Keli und dich letzte Nacht im Laternenwald in der Nähe der südlichen Ausläufer der Hildenberge aufgefunden, nicht weit von der Tal-Rutschstation. Keli hat versucht, dich auf dem Rücken nach Herbstfeld zu tragen.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Aus noch unbekannten Gründen ist der Gletscher über Hildenberge zusammengestürzt. Das Schmelzwasser, das von den Bergen ins Tal geflossen ist, hat in der letzten Nacht das Gebiet rund um die Bergkette weitläufig überschwemmt. Nun, wie soll ich es dir sagen, Loyd. Das Dorf Hildenberge – gibt es nicht mehr.«
Loyd ließ den Löffel sinken. Schlagartig öffneten sich alle verschlossenen Schublädchen in seinem Kopf: die bedrohlichen Geräusche aus dem Eis, das plötzliche Rinnen des Wassers aus der Decke ihrer Frierhütte, die Leute draußen, die versucht hatten, den Gletscher vor dem Einbrechen zu bewahren und die Welle – die ihn von den Füßen gerissen und in die Berg-Rutschstation hineingeschleudert hatte. Ein Gefühl von unendlicher Trauer überkam ihn. Hieß dies, dass seine Eltern – dass sie tot waren? Anker, der Loyds Gesichtsausdruck sofort zu entziffern vermochte, sagte rasch: »Die genaue Ursache des Unglücks können wir noch nicht wissenschaftlich untermauern. Wir glauben aber zu wissen, dass es einerseits einen Zusammenhang gibt mit den Veränderungen im Geschwärzten Zentrum und der Geburt eines neuen Sonnenlochs. Nachdem das Eis zusammengebrochen war und dessen Wassermassen die Täler rund um den Berg versenkt hatten, wurde über dem Höhenzug ein gewaltiges Licht ausgemacht, das hoch zu den himmlischen Scheiben emporscheinen soll. Selbst gesehen habe ich es nicht, aber laut Berichten von Bergungsleuten muss unter dem Dorf der Boden weggebrochen und ein bisher verborgenes Sonnenloch zum Vorschein gekommen sein. So unglaublich es klingen mag, das sind die Darlegungen vertraulicher Quellen.«
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