„Nö, lass uns doch lieber da bleiben.“ Izzy grinst und lehnt sich entspannt zurück. Ihre kobaltblauen Augen blitzen schelmisch, während sie genüsslich die Szene betrachtet, die sich uns bietet. „Das ist besser als Kino.“
Mir tut der Barkeeper leid. Er ist groß, breitschultrig und sieht insgesamt nicht so aus, als wenn er sich nicht wehren könnte. Nun ja, vielleicht könnte er bei randalierenden Gästen problemlos einschreiten, aber mit einer Horde wildgewordener Frauen ist er hilflos überfordert.
„Wir fahren später noch nach Old Town. Kommst du mit?“, fragt eine hübsche Blondine, die ihre ausladende Oberweite förmlich über den Tresen auf ihn zu schiebt.
„Tut mir leid, ich bin hier beschäftigt. Wer soll denn sonst die Gäste bedienen?“, antwortet der Barkeeper, dessen Gesichtsfarbe sich immer mehr seinen roten Haaren angleicht. Seinen Blick kann er trotzdem nicht von den üppigen Brüsten auf dem Tresen abwenden, die fast das pinke T-Shirt sprengen.
„Und wer soll mich heute bedienen?“, schnurrt die Blondine, dabei klimpert sie mit den extrem langen, falschen Wimpern.
Oh Gott, wie billig , denke ich angewidert, dann weiß ich nicht, welcher Teufel mich reitet, aber ich schiebe meinen Stuhl zurück und stehe auf. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, doch darüber denke ich gar nicht weiter nach. Ich will mich gerade neben der Blondine an den gutbesetzten Tresen schieben, um noch ein Ginger Ale zu ordern – obwohl meines noch nicht annähernd ausgetrunken ist -, da schiebt ein anderer Barkeeper seinen Kollegen beiseite.
„Liam, wir brauchen noch von dem Merlot“, ruft er ihm zu. „Könntest du in den Keller gehen und noch ein paar Flaschen hochholen?“
Liam fährt sich über das rote Haar, das er zu einem hohen Dutt am Hinterkopf zusammengefasst hat, nickt und verschwindet sichtlich erleichtert.
„Mh… Frischfleisch, Mädels.“ Die Blondine lacht, auch ihre Freundinnen gackern wieder hysterisch. Liams Retter wird von oben bis unten betrachtet und für gut befunden.
„Na, du bist aber auch nicht schlecht.“
„Vielleicht sogar ein bisschen süßer als dein Kollege.“
Da muss ich den Mädels wirklich Recht geben. Der Typ ist wirklich extrem gutaussehend mit seinen schwarzen kurzen Haaren, die nicht – wie bei so vielen – auf ein paar Millimeter abrasiert sind, sondern modisch hochgegelt abstehen. Er ist nicht ganz so groß wie Liam, aber schlank und sportlich mit fein definierten Muskeln, die sich unter seinem Shirt abzeichnen.
Warum ich nicht einfach umdrehe, um mich still und leise wieder zu setzen, weiß ich nicht. Ich spüre Izzys Blick in meinem Rücken und kann mir vorstellen, wie sie verwundert eine Augenbraue hebt. Mit klopfendem Herzen schiebe ich mich zwischen die Blondine und die zukünftige Braut und fange einen Blick von dem Barkeeper auf. Für den Bruchteil einer Sekunde rollt er gespielt genervt die Augen und ich habe das Gefühl, als würde er mir danach zuzwinkern, aber das ist sicher nur Einbildung.
Die üppige Blonde schiebt mich ein wenig beiseite, um besser mit dem neuen Barkeeper flirten zu können. Ich protestiere nicht. Vor Aufregung würde ich sowieso kein Wort herausbringen. Was mache ich eigentlich hier? Mein Ginger Ale wartet doch am Tisch auf mich.
„Nun gut, dann wirst du mich eben zufriedenstellen müssen.“ Die Stimme der blonden Partymaus ist eine einzige Einladung – tief, gurrend, verlockend.
„Ich glaube, ich sollte erstmal die anderen Gäste hier zufriedenstellen“, grinst der Typ hinter dem Tresen, dann wendet er sich ohne mit der Wimper zu zucken mir zu. „Und was kann ich dir bringen?“
Die Blicke aller Mädels vom Junggesellinnenabschied richten sich auf mich. Diesen Moment hat sich meine Angst ausgesucht, um mich in den Würgegriff zu nehmen. Mein Mund fühlt sich wie ausgedörrt an und ich versuche krampfhaft zu schlucken, aber leider bleibt mir schlichtweg die Spucke weg. Außerdem schlägt mein Herz nun so heftig, dass ich meine, es hüpft direkt bis zum Hals hoch, wodurch ich nicht mehr als ein Krächzen zustande bringe, als ich den Mund öffne. Mir schießt das Blut in den Kopf, weil die Situation einfach nur peinlich ist, dann fange ich den belustigten Blick des Barkeepers auf.
Schleunigst drehe ich mich weg und dann renne ich los, zwischen den Tischen hindurch auf den Ausgang zu. Ich höre, wie Izzy meinen Namen ruft, aber ich kann einfach nicht stehenbleiben. Ich stolpere ins Freie, japse nach Luft, meine Hand fährt an meinen Kehlkopf. Draußen sitzen einige Leute, die mich neugierig anstarren. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie jemand aufsteht und auf mich zusteuert und weil ich ganz sicher nicht will, dass man mich anspricht, laufe ich einfach weiter, obwohl mir das Atmen schwerfällt. Ich taste nach meiner Hosentasche, spüre den Hausschlüssel darin wie einen Talisman und renne los.
„Wir sind jetzt weg, Charlotte.“
Ich höre die Stimme meiner Mum, aber ich antworte ihr nicht. Dann fällt die Haustüre ins Schloss und eine willkommene Stille breitet sich aus. Ich gehe zu meinem Mansardenfenster, um zu sehen, wie Mum zu Dad ins Auto steigt, dann fahren sie in unserem silbergrauen VW Sharan davon. Ungeduldig warte ich, bis sie um die nächste Ecke gebogen sind, dann ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche, um zu telefonieren.
„Du kannst jetzt kommen, sie sind weg“, sage ich nur kurz und knapp.
„Yep, bin in zehn Minuten bei dir“, antwortet Lewis, dann legt er auch schon auf.
Lewis ist mein ältester Freund und der einzige Mensch, mit dem ich offen über alles reden kann. Kennengelernt haben wir uns schon im Kindergarten, als ich ihm immer die Stifte weggenommen habe, die er gerade benutzen wollte, mit der Begründung, er könne sowieso nicht malen. Warum er sich trotzdem mit mir angefreundet hat, weiß ich nicht, aber es erklärt, warum er jetzt nicht schreiend vor mir davon läuft.
„Ich kenne die schreckliche Charlie schon“, sagt er immer achselzuckend, wenn ich ihn danach frage. Dann rückt er seine Brille gerade und grinst etwas schief. „Aber ich weiß auch, dass da drinnen eine sehr liebe Charlotte wohnt, sie ist nur gerade öfter mal verreist.“ Und dann piekt er mit dem Finger gegen mein Schlüsselbein.
Lewis wohnt nur wenige Straßen weiter und steht tatsächlich fünf Minuten später vor unserer Haustür. Für meine Verhältnisse extrem schwungvoll öffne ich und lasse ihn hinein, dann steuern wir sofort die Küche an.
„Ich nehme mal an, dass du hungrig bist“, sage ich zu Lewis und grinse ihm mit einem Blick über die Schulter zu.
„Wie immer, Charlie.“ Entschuldigend zuckt er die Achseln.
„Wenn es eine Konstante in meinem Leben gibt, dann dich, Lewis. Ich wüsste nicht, dass du dich in den letzten Jahren groß verändert hast – bis auf den Stimmbruch. Und wie kann man nur so dünn sein, wenn man den ganzen Tag isst?“
Ich schiebe zwei Scheiben Brot in den Toaster, dann hole ich Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank.
Wieder zuckt Lewis nur mit den Achseln. Mit dem Zeigefinger schiebt er seine Brille hoch, die ihm stets die Nase hinunter rutscht.
„Wie läuft es so in der Schule?“, frage ich betont gleichgültig, während ich seinen Toast schmiere.
Eine Strähne meines schwarzen Haares fällt mir ins Gesicht und ich streiche sie absichtlich nicht zurück, damit Lewis nicht sieht, dass ich wirklich neugierig bin zu hören, was in der Schule vor sich geht. Der Unterricht mag ja langweilig sein, aber es gibt schließlich auch noch anderes…
„Wenn du mich durch die Blume fragen willst, was dieser Idiot von Damon Roberts macht, sind meine Lippen versiegelt. Du weißt, dass ich es unter deiner Würde finde, dass du auf Newcastles größten Weiberheld stehst.“
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