1 ...6 7 8 10 11 12 ...34 Nachdem sie den letzten Löffel des Eintopfs gegessen hatte lehnte sie sich erstmal kurz zurück. Die Schüssel war wirklich größer gewesen, als sie eigentlich ausgesehen hatte. Lora war seit langem nicht mehr so schön satt gewesen.
„Vielen Dank, hoher Herr, für das Essen“, bedankte sich Lora höflich bei dem Ritter. „Soll ich weiter erzählen?“, fragte sie dann Geron, der dies mit einem Nicken bestätigte.
„Ja, bitte fahr fort, junges Fräulein.“
„Also gut, ich sah also Finn, äh, ich meine Priovan um die Ecke kommen und ein Mann folgte ihm. Zu dieser Zeit sah ich noch nicht, dass er offensichtlich von guter Herkunft war. Jedoch erkannte ich, wie Finn direkt in eine Sackgasse lief.“
Lora fiel es jetzt gar nicht mehr auf, dass sie immer noch den Namen nannte, mit dem sich Priovan ihr vorgestellt hatte.
„Ich überlegte kurz, ob ich mich in so was überhaupt hinein ziehen lassen sollte, entschied mich dann aber dafür, Finn zu helfen. Immerhin hätte ihn dieser Mann wohl sonst getötet. Ich zog dem finsteren Gesellen also eins mit einem Holzbrett über und half Finn dann bei der Flucht. Wir stiegen erstmal auf die Dächer und liefen dann Richtung Hafenmarkt. Dort gingen wir durch ein Lagerhaus, über den Markt und dann in die Gasse, in der Ihr uns dann gefunden habt. Von dort an kennt Ihr die Geschichte ja.“
Geron lächelte. „Vielen Dank. Priovan, kannst du diese Geschichte bestätigen?“, fragte er dann seinen Knappen, der von seiner Arbeit aufsah.
„Ja, Herr, es entspricht alles der Wahrheit.“
„Gut, Priovan, komm hierher“, sagte er dann weiter.
Dieser stand auf und stellte sich hinter seinen Herrn.
„Setz dich!“, befahl er seinem Knappen und zeigte auf einen Hocker. Dieser tat wie ihm befohlen wurde und setzte sich zu Lora und Geron an den Tisch. „Und nun, junger Knappe, berichte uns doch Mal, wie du in die Situation gekommen bist, dass dir überhaupt geholfen werden muss.“
Priovan schluckte.
„Nun, Herr, ich flüchtete, wie Ihr bereits bemerkt habt, heute Morgen aus dem Gasthof. Ich wollte einfach mal etwas erleben, wollte sehen, wie das wirklich einfache Volk lebte. Ihr betont doch immer, dass man seine Untergebenen auch verstehen muss, um sie zu beherrschen. Und indem ich immer nur bei Euch herumsitze oder von Adelshof zu Adelshof ziehe, werde ich das Volk bestimmt nicht verstehen. Also lief ich ein bisschen durch den Hafen herum, hörte mich hier und dort um. Und dann kam ich in diesen einen Hinterhof. Diese Drei hatten mich noch nicht bemerkt, als ich eine Unterredung hörte. Die Gestalten unterhielten sich über eine Aufgabe, die sie hatten. Sie wollten eine Kutsche überfallen, die von Tjemin nach Andtweil fahren soll. Diese soll in zwei Tagen losfahren. Als sie merkten, dass ich sie belauschte, versuchten sie mich zu töten. Ich floh durch die Gassen. Den Rest der Geschichte habt Ihr ja bereits gehört.“
Dann machte sich eine unangenehme Stille in dem Raum breit. Lora schaute zu dem Herrn von Dämmertan, ebenso wie Priovan. Beide warteten darauf, was der Ritter nun etwas sagen würde, aber er schwieg erstmal. Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kelch. Und er schwieg. Er nahm noch einen Schluck Wasser. Und er schwieg immer noch. Dann leerte er den Kelch endgültig und hob ihn erneut hoch. Priovan stand auf und durchbrach so die Stille in dem Raum, als sein Hocker über den Boden rückte. Er nahm den Krug mit Wasser und schenkte den Becher erneut voll.
„Geh an deine Arbeit zurück!“, befahl Geron seinem Knappen. Sein Ton war nicht mehr ganz so zackig wie vor einigen Jahren, dafür hatte seine Stimme weiter an Tiefe gewonnen. Dann wandte sich der Ritter erneut an Lora.
„Also mein Mädchen, wie ich bereits gesagt habe wollte ich erstmal die Geschichte des heutigen Tages und ein bisschen über dich hören. Jetzt aber möchte ich dir erzählen, wen du da überhaupt gerettet hast. Wie ich bereits gesagt habe, bin ich ein Ritter Valoriens, zudem Freiherr von Dämmertan, sagt dir das etwas?“
Lora nickte. Sie kannte die Landschaft, die man Dämmertan nannte, auch wenn sie selbst noch nie dort gewesen war. Es war den Erzählungen nach eine düstere und verlassene Gegend, wo sich ein tiefer und dunkler Wald über eine große Fläche erstreckte. Dort lebten nicht viele Menschen, so viel wusste sie, und von jedem der dort einmal gewesen war hatte sie nur gehört, dass sie Dämmertan wenn möglich meiden sollte. Dämmertan lag, soweit sie es wusste, an der anderen Seite der Gronde, und gehörte somit schon zu dem Land der Krone, also zu keinem der drei Herzogtümer.
„Dies ist seit einigen Jahren mein Knappe. Sein Name ist Priovan Finneas, aus seinem zweiten Namen leitet er auch seinen Spitznamen Finn ab. Sein kompletter Name lautet Priovan I. Finneas von Valorien, König von Valorien. Du hast eben dem König von Valorien das Leben gerettet. Ich hoffe, dir ist bewusst, was du getan hast.“
Lora machte wirklich große Augen. Sie schaute überrascht zu Finn, der zu ihr aufschaute und nur nickte. Lora konnte es wirklich nicht fassen. Sie hatte den König von Valorien gerettet? Jetzt wusste sie natürlich auch wieder, woher sie den Namen Priovan kannte. Sie interessierte sich sonst nicht so für die Namen der hohen Adeligen, deswegen war ihr das noch nicht sofort aufgefallen. Aber jetzt kam es wieder. Natürlich hatte sie schon oft von dem König gehört, der selbst noch ein Kind war. Sein Vater war in dem letzten Krieg mit Kargat gefallen, und danach war er der einzige Erbe gewesen. Das sie aber diesem König selbst das Leben gerettet hatte, das wurde ihr langsam erst klar.
„Nun, das, äh, ist doch sehr erfreulich, oder?“ stammelte sie noch etwas unsicher, was Geron von Dämmertan zum Lachen brachte. Irgendwie sah der Ritter nicht wie jemand aus, der oft lachte, umso überraschter war Lora, als dies doch geschah. Auch Finn wirkte deutlich überrascht.
„Ja, das ist in der Tat wirklich erfreulich. Und du sollst auch entsprechend belohnt werden. Ich werde nachher mit Priovan zum Schloss gehen und dort Herzog Richard von Fendron sprechen. Du hast dem König das Leben gerettet, und das soll entsprechend belohnt werden. Priovan“, sagte er und Priovan stand auf und stellte sich neben seinen Herren.
„Was schlägst du als Belohnung vor?“ fragte Geron seinen Knappen.
„Nun, mein Herr, wieso lasst Ihr nicht Lora einfach selbst eine Belohnung auswählen. Gewährt ihr doch einen Wunsch für des Königs Leben.“
Geron nickte. „Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee. Also Lora, du hast es gehört. Äußere einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann, und glaub mir, ich kann vieles bewerkstelligen. Bedenke den Wunsch gut. Wenn du noch Zeit brauchst, können wir uns auch nachher wieder sehen.“
Lora dachte nach. Das Ganze hier überrumpelte sie doch ein bisschen. Es hatte alles damit angefangen, dass sie einfach nur nett und hilfsbereit sein wollte und auch nichts für finstere Gestalten übrig hatte, und jetzt hatte sie das Leben des Königs gerettet und sollte dafür einen Wunsch bekommen. Sie konnte endlich das klägliche Leben der Straßen von Tjemin hinter sich lassen. Sie könnte sich Gold wünschen. Viel Gold. Aber das war irgendwie zu einfach. Oder sie konnte sich ein großes Haus wünschen, in dem sie wohnen konnte. Aber irgendwie gefiel ihr das alles nicht. Immerhin hatte sie einen königlichen Wunsch frei. All diese Gedanken zauberten anstatt des überraschten Blickes ein breites Lächeln auf ihre Lippen. Dann hatte sie eine Idee. Eine wirklich gute Idee. Ein Idee, die bestimmt auch Gefahren bringen würde, aber sie würde ihr Leben für immer ändern, und Lora hatte sich schon oft danach gesehnt, Abenteuer zu erleben. Sie hatte oft davon geträumt, eine große Heldin zu sein, wie die Helden der Geschichten, die man sich in Valorien erzählte. Von einer Heldin hatte sie sowieso, soweit sie wusste, noch nichts gehört. Das war ja langsam wirklich Zeit. Es war bestimmt ein sonderbarer, ein waghalsiger Wunsch. Aber Loras Entscheidung stand fest.
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