Da das Wohnzimmer frei von Liebhabern und seiner leicht verführbaren Mutter war, nahm er den Rucksack vom Beifahrersitz und stieg aus dem Auto aus. Die Tür schlug er absichtlich mit großer Wucht zu, da er wusste, dass es seine Mutter besonders ärgerte. Während er den Haustürschlüssel aus seiner Hosentasche kramte, winkte er einem kleinen Mädchen zu, das auf einem Dreirad auf dem Bürgersteig fuhr.
„David!“, quiekte sie vergnügt und stieg so schnell, wie ihre kleinen Beine es zuließen, von ihrem Dreirad ab und lief mit offenen Armen auf ihn zu. Ihre blonden Haare waren zu zwei Zöpfen zusammengebunden, die beim Laufen links und rechts auf- und abhüpften.
„Zoe, meine Kleine“, antwortete er und strahlte sie übers ganze Gesicht an. Endlich jemand, der sich ihm gegenüber nicht merkwürdig verhielt oder wirkte, als ob er was zu Starkes geraucht hätte, auch wenn das bei Trae genau der Fall war. Wenigstens würde sie den Tag nicht schlimmer machen, sondern den Vorhang, der sich – metaphorisch gesehen – vor seinen Gefühlen befand, etwas aufziehen und ihm so etwas Licht in der Dunkelheit schenken. Mit einem Lachen auf den Lippen sprang sie ihm in die weit geöffneten Arme, so dass er seinen Rucksack fallen ließ, als er sie auf den Arm nahm. Sie klammerte sich an ihm fest und drückte ihre Wange fest gegen seine.
„Du hast mir so gefehlt“, erzählte sie ihm mit voller Ernsthaftigkeit.
„Du mir auch, Zoe“, erwiderte er und drückte sie noch fester an sich.
„Du drückst mich ja so platt wie ein Pfannkuchen“, witzelte David und lockerte ein wenig seine Arme, die er um ihren kleinen schmächtigen Oberkörper geschlungen hatte.
„Ich liebe Pfannkuchen!“, quietschte sie vergnügt und begann auf seinem Arm zu hoppeln.
„Ist das so?“ Er setzte einen scherzenden verwunderten Blick auf und musterte sie von oben bis unten. Sie nickte heftig mit dem Kopf. Ihr Lächeln offenbarte ihre Zahnlücke, an deren Stelle sich eigentlich ihr rechter unterer Schneidezahn befinden sollte. Anscheinend hatte sie vor kurzem ihren Milchzahn verloren und erwartete dort nun bald ihren dauerhaft bleibenden „Erwachsenenzahn“, wie ihre Eltern es nannten.
„Was hältst du denn davon, wenn wir reingehen und welche machen?“
„Ja! Mit Erdbeeren und ganz viel Ahornsirup!“, schrie sie glücklich. David musste lachen. Am liebsten würde er von zuhause ausziehen und sich eine Wohnung suchen, wo er sie selbst aufziehen könnte. Würde es sie nicht geben, wäre er schon längst von diesem Ort hier verschwunden. Doch sie hielt ihn hier. Ihr Vater war ein Trinker und ihre Mutter nur selten daheim. Er fühlte sich verantwortlich für sie, denn er war sich sicher, dass sie das hier ohne ihn nicht durchstehen würde. Und er ohne sie auch nicht.
„Zoe“, ermahnte er sie und sah sie erschrocken an.
„Bitte David! Bitte. Dieses eine Mal.“, flehte sie ihn mit großen Augen an.
„Na gut. Aber nur dieses eine Mal! Dann darfst du das aber keinem erzählen“, flüsterte er ihr – immer noch lächelnd - geheimnistuerisch zu.
„Juhu“, jauchzte sie und warf sich nach vorne, um ihn wieder zu umarmen. Sie verharrten einen kurzen Moment so und genossen diesen schönen Augenblick der Ruhe. Dann setzte er sie langsam ab und streichelte über ihre Wange.
„Pass auf“, sagte er und beugte sich zu ihr herunter. Sie nickte mit dem Kopf und zog ihr violett-pink gestreiftes T-Shirt, an dessen Kragen sich ein kleines von Motten gefressenes Loch befand, wieder grade.
„Du fährst jetzt nach Hause und sagst deiner Mom, dass wir zusammen Pfannkuchen machen und uns danach noch einen Film ansehen werden. Um sechs bringe ich dich wieder nach Hause.“
„Sieben!“, erwiderte sie und stampfte mit dem Fuß empört auf dem Boden auf.
„Halb sieben und ein Glas Kool Aid“, bot er ihr an, „Einverstanden?“ Sie war einverstanden und nickte so stark, dass David kurzzeitig Sorge hatte, dass ihr kleiner blasser Kopf mit ihren wunderschön dunkelbraunen Augen von ihrem dünnen Hals kullern würde.
„Schön. Na los. Wenn du dich nicht beeilst, fange ich ohne dich an“, drohte er ihr im Spaß.
„Das ist gemein“, antwortete sie und schaute ihn böse an.
„Ich mach doch nur Spaß, Kleine“, beruhigte er sie und hob unschuldig die Hände.
„Außerdem bin ich nicht klein! Ich bin schon fast neun!“, berichtigte sie ihn und zeigte ihm neun Finger, die sie dann selbst noch einmal überprüfte und vorsichtshalber nachzählte. Er lachte herzlich, während sie angestrengt nachdachte ob nach der Acht nicht doch erst die Zehn kam.
„David?“, rief ihn seine Mutter, die in der offenen Tür stand. Er drehte sich kurz um und stöhnte genervt auf. Ihr graues T-Shirt, welches ihr zwei Nummern zu groß war, flatterte im warmen Sommerwind um ihre Hüften und ließ deutlich erkennen, dass sie, wie so oft, keinen BH darunter trug. Zoe wich ein paar Schritte zurück. Sie hatte Angst vor ihr, weil sie öfter hörte, wie sie David anschrie. Und jemand, der ihren über alles geliebten David anschrie, konnte nur böse sein.
„Na, dann fahr mal los. Ich schau mal, ob alles, was wir brauchen, da ist.“
„Okay, ich beeile mich.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief auf ihr leicht rostiges Dreirad zu.
„Bis gleich Zoe, ich hab dich lieb“, rief er ihr hinterher.
„Ich dich auch“, antwortete sie abwesend und setzte sich auf den Sitz ihres kleinen Gefährts. Sie winkten sich ein letztes Mal strahlend zu. Dann verschlang ihn die trübe und graue Einsamkeit des gelb gestrichenen Hauses, in dessen Einfahrt er stand. Einen Moment lang blickte er ihr traurig hinterher und wünschte sich, er wäre mitgekommen.
„David!“, rief seine Mutter ein weiteres Mal nach ihm.
„Ja, ich komme doch!“, brüllte er ihr entgegen. Er rollte mit den Augen, hob seinen Rucksack vom Boden auf und ging gemächlich zur Haustür.
„Wieso hast du so lange gebraucht?“, fragte sie besorgt. Es klang aufrichtig. Offensichtlich versuchte sie immer noch, den Anschluss zu ihm zu finden.
„Das weißt du doch ganz genau“, erwiderte er trocken, ohne ihr in die Augen zu sehen.
„Nein, das weiß ich nicht! Ich hab mir Sorgen gemacht!“
David ging wortlos an seiner Mutter vorbei. Er warf seinen Rucksack unter die Garderobe, an der seine Lederjacke und eine schwarze Fleecejacke von den Sacramento Kings hingen. Er hatte sie schon länger nicht mehr getragen. Um genau zu sein das letzte Mal vor drei Jahren, als er sich auf dem Flur zusammengekauert hatte und hören musste, wie Ray es grade seiner Mutter auf dem Sofa besorgte. Das Nicht-Tragen der Jacke war Teil seines persönlichen Numbings.
„Wo warst du?!“, fragte sie erneut und eilte ihm in die Küche hinterher.
Jedenfalls nicht auf unserem Sofa, um mich durchnehmen zu lassen . Ohne zu antworten, öffnete er den Kühlschrank und holte eine Dose Diät Cola und eine halbvolle Tüte Milch daraus hervor. Er schüttelte die Milchtüte prüfend und stellte sie dann auf den großen dunklen Ebenholztisch, der als Ablagefläche exakt ein Meter und fünfzig Zentimeter von der Küchenzeile entfernt stand. Ihr erster richtiger Partner, nachdem Davids Vater sich von ihr getrennt hatte, Owen Sterling, war Tischler gewesen und hatte ihn ihr zu ihrem 34. Geburtstag geschenkt. Er war ein Perfektionist, weswegen der Tisch auch auf den Millimeter genau in dieser Entfernung zur Küchenzeile stehen musste. Und das war auch der Grund, warum sie es nicht mehr mit ihm ausgehalten hatte. Eines Tages hatte er tatsächlich eingefordert, dass man in einer Beziehung treu bleiben sollte. Trotz seines verletzten Stolzes und seiner perfektionistischen Art hätte er ihr sogar vergeben. Doch sobald er begonnen hatte, sie dafür zur Verantwortung zu ziehen, war sie schon fertig mit ihm gewesen. Er schloss die Kühlschranktür und stellte seine Dose neben die Milchtüte auf den Tisch.
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