J.D. David - Mondschein

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Als die junge Waise Lora in den Straßen ihrer Heimatstadt einen Jungen rettet, ahnt sie noch nicht, dass dies ihr Schicksal für immer verändern soll. Denn der Gerettete stellt sich als der junge König des Reiches Valorien heraus, und Lora wird in eine Welt von Macht, Krieg, und Intrigen hineingezogen. Während das Königreich noch immer unter den Folgen des letzten Krieges leidet, ist es innerlich zerrissen. Ehrgeizige Adelige ringen um Macht, wilde Horden gefährden den Frieden, und der junge König kann sich nur auf wenige loyale Ritter verlassen.

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„Es freut mich, dich wieder heil und gesund zu sehen, mein Liebster.“, begrüßte Katharina ihren Mann.

„Ich habe mich jede Sekunde auf diesen Moment gefreut.“, antwortete Celan und nahm seine Frau in den Arm. Er gab ihr einen leichten Kuss auf den Mund und sah sich dann seinen Sohn an. Der Junge war etwas älter als ein Jahr. Er entwickelte sich sehr gut, er sah gesund und kräftig aus und wirkte auch sonst wie ein guter Erbe für den Herzogstitel von Tandor.

„Dein Vater hat heute einen großen Sieg errungen, auf dass du einmal in Frieden über Tandor herrschen kannst.“, sagte Lumos’ Mutter zu ihm.

„Lass uns hinein gehen.“, sagte Celan und gemeinsam schritt das Herzogspaar auf den Bergfried zu.

Narthas schaute in die gebrochenen Gesichter seiner Stammesbrüder. Alles war verloren, alles, wofür sie in den letzten Jahren gekämpft hatten. Die Schlacht war verloren, der große Khan war gestorben und der Traum der vereinten Urbenstämme konnte mit dem Tod von Ikran Khan ebenso begraben werden. Wie auch die anderen Urben war er völlig ausgelaugt von den Strapazen der Schlacht und dem darauffolgenden Marsch nach Taarl. Dennoch versuchte er weiterhin aufrecht zu gehen und so zumindest seinen Stolz zu behalten, der zu vielen um ihn herum schon verlustig gegangen war.

Narthas war seinem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und wirkte wie eine einfach jüngere Version des großen Khans. Seine Haare waren auch lang gewachsen und zu Zöpfen geflochten, sein Bart allerdings noch deutlich kürzer. Doch seine Augen, sein Blick, war ungebrochen herrschaftlich.

Erleichtert ließen sich die gefangenen Urben zu Boden sinken, als der demütigende Zug durch die Straßen der Stadt auf dem Vorplatz der Burg ein Ende fand. Narthas war einer der wenigen, der ungebeugt weiter stehen blieb. Was wohl mit ihnen jetzt geschehen würde? Soweit er wusste, gab es in Valorien keine Sklaven, aber gerade in Tandor gab es viele Mienen und Bergwerke, die Arbeiter brauchten. War dies sein zukünftiges Schicksal? In einem Bergwerk nach Jahren grausamer Arbeit zu sterben? Er wollte und konnte nicht daran glauben. Er glaubte, dass die Geister der Steppe ihm ein anderes Schicksal ersonnen hatten. Mittlerweile wünschte er sich, er wäre wie sein Vater und viele seiner Brüder in der Schlacht gefallen. Aber dies war ihm nicht vergönnt gewesen, und nun war es seine Aufgabe, das Beste für sein Volk zu versuchen und seinen Stolz zu behalten.

Narthas sah wie einige tandorische Soldaten aus der Burg kamen und sich unter die Gefangenen mischten. Sie fragten mehrere der Urben etwas, viele zuckten unverständlich die Schultern, da sie die Sprache der Valoren nicht verstanden, aber einige nickten und zeigten dann auf ihn. Vier Bewaffnete kamen auf ihn zu und umzingelten ihn. Sein Blick war ungebrochen stolz und er schaute dem offensichtlichen Anführer, einem etwas kleineren aber dennoch kräftigen Mann mit einer Glatze, direkt in die Augen. Eine unruhige Stille beherrschte die Szene. Offensichtlich hatten die Soldaten einen gebrochenen Mann erwartet, der auf Knien um Gnade winseln würde, aber diesen Gefallen wollte Narthas ihnen nicht tun. Nach einigen Momenten wandte der Anführer seinen Blick auf einmal ab und schaute leicht zur Seite, dann wandte er aber seinen Kopf wieder Narthas zu und schoss nach vorne. Seine Faust grub sich mit Gewalt in Narthas’ Magengrube und er musste nach Luft schnappen. Trotz der Stärke des Mannes wäre der Schlag nicht so schmerzhaft gewesen, wenn er darauf vorbereitet gewesen wäre, aber dies war nicht der Fall. Narthas schaffte es auf den Beinen zu bleiben, von seiner stolzen Haltung und seinem stolzen Blick war aber nichts übrig geblieben. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als ihn zwei Soldaten an den Armen packten und ihn hochzogen, sodass er dem Glatzkopf wieder ins Gesicht schaute. Dieser lächelte hämisch.

„Bist du hier der Anführer?“, fragte er in der widerlichen Sprache der Valoren, die so gar nichts Männliches und Starkes hatte. Die Sprache war schwach, schwach wie das Volk, das sie sprach. Umso mehr schmerzte Narthas die Niederlage.

„Mein Name ist Narthas, Sohn von Ikran, und ich bin der nächste überlebende Nachfahre des großen Khans.“, antwortete er mit einem starken urbischen Akzent, den er mit Absicht nicht abzuschwächen versuchte.

„Folgt mir!“ sagte der Glatzkopf, was nicht an Narthas, sondern an die Soldaten gerichtet war, die den Urben an den Armen hielten und ihn dann hinter dem Anführer Richtung Burg drängten.

Celan stand am Fenster und schaute auf den Vorplatz der Burg hinaus. Er blickte über all die Gefangenen. Es waren bestimmt an die dreihundert, vielleicht sogar mehr. Und sie waren nicht ohne Grund gefürchtete Feinde, dass hatte er oft genug feststellen müssen. Der Umgang der Urben mit Pferd und Bogen waren einzigartig. Wer auch immer über eine solche Streitmacht befehligte hatte eine mächtige Waffe in der Hand, dies war sicher. Celan drehte sich vom Fenster weg und ging auf seinen Thron zu. Er hatte gesehen, wie Ulf den Anführer in die Burg gebracht hatte. Gleich würde er hier sein. Es gab noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen, bevor heute Abend das Fest seinen Gang nehmen konnte. Und die Unterredung mit dem neuen Anführer der Urben gehörte dazu.

Celan ließ sich in den recht schlichten Holzthron nieder, in den in der Lehne sein Wappen eingeschnitzt war. Gepolstert war die Sitzfläche mit zwei Wolfsfellen. Der Thron besaß offene Armlehnen, sodass Celan sein Schwert an der Seite hinunterhängen lassen konnte. Neben ihm stand Forgat, sein treuer Untergebener, und betrachtete die Tür. Kurze Zeit später öffnete sich diese und Ulf trat gefolgt von zwei Bewaffneten mit dem Urben in den Saal. Ulf und die Bewaffneten verbeugten sich vor dem Herzog und die letzteren verließen danach wieder den kleinen Audienzsaal, um vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Celan blickt dem Urben in die Augen, der keine Anstalten machte, sich vor ihm zu verbeugen. Sein Stolz wirkte ungebrochen.

Celan musterte ihn genauer. Seine Züge waren hart, und dennoch sahen sie für ihn aus, wie die jedes Urben. Die schmalen Augen, das schwarze Haar, die dunklere Haut, die harten Kanten, die das Gesicht ausmachten trafen einfach auf jeden Urben zu. Diese Wilden konnte man nur an ihren Augen und Kleidern auseinander halten. Letzteres war im Moment auch schwierig, da alle Gefangenen ihrer Rüstungen beraubt worden waren und somit ähnliche Lumpen trugen. Aber diese Augen, sie zeigten, dass es sich um einen Anführer handelte. Es war ein stolzer, majestätischer und entschlossener Blick. Der Urbe war wohl etwa so alt wie Celan selbst, Mitte bis Ende zwanzig, jedoch ein bisschen kleiner als der Herzog.

„Verbeuge dich vor deinem Bezwinger, Urbe!“, befahl ihm Celan in einem ruhigen, leicht überheblichen Ton. Er wollte ihm zeigen, dass er der Herr dieser Burg und Bezwinger seines Volkes war und dass er mit ihm tun konnte, was er wollte. Der Urbe hielt seinen Blick stand, machte aber weder Anstalten in die Knie zu gehen, noch irgendetwas zu sagen. Stille erfüllte den Raum. Dann wandte Celan seinen Blick zu Ulf und nickte ihm zu. Ulf löste seinen Streitkolben vom Gürtel und lief hinter den Urben. Mit voller Wucht schlug er den Schaft der Waffe in die Kniekehlen des Mannes.

Der Schmerz durchzuckte Narthas und ließ ihn unfreiwillig auf die Knie sinken. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als er einen schweren Schlag im Rücken spürte, den Ulf mit dem Ellenbogen ausgeführt hatte. Von der Wucht des Schlages wurde er zu Boden geworfen. Er spürte wie Ulf seinen Stiefel auf seinen eigenen Kopf setzte und ihn so am Boden hielt. Celan lächelte.

„Das reicht Ulf.“, sagte er und der Angesprochene ließ von Narthas ab und stellte sich neben seinen Herzog.

„Ich bin Celan von Tandor, Herzog von Tandor und Ritter Valoriens.“, begann Celan dann zu reden. „Wie ist dein Name, Urbe?“

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