Seitdem ist viel Zeit vergangen und sie stehen nur sporadisch im E-Mail-Kontakt. Doch immerhin schrieb sie ihm vor ein paar Monaten, dass sie sich mit Elli und Monika wieder für eine Urlaubswoche in Italien verabredet hatte. Warum hätte sie ihm das schreiben sollen, wenn sie sich nicht vielleicht ausrechnete, ihn, Matthias, dadurch überreden zu können, auch dort hinzukommen? Zwar weiß sie von Ulla und … um Himmels willen, nein! Darum geht es doch gar nicht! Sie sind Freunde! Vielleicht auch … Seelenverwandte, weil sie Dinge voneinander wissen, die für andere ein Geheimnis bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Das allein ist schon etwas ganz Besonderes, was es nur selten im Leben gibt. Aber alles andere ist natürlich völlig abwegig! Julie wohnt schließlich in der Schweiz und er in Deutschland. Mindestens 400 Kilometer liegen zwischen ihnen. Da kommt man nicht mal eben so auf einen Kaffee vorbei!
Wow! Dieses winzige Dorf, das sie gerade durchfahren! Als wäre hier in ferner, mystischer Vergangenheit die Zeit stehen geblieben! Eigentlich ist es nur eine Ansammlung von aus grauem Stein erbauten Häusern mit kleinen Fenstern, schiefen Holztüren, manche mit üppig blühenden Kästen und Blumenampeln geschmückt. Drei recht betagte Herren haben es sich auf einer kleinen Bank gemütlich gemacht und beäugen neugierig das Gefährt, das die oft geflickte Dorfstraße passiert, als würden solche Ereignisse wie dieses, dass Fremde sich hierher verirren, nur selten sein. Einer der Männer sitzt vornübergebeugt auf einen knorrigen Stock gestützt, der nächste hat einen hellbraunen Hund zu seinen Füßen, der entspannt alle Viere von sich streckt, und der dritte kaut vergnügt auf irgendetwas herum – vermutlich Tabak, denkt Matthias. Was für ein Bild! Richtige Originale! Die müsste man eigentlich fotografieren!
„Ist das nicht unglaublich? Und das ist alles echt! Hier wohnen richtige Menschen!“, ruft er begeistert.
Zur Antwort bekommt er nur ein kurzes „Hm“. Doch dafür hat er Verständnis. Schließlich sind sie heute sehr früh aufgebrochen und standen noch in Deutschland für mindestens eine Stunde im Stau. Auch die restliche Fahrt zog sich wegen der Mautstelle am Brenner und einer Baustelle auf der italienischen Autobahn mächtig in die Länge. Er ist sich sicher, dass Ulla einfach müde ist. Schließlich braucht sie auch sonst ihren Schlaf und ist unausstehlich, wenn sie zu wenig davon bekommt!
„Es wird ihr schon gefallen“, glaubt Matthias. „Wenn wir erst da sind, wird sie es lieben!“
Unbeirrt ob Ullas Einsilbigkeit passiert er das malerische Dorf und kämpft sich weiter die Straße hinauf. Die ist nun von einer asphaltierten Fahrbahn zu einer staubigen Schotterpiste geworden. Matthias meint sich zu erinnern, dass es jetzt nicht mehr weit sein kann. Gut, das hat er vorhin auch schon gedacht. Und davor auch, als sie diese besonders scharfe Kurve genommen haben, die auch das letzte Mal – daran erinnert sich – völlig überraschend vor ihnen auftauchte! Ja, diese Serpentinen ziehen sich in die Länge! War das vor drei Jahren auch schon so gewesen?
Langsam erwacht die Erinnerung, wie er damals mit Elli, die eine Mitfahrgelegenheit nach Italien anbot, anreiste, und wie sie vermuteten, sie wären falsch abgebogen, als sie auch nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie sich Kurve um Kurve die Berge hinaufgeschraubt hatten, immer noch nicht am Ziel waren.
Aber jetzt, wo sie auf der Schotterpiste sind – er weiß es ganz genau! – jetzt kann es nicht mehr weit sein! War da irgendwo, kurz bevor man das Gut erreichte, nicht diese Stelle mit dem grandiosen Ausblick? Wo man das Gut auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sehen konnte wie auf einem Gemälde? Na klar! Da gab es ein kurzes Stück Straße, wo der ohnehin meist spärliche Bewuchs der Berghänge für ein paar Meter die Sicht freigab auf das Anwesen, das damals, nach der schier unendlich langen Fahrt von Deutschland bis hierher, in der spätnachmittäglichen Sonne vor ihnen lag wie ein wahr gewordener Traum! Dahinten muss die Stelle sein, vermutlich hinter dem nächsten Felsvorsprung! Nee, doch nicht. Aber gleich! Hinter der nächsten Kurve! Bestimmt!
Tatsächlich, da ist es! Leider steht dort schon ein Auto. Aber hey, an das erinnert er sich! Damit ist er vor drei Jahren nach Italien gereist! Das muss Elli sein! Sie hat also den alten Japaner noch? Und ist das neben ihr nicht Monika?
„Die Beiden kenne ich!“, jubelt Matthias und betätigt übermütig die Hupe.
„Das ist Matthias! Juhu!“, ruft Elli übermütig und winkt heftig. „Das neben ihm ist sicher seine Freundin!“
„Anzunehmen“, denkt Monika spöttisch und amüsiert sich über den jugendlichen Überschwang ihrer Begleiterin.
Ein bisschen beneidet sie Elli jedoch auch darum. Sie selbst fühlt sich für so viel Lebhaftigkeit zu alt, obwohl auch Monika sich ehrlich darüber freut, Matthias wiederzusehen. Schließlich ist er ein wirklich netter Kerl, wenn er damals auch etwas nervte mit seiner unreifen Art. Aber vielleicht hat er die nun abgelegt? Julie hatte Elli und ihr geschrieben, dass er seine Freundin mitbrächte, die ein Kind habe und der er wohl auch finanziell etwas unter die Arme greifen müsse – jedenfalls hatte Julie das aus den Mails, die sie von Matthias erhalten hatte, herausgelesen. Wenn er nun also Verantwortung für eine Frau und ein Kind trägt, dann ist er daran vermutlich gereift?
Sie würde sich darüber freuen. Vor allem deshalb, weil sie weiß, wie sehr sich Matthias damals eine eigene Familie wünschte. Vielleicht hat er nun bekommen, was er haben wollte?
Der kleine, unter der beachtlichen Staubschicht vermutlich weiße Wagen kommt kurz vor ihnen zum Stehen. Kaum, dass er einen Halt findet auf dem schmalen Seitenstreifen, ist Matthias schon mit einem Satz aus der Fahrertür gesprungen und stürmt auf die beiden Frauen zu. Elli hüpft ihm freudestrahlend entgegen und fällt ihm um den Hals. Dann dreht sie sich übermütig zu Monika um und ruft: „Schau mal! Er hat sich kein bisschen verändert! Sogar die Brille ist noch dieselbe!“
„Naja, ein bisschen zugelegt hat er um die Hüften“, ruft Monika nach einem kurzen Blick auf Matthias boshaft. Aber auch sie lacht und umarmt ihn herzlich, als Elli ihn loslässt. „Nichts für ungut“, sagt sie entschuldigend und grinst ihn frech an.
„Du hast ja recht“, antwortet der große Blonde gutmütig. „Seit ich in festen Händen bin, bin ich ruhiger geworden. Das kriegt natürlich auch meine Figur zu spüren! Das ist sie übrigens, meine Freundin!“
Er dreht sich zum Auto um, aus dessen Beifahrerseite eine kleine Person mit glatten, aschblonden, halblangen Haaren klettert und zögernd um die offene Tür herum auf die Gruppe zusteuert. Unverhohlen mustert Monika die Frau in dem hellgrauen T-Shirt und der engen, hellbeigefarbenen Stretchhose. „Oh je“, denkt sie, „eine Stilberatung könnte der jungen Frau nicht schaden!“ Sie findet, dass das Grau des T-Shirts sie noch farbloser erscheinen lässt, als sie sowieso schon ist, und die enge Hose recht unvorteilhaft den mächtigen Hintern betont, der fast deplatziert wirkt an der ansonsten schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Person. „Jedenfalls ist damit schon mal klar, dass sich Matthias nicht wegen ihres Aussehens für sie entschieden hat“, überlegt Monika.
Im nächsten Moment erschrickt sie und findet sich furchtbar, über die junge Frau nur wegen ihres Äußeren so herablassend zu urteilen. Schnell bemüht sie sich, etwas Positives an Ullas Erscheinung zu finden. „Hm, das Gesicht ist eigentlich ganz niedlich, jetzt, wo sie ein schüchternes Lächeln wagt. Vermutlich könnte sie etwas aus sich machen, wenn sie sich Mühe gäbe. Doch irgendwie sieht sie nicht danach aus, als würde sie sich mit irgendetwas Mühe geben“, findet Monika.
Читать дальше