J.D. David - Mondschein
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Lora lächelte glücklich. „Gut.“, sagte sie, atmete noch mal tief durch und drehte sich dann um. Ebenso schnell wie sie die Treppe hinaufgestiegen war, lief sie im alten Turm wieder hinunter. Finn folgte ihr, auch wenn er wieder vorsichtig ging und so länger brauchte. Unten wartete Lora bereits auf ihn.
„Ich möchte mich jetzt noch von jemandem verabschieden. Kommst du mit?“
„Natürlich“, antwortete Finn und folgte Lora dann wieder in die dunklen Straßen Tjemins.
Gemeinsam liefen die beiden wieder in die kleineren Gassen des Hafenviertels. Wieder einmal bemerkte Finn den Unterschied, den es zwischen armen und reichen Vierteln alleine in einer Stadt gab. Die Gassen waren natürlich nicht, wie die Straßen in den besseren Vierteln, gepflastert, und wohl nur die Tatsache, dass es die letzten Tage trocken gewesen war, ermöglichte es, dass die Gassen keine Schlammbäche waren. Dennoch war die Armut der Gegend offensichtlich. Die Häuser waren meist äußerst windschiefe Holz- oder Lehmhütten, die zu klein für die großen Familien waren, die darin lebten. Finn musste daran denken, wie lange Lora in diesen Gassen hatte leben müssen. Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, wie man das schaffte, aber es gab genug Menschen, die in solchen oder noch schlechteren Verhältnissen leben mussten. In seinen Gedanken versunken bemerkte Finn auf einmal eine leise Stimme, die er hinter der nächsten Biegung vernahm.
Erst dachte er, er hätte sich verhört, aber je näher sie kamen, desto klarer und deutlicher wurde die Stimme. Es war eine Frauenstimme, sie war sanft und ruhig. Die Stimme sang ein Lied, dass in Finn sofort ein seltsames Gefühl auslöste. Auch wenn er den Text nicht verstand, einerseits weil die Stimme noch zu weit entfernt war, andererseits glaubte er aber auch, dass das Lied in einer fremden Sprache war, spürte Finn in sich ein seltsames Gefühl. Das Lied war traurig, das erkannte man an der langsamen und wohlklingenden Melodie, dennoch hatte es etwas Aufmunterndes. Es ermutigte jemanden, weiter zu machen, nicht aufzugeben. Lora hatte ihren Schritt gebremst und ging langsam um die Ecke. Dann erkannte Finn, woher die Stimme kam.
Um ein wärmendes Lagerfeuer saßen mehrere Menschen, offensichtlich Bettler und andere Menschen, die auf der Straße lebten, einer Frau gegenüber. Das Lagerfeuer warf ein sanftes Licht auf die Frau und Finn stockte er Atem. Die Frau war schön, sie war wunderschön. Finn erinnerte sich nicht daran, eine solch natürliche Schönheit schon einmal gesehen zu haben. Sie etwas sehr geheimnisvolles. Das pechschwarze Haar der Frau war in leichten Wellen gelockt und fiel ihr über die Schultern. Die Haut der Frau war makellos hell und die Augen, die sofort als sie um die Ecke kamen auf Finn zu blicken schienen waren grün wie Smaragde. Es war ein durchschauender, stechender Blick, der auf Finn lastete, aber dennoch war er nicht unangenehm. Dann wandte sich die Frau wieder ihrem Publikum zu, ihr Lied hatte sie nicht unterbrochen.
Als Finn und Lora näher kamen bemerkte er weitere kleine Details an der Frau, die sie noch geheimnisvoller wirken ließen. Obwohl sie wohl ebenfalls wie die meisten hier auf den Straßen lebte, hatte sie Kleidung an, die sich so stark von den grau-braunen verdreckten Lumpen der anderen unterschied. Sie trug ein weißes Leinenkleid, ohne Ärmel, das mit verschiedenen Symbolen bestickt war. Um die Schultern trug sie ein scharlachrotes Tuch und an den Füßen hatte sie ordentlich gearbeitete, lederne Sandalen. Zudem trug sie Schmuck, einige Halsketten und Armbänder, dazu zwei Ringe an der linken und einen Ring an der rechten Hand. Die Kleidung und der Schmuck passte eher zu einer Tochter eines Adeligen Hauses, aber diese Frau stand hier im ärmsten Viertel Tjemins und schien überhaupt nicht zu fürchten, Opfer eines Überfalles oder Raubes zu werden. Doch das seltsamste an der Person war weder ihre Ausstrahlung noch ihre Kleidung, sondern es waren die Tätowierungen, die sie zierten. Die Zeichen auf ihrer Haut bedeckten die linke Gesichtshälfte und breiteten sich über die Schultern auf ihre Arme aus. Auch an ihren Knöcheln waren derartige Bilder zu sehen. Die Symbole waren fremd, und dennoch kamen sie Finn irgendwie bekannt vor. Er konnte sie jedoch nicht zuordnen. Als er gerade nachdachte, woher ihm die Symbole bekannt waren, endete das Lied und ein gewisser Zauber, der die Szenerie umgeben hatte, schien mit dem letzten Ton abzubrechen. Die Frau lächelte Finn und Lora an und kam auf sie zu.
„Eleonora, es ist mir eine Freude.“, begrüßte sie zuerst Lora und reichte ihr beide Hände, die Lora bereitwillig nahm.
„Die Freude ist bei mir, Alisa.“
„Wer ist dein junger Freund?“ fragte Alisa und blickte zu Finn.
„Mein Name ist Finn.“, stellte er sich selbst vor und reichte ihr die rechte Hand, denn dies war der Gruß, der ihm geläufig war. Ohne jedoch zu fragen griff Alisa auch seine linke Hand und hielt sie beide in ihren Händen. Finn bemerkte sofort wie weich und sanft ihre Hände waren und spürte die Wärme, die von ihnen ausging. Alisa musterte ihn. Sie schien ihn fast ein bisschen skeptisch zu begutachten.
Dann lächelte sie jedoch und sagte: „Möge Elona deinen Weg schützen.“
Auf einmal wurde Finn klar, wer diese Frau seien musste. Sie war eine Priesterin. Eine Priesterin der Trias, jener alten Religion, die in den frühen Tagen in Valorien verbreitet gewesen war. Heute war der Glauben an die Trias jedoch verboten und wurde in verschiedenen Herzogtümern verschieden hart bestraft. Trotzdem lebte der Glauben, insbesondere in den ländlichen Gebieten, weiter. Finn hatte schon viele Geschichten über die Priester der Trias gehört, aber den seltensten hatte er Glauben geschenkt. Da rankten sich Mythen im Tier- und Menschenopfer, finstere Rituale oder dunkle Hexerei. Finn war sich aber sicher, dass dies alles nur Ammenmärchen waren. So etwas wie Zauberei gab es nur in der Vorstellung der Menschen, nicht in der Realität. Dennoch war Finn erstaunt, hier, mitten in Tjemin, der Hauptstadt des Herzogtums Fendron, eine Priesterin der Trias zu treffen, die sich auch ohne Umschweife als solche ausgab. Instinktiv wich Finn einige Schritte zurück. Alisa lächelte ihn aber weiter mit einem ruhigen und freundlichen Ausdruck an, was Finn ein bisschen beruhigte.
„Ihr seid eine Priesterin der Trias, nicht wahr?“
„Das stimmt, und an deiner Kleidung erkenne ich, dass du nicht ein einfacher Junge aus Tjemin bist.“
Finn schluckte. Von weitem hatte ihn sein Mantel natürlich vor solchen Feststellungen geschützt, aber hier, in der Nähe des Feuers, war selbstverständlich zu sehen, dass er einem höheren Stand entstammte. Auch die anderen Leute, die um das Feuer saßen, sahen ihn genauer an. Sie waren offensichtlich alle Bettler oder andere Straßenbewohner Tjemins, die jeden Tag aufs Neue den Kampf ums Überleben fochten. Dennoch wirkten sie alle zufrieden, fast glücklich, hier in der Nähe der Priesterin.
„Ich bin Priovan von Valorien, Knappe des Ritters Geron von Dämmertan.“, sagte Finn deutlich und löste somit eine ungewohnte Stille aus. Nur das Knistern des Feuers war noch zu hören.
„Geron von Dämmertan? Ich habe schon von ihm gehört“, sagte Alisa. „Und jetzt steht mir der junge König gegenüber. Setzt dich doch zu uns, junger König. An diesem Feuer, vor der heiligen Trias, sind wir alle gleich.“
Finn war überrascht. Die Frau blieb erstaunlich ruhig und irgendwie ließen ihre Worte keinen Widerspruch zu. Die Männer und Frauen am Feuer rutschen ein wenig zusammen, sodass für Finn und Lora eine kleine Lücke entstand, in die sie sich hineinsetzten.
Alisa trat wieder vor die Versammelten und erhob erneut ihre samtweiche Stimme.
„Ich möchte euch nun ein Lied über Thorian, den Bewahrer der Flamme, singen“, sagte sie und begann zuerst leise zu Summen. Die Menschen rückten näher zusammen, als Alisa zu singen begann. Finn verzauberte die liebliche Stimme der Priesterin. Erneut konnte er den Text nicht verstehen, aber das schien keine Rolle zu spielen. Ihn erfüllte die Melodie. Die Melodie war lebendig und dennoch irgendwie majestätisch, und so gar nicht wie das vorherige, traurige Lied. Alisas Stimme erfüllte die Luft, durchdrang die Menschen und schien sogar das Feuer zu kontrollieren. Es schien, als flackerten die Flammen genau in ihrem Rhythmus. Eine seltsame Magie umgab sie, dachte sich Finn. War dies wirklich Magie? War das die Kraft der Trias? Oder war es nur die Macht eines Liedes. Er konnte es nicht ergründen, und dennoch fühlte er sich ruhig, zufrieden, glücklich. Er schaute hinüber zu Lora, die offensichtlich ebenfalls das Lied von Alisa genoss. Finn meinte sogar eine einsame Träne in Loras Auge zu sehen. Das musste ein Grund gewesen sein, wie sie all die Jahre hier auf den Straßen Tjemins ausgehalten hatte. Diese Priesterin konnte Menschen wirklich Kraft schenken. Völlig in Gedanken versunken merkte Finn auf einmal, wie das Lied verebbte.
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