Möglichst lässig lasse ich mich auf den Plastikklappstuhl fallen, der an der Wand vor ihrem Tresen steht. Was jetzt kommt, kenne ich schon zu Genüge. Ermahnungen, ein Brief an die Eltern, irgendeine harmlose Strafe wie Nachsitzen… Das Spiel beginnt mich zu langweilen.
Fassungslos hält mein Vater den Brief in den Händen, den die Schule mir mitgegeben hat.
Ich habe überlegt, ihn verschwinden zu lassen, aber das hätte keinen Sinn. Ich muss ihn schließlich unterschrieben wieder abgeben. Natürlich kann ich die Unterschrift meiner Eltern schon auswendig, aber in diesem ganz speziellen Fall hat man mir mitgeteilt, dass der gleiche Brief noch einmal per Post an meine Eltern rausgehen wird. Den ganzen Tag auf den Postboten warten, um den Brief abzufangen, könnte ich zwar; nachdem ich plötzlich so viel Freizeit habe, aber irgendwie will ich das gar nicht.
„Was hast du dir dabei gedacht?“ Der Brief in seiner Hand bebt vor Zorn.
„Ich hatte keine Lust.“
„Wie die letzten Male auch?“
Ich weiß, dass er nicht nur die zwei Male diesen Monat meint. Er meint die vielen anderen Male, die ich erwischt wurde. Er weiß nichts von den Gelegenheiten, da mich niemand bemerkt hat:
„Die Schule langweilt mich.“ Ich zucke gleichgültig die Achseln, versuche, mich besonders cool zu geben.
„Aber deswegen kannst du nicht einfach abhauen, wann immer du willst!“ Die Stimme meiner Mum ist schrill und tut mir in den Ohren weh.
„Wieso nicht?“, gebe ich mit herausforderndem Blick zurück. „Würdest du einen Job machen, der dich langweilt?“
Sie und mein Dad haben einen etwas verwirrten Ausdruck in den Augen, der mich zum Schmunzeln bringt. Ich weiß, dass meine Situation gerade nicht lustig ist, aber ich kann nicht anders. Ich habe sie einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Wie so oft… Meine Mum geht gar nicht arbeiten, weil sie nämlich angeblich nichts findet, ‚was zu ihrem Potenzial passt‘.
„Geh in dein Zimmer, Charlotte!“
Das sagt mein Dad immer, wenn er nicht mehr weiter weiß. Dann wendet er sich mit einem Ausdruck abgrundtiefer Enttäuschung von mir ab, geht zum Kamin und starrt hinein, obwohl gar kein Feuer darin brennt. Es ist Sommer und viel zu heiß für einen Abend am Kamin.
Meine Mum misst mich von oben bis unten, dann tritt sie zu ihm. Vermutlich, um mal wieder mit ihm zu streiten.
Ich ziehe mich tiefer in die Falten meines schwarzen Hoodies zurück, während ich mich langsam davonmache. Die Treppen hinaufschreitend, lausche ich ihren Stimmen.
„Diesmal ist sie zu weit gegangen“, stößt mein Vater hervor, durch das Treppengeländer sehe ich, wie er sich durch das schwarze Haar fährt, das ich von ihm geerbt habe. Nur dass er nicht mehr ganz so viel davon auf dem Kopf hat.
„Ich weiß mir keinen Rat mehr, Brian. Wir haben doch schon so oft mit ihr gesprochen und alles was sie sagt, ist, dass die Schule sie langweilt.“
„Vielleicht wäre sie in einem Internat doch besser aufgehoben. Du weißt schon, wegen allem…“
Mein Herz beginnt aufgeregt zu flattern. Es ist nicht das erste Mal, dass sich meine Eltern darüber unterhalten, mich einfach abzuschieben. Doch ich muss mir eigentlich keine Sorgen machen, denn das können sie sich sowieso nicht leisten.
„Das ist keine Option, Brian, wie du sehr wohl weißt“, sagt meine Mum dann auch.
Ich atme erleichtert aus.
Ich habe keine Ahnung, warum ich nicht auf ein Internat will, denn hier zu Hause ist es auch unerträglich. In der Schule habe ich das Gefühl, dass ich ersticke. Ich bin nicht dumm. Ich sehe, dass es meinen Mitschülern nicht so geht. Also stimmt irgendwas nicht mit mir, das ist schon klar. Ich bezweifle aber, dass der Besuch eines Internats mir eine befriedigende Antwort geben wird.
„Herrgott, Liz! Dann bleibt uns nur noch eine Institution für schwererziehbare Kinder.“ Mit einem Ruck dreht sich Dad um, das Gesicht unendlich traurig, der Blick dennoch hart. Und ich weiß in dem Moment, es ist sein Ernst.
Plötzlich höre ich das Blut in meinen Ohren rauschen.
„Nein.“ Mums Stimme bettelt förmlich und das tut sie sonst nie bei Dad. „Ich könnte nochmal mit ihrem Klassenlehrer reden.“
Fast bin ich gewillt, hinunter zu laufen und ihnen zu sagen, dass ich mich bessern werde. Meine Füße wollen nur nicht gehorchen, denn ich weiß ganz genau, dass ich nichts versprechen kann, was ich am Ende nicht halte.
„Ich kann nicht mehr, Liz!“, schreit mein Vater sie jetzt an. „Ein Schulverweis! Weißt du, was das heißt? Nicht, dass sie Nachsitzen muss, oder mal für ein, zwei Wochen nicht kommen darf. Das heißt, dass wir uns sowieso eine scheißneue Schule suchen müssen, auf die Madame Mir-ist-so-langweilig sowieso nicht geht. Sollten wir uns da nicht langsam professionelle Hilfe suchen?“
„Das sollten wir. Das sollten wir wirklich…“ Sie spricht mit tränenerstickter Stimme. Gleich fängt sie richtig zu weinen an und Dad wird sie anschreien, dass ihr Rumgeheule auch nichts bringt. Idyllisches Familienleben eben. Ich mag es nicht, wenn sie sich meinetwegen streiten, aber das ist besser, als die Gleichgültigkeit, mit der sie sich sonst begegnen.
„Dann lass es mich endlich tun. Lass mich einen Platz für sie suchen.“
Ich setze mich auf die Treppenstufe, weil mich meine Beine nicht mehr tragen wollen. Sie fühlen sich an wie das Johannisbeergelee von Hartleys.
Ein wenig ist es wie mit einem unartigen Welpen, den seine Familie nicht mehr will, weil er einmal zu viel auf den teuren Perserteppich gepinkelt hat. Aber statt selbst in eine Hundeschule mit ihm zu gehen, wird er einfach ins Tierheim abgeschoben, wo sich ein anderer mit seinen Marotten herumschlagen kann.
„Ich werde mir etwas überlegen, Brian“, sagt Mum weinerlich.
Fast hoffe ich, dass sie irgendeinen Weg findet, herauszubekommen, warum ich so bin, wie ich bin. Ich weiß es ja selbst nicht. Aber ich bezweifle, dass sie sich viel Mühe geben wird. So ist das eben nicht zwischen Mum und mir.
„Dann heul hier nicht rum, sondern unternimm etwas“, knurrt Dad, dann stapft er wütend in sein Arbeitszimmer und knallt die Tür hinter sich zu.
Die Mädchenclique am Nebentisch lacht eine Spur zu laut, was sich fast wie hysterisches Gackern auf einem Hühnerhof anhört. Aber das ist bei einem Junggesellinnenabschied auch nicht weiter verwunderlich. Der Abend ist noch jung, was bedeutet, dass dieses Pub vermutlich die erste Station ist.
„Die haben aber schon ordentlich getankt“, grinst Izzy, während sie mit dem Daumen auf die Gruppe aus pinkgekleideten Frauen deutet. Der Braut – zu erkennen an dem dickgedruckten ‚Ich bin die Braut, hier dreht sich alles um mich!‘ auf ihrem Shirt – hängt bereits ihr Krönchen schief, während sie sich ein Glas Prosecco genehmigt.
Ich bringe nur ein schiefes Lächeln zustande. Die Party, die neben uns im Gange ist, macht mir Probleme, ich fühle mich unwohl. Ich drehe mein Glas Ginger Ale hin und her und bezwinge den Drang aufzuspringen und zu gehen nur mit Mühe.
Anfangs hatte ich nur eine unbestimmte Angst davor, krank zu sein. Irgendetwas Schlimmes, an dem ich bestimmt sterben muss. Mittlerweile ist die Liste meiner Ängste so lang, dass es mir mühsam ist, sie aufzuzählen. Die Angst vor Menschenmengen gehört definitiv dazu und ein übervolles Pub an einem Freitagabend ist nicht eben leer.
„Wir könnten uns in den Garten setzen und aufs Meer raus gucken“, schlage ich deswegen zum wiederholten Mal vor. Das war doch ursprünglich mein Plan. Was ist denn aus dem geworden?
Die Jungesellinnen fangen an, mit dem Barkeeper in voller Lautstärke zu flirten und anzügliche Witze zu machen. Der arme Kerl ist schon schamesrot im Gesicht – obwohl er als Barkeeper doch so einiges gewohnt sein müsste – und windet sich wie ein Aal.
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