Ich bringe ein schwaches Grinsen zustande.
„Vermutlich sehe ich nicht präsentabel aus.“
Izzy zuckt mit den Schultern.
„Die Ausrede gilt nicht, dagegen kannst du nämlich was tun.“
Ich blase die Backen auf und lasse geräuschvoll die Luft entweichen. Die Vorstellung in ein Pub zu gehen ist nicht gerade verlockend und lässt meine Handflächen bereits wieder feucht werden. Schlechte Luft, viele Menschen, Alkohol…
„Bitte!“, bettelt Izzy mit ihrem besten Dackelblick. „Wir könnten doch nur auf einen Sprung ins Piratenpub gehen.“
Das Piratenpub heißt eigentlich The Dalriada, aber mit Sicherheit sind Izzy und ich nicht die einzigen, die es nach ihrem Eyecatcher benennen. Es liegt am Strand von Portobello und eine riesige Piratenfigur steht an der Eingangstür. Wäre es Jack Sparrow, würde ich sie eines Nachts heimlich klauen und mit nach Hause schleppen, auch wenn das ein ziemlich schweres Unterfangen wäre.
Ich nage ein wenig ratlos an meiner Unterlippe, während sich die gewohnte Unruhe in meinem Körper ausbreitet. Was mich dann doch dazu bewegt, zustimmend zu nicken, ist die Tatsache, dass wir nicht allzu weit dorthin laufen müssen, sodass ich jederzeit wieder in meine Höhle zurückkriechen kann. Außerdem ist es immer noch warm draußen, obwohl es bereits Abend ist, und wir können in dem kleinen Vorgarten mit Blick auf den Strand sitzen und dort unsere Getränke zu uns nehmen.
Rasch gehe ich nach oben, um mich ein wenig herzurichten. Im Hinaufgehen höre ich noch, wie Izzy bei Rory anruft und sich für diesen Abend entschuldigt. Ich grinse in mich hinein. Ein Abend mit ihrer komplizierten Freundin scheint immer noch besser zu sein, als Essen mit den nervtötenden Schwiegereltern, die ständig nach Nachwuchs fragen und entsprechend enttäuscht sind, wenn es in der Hinsicht nichts zu vermelden gibt.
Ein Blick in den Spiegel zeigt mir mehr als deutlich, dass eine umfassende Renovierung meines Äußeren nötig ist. Mein Outfit wird schnell mit ein paar blütenförmigen Ohrringen und einer mit kleinen Perlchen besetzten Kette von Accessorize aufgepimpt, die zu dem schlichten rosa Jerseytop passen, das ich zur grauen Jeans trage. Ein Blick auf meine FlipFlops mit den silbernen Strasssteinchen bestätigt mir, dass hier kein Handlungsbedarf ist.
Schnell schlüpfe ich ins Bad, benetze meine gerötete Haut mit eiskaltem Wasser und genieße die wohltuende Kühle im Gesicht. Wenn ich nicht außer Haus müsste, würde ich mich jetzt pudelwohl fühlen und mich vielleicht, trotz der Hitze, die mir immer Angst macht, auf meine kleine Terrasse setzen. Doch da ich weiß, dass ich bald meine vermeintlich schützende Umgebung verlassen werde, bricht mir schier der Schweiß aus. Vor meinen Augen beginnt mein Gesicht im Spiegel zu verschwimmen, in meinem Kopf dreht sich alles.
Haltsuchend stütze ich mich am Waschbecken ab und taste mich dann zum Badewannenrand, auf dem ich mich niederlasse. Kühl und glatt schmiegt er sich an meine Handflächen. Gerne würde ich jetzt hier einfach sitzenbleiben, bis es Zeit ist, um ins Bett zu gehen. Manchmal verharre ich stundenlang in einer Position, weil ich mich nicht traue sie zu verlassen, bis mich unendliche Müdigkeit überkommt und ich nur noch ins Bett wanken muss, wo ich dann mit viel Glück durchschlafen kann.
Doch dieses Mal weiß ich, dass Izzy unten auf mich wartet. Dass sie heraufkommen und mich holen wird, wenn ich nicht von alleine komme. Und aus irgendeinem Grund will ich mir plötzlich selbst beweisen, dass ich es schaffen kann, wenigstens die wenigen hundert Meter bis zum Pub zu laufen und dort mindestens ein Stündchen zu verweilen. Also stemme ich mich hoch, blicke mein Spiegelbild grimmig an und mache mich daran, mich sorgfältig zu schminken.
Auf leisen Sohlen schleiche ich mich an der Wand entlang durch den Korridor des Schulgebäudes. Dabei komme ich mir fast vor wie irgendein Cop aus einem Actionreißer. Tendenziell Filme, die mich weniger interessieren, aber Mum will nicht, dass ich sie mir ansehe, was mich dann irgendwie immer dazu reizt es doch zu tun.
Als ich mich gerade auf die Mädchentoilette im Erdgeschoss verdrücken will, höre ich Schritte und beeile mich dermaßen, dass mein Rucksack von Eastpak lautstark gegen einen Türrahmen schwingt. Entsetzt beobachte ich, wie mein Smartphone über den Linoleumboden schlittert, während ich hoffe, dass die schwarze Hülle mit der weißen Aufschrift ‚Don’t touch my phone‘, jegliche Erschütterung abgefangen hat. Schnell haste ich dem Telefon hinterher, das vor einem Paar dunkler Lederschuhe zum Stehen kommt.
„Solltest du nicht im Unterricht sein, Charlotte Bothwell?“ Mr. Cummins, mein Erdkundelehrer, sieht mich streng an, wobei ich versuche, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu machen.
Eigentlich ist es mir auch völlig egal, was er jetzt denkt oder ob mein Fluchtversuch aufgedeckt wird und es irgendwelche Konsequenzen gibt. Es wäre nicht das erste Mal. Möglichst lässig ziehe ich einen Kaugummi von Wrigleys aus meiner Hosentasche, packe ihn aus und stecke ihn provokant in den Mund, dann zucke ich mit den Achseln.
„Sollte ich vielleicht.“
„Kannst du mir dann erklären, warum du hier bist und nicht in deinem Klassenzimmer?“ Sein ohnehin schon faltiges Gesicht zerfurcht sich noch mehr und beim Anblick seiner braunen Augen unter den schweren Lidern, kommt mir der Vergleich mit einem Basset in den Sinn.
Meine Großtante Jean hat einen – Sherlock. Sherlock ist der wohl dümmste Hund, den ich je in meinem Leben gesehen habe, was den Namen irgendwie grotesk macht, aber er würde fantastisch zu Mr. Cummins passen.
„Mir war nicht danach in den Unterricht zu gehen.“
Falls irgendwie möglich vertiefen sich seine Falten noch, wobei sein Blick langsam richtig ärgerlich wird.
„Und wonach war dir dann, Fräulein?“
Diese Anrede wiederum bringt mich richtig auf die Palme. Ich hasse es wenn jemand ‚Fräulein‘ auf diese herablassende Art sagt, noch schlimmer ist eigentlich nur ‚kleines Fräulein‘.
„Eigentlich wollte ich von hier verschwinden.“ Die patzige Antwort ist draußen, ehe ich mich noch zurückhalten kann.
„Das dachte ich mir fast.“
„Na, Sie sind ja ein ganz Schlauer…“
Ich kann förmlich sehen, wie Mr. Cummins anfängt kleine Rauchwölkchen aus den Nasenlöchern zu blasen, die schließlich zu einem ordentlichen Feuerstoß werden.
„SOFORT INS BÜRO DES DIREKTORS!“, faucht er mich an, was irgendwie dem Begriff ‚Bluthund‘ eine ganz andere Bedeutung gibt.
Ziemlich willenlos lasse ich mich am Arm packen und mitschleifen. Seine Finger graben sich unangenehm in die weiche Haut am Oberarm.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich ins Büro des Direktors muss, sodass ich den Weg fast im Schlaf finden würde. Genaugenommen ist es bereits das dritte Mal in diesem Monat, denn der Drang mitten am Tag einfach aus der Schule abzuhauen ist so übermächtig, dass ich ihm manchmal nicht widerstehen kann.
Auf den Korridoren ist niemand, da alle anderen im Unterricht sitzen, und so bleibt es mir wenigstens erspart, angestarrt zu werden, als wäre ich ein wildes Tier, das gerade gezähmt wird. Manchmal fühle ich mich auch so, aber das kann ich niemandem erklären. Ich wüsste auch nicht wie… In mir drin ist etwas, das mich zwingt abzuhauen, das frei sein möchte, das keinerlei Angst vor den Konsequenzen hat, wobei ich genug Erfahrung habe, um zu wissen, dass es welche geben wird. Es ist mir nur völlig gleichgültig, was mit mir passiert.
Der durch den Kaugummi süßliche Speichel rinnt meinen Hals hinunter. Ich verschlucke mich fast daran, als Mr. Cummins die Tür zum Sekretariat öffnet, um mich unsanft hineinzustoßen. Die Sekretärin empfängt mich mit dem genervten Blick, den sie auch schon die letzten zwei Male drauf hatte. Der ‚Du schon wieder‘-Blick.
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