J.D. David - Mondschein

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Als die junge Waise Lora in den Straßen ihrer Heimatstadt einen Jungen rettet, ahnt sie noch nicht, dass dies ihr Schicksal für immer verändern soll. Denn der Gerettete stellt sich als der junge König des Reiches Valorien heraus, und Lora wird in eine Welt von Macht, Krieg, und Intrigen hineingezogen. Während das Königreich noch immer unter den Folgen des letzten Krieges leidet, ist es innerlich zerrissen. Ehrgeizige Adelige ringen um Macht, wilde Horden gefährden den Frieden, und der junge König kann sich nur auf wenige loyale Ritter verlassen.

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So leise wie möglich stieg sie aus dem Bett und stand auf. Schnell hatte sie ihre Kleidung angezogen und war bereit. Sie setzte sich noch ihren Hut auf und legte den Mantel um die Schultern, bevor sie das Zimmer verlassen wollte. Aus der Burg würde sie schon unbemerkt kommen, dessen war sich Lora sicher. Die Rückkehr würde wahrscheinlich schwieriger werden, aber diese Gedanken wischte sie schnell zur Seite. Sie hatte die Tür des Zimmers fast erreicht, als sie kurz innehielt. Sie schaute zu Finn. Der Junge wusste, wie man sich an Hof verhielt, das war klar. Aber hatte er nicht gesagt, dass er auch das Leben der einfachen Leute besser kennen lernen wollte? Hatte er nicht gesagt, dass er um ein guter König zu werden das Leben derer kennen lernen musste, die er eines Tages beherrschen sollte?

Lora drehte um und schlich zu Finns Bett. Das Schnarchen von Geron war noch immer so laut, dass sie keinerlei Bedenken hatte, dass der Ritter aufwachen könnte. Vorsichtig setzte sie sich neben Finn aufs Bett und stieß in sanft an.

„Hey, Finn, aufwachen!“, sagte sie während Finn langsam aus dem Schlaf aufwachte. Nach kurzer Phase der Orientierungslosigkeit erkannte Finn Lora.

„Lora, was willst du denn noch so spät in der Nacht. Wieso schläfst du nicht?“, fragte er seine neue Reisegefährtin.

„Ich konnte nicht schlafen. Das alles hier, das beschäftigt mich einfach noch. Ich meine, alles hat sich heute für mich geändert, alles. Und morgen werden wir schon weiterreisen. Ich wollte mich heute Abend noch mal von Tjemin verabschieden. Ich dachte, dass du, weil du ja gesagt hast, du willst die einfache Bevölkerung... also ich meine.“, stammelte Lora den letzten Satz.

Finn lächelte. „Ob ich mitkommen will?“, fragte er immer noch flüsternd.

„Ja genau.“

„Du weißt schon, dass das Geron nie erlauben würde?“

„Ja.“, antwortete Lora kurz und knapp.

„Und du willst immer noch daraus. Immerhin hast du versprochen, auf Geron zu hören, nicht wahr?“

„Ja.“, sagte Lora, mittlerweile fest entschlossen.

„Gut, dann los.“, sagte Finn und stand auf. Er streifte sich noch schnell seine Gewänder über und wollte dann mit Lora losgehen, als sein Blick auf seinen Waffengurt fiel. Vielleicht war es diesmal gar nicht so schlecht auf seinen Herrn zu hören. Er nahm den Gürtel mit dem Kurzschwert und band ihn sich um.

„So, jetzt sind wir fertig!“, sagte er und folgte Lora aus dem Zimmer. Nur das Geräusch von Gerons Schnarchen verblieb im Raum.

Der Weg aus der Burg stellte sich leichter dar, als Lora zunächst gedacht hatte. Nur anfangs war es etwas schwierig gewesen, aber nachdem sie aus dem inneren Ring durch einen Bediensteteneingang herausgekommen waren, war der Rest ein Leichtes gewesen. Durch die großen Gärten hindurch waren sie zur Außenmauer gelaufen, die sie ungesehen überquert hatten. Ein Haus, das direkt an der Mauer gebaut war, war dabei eine große Hilfe gewesen. Von hier aus liefen die beiden von Lora geführt in den Osten der Stadt, wo die ärmeren Viertel waren.

Schon bald erreichten sie das Hafenviertel am Ufer der Gronde. Lora kannte dieses Viertel nur zu gut, Finn hingegen sah schnell ein, dass er ohne Loras Führung hier wohl längst verloren gewesen wäre. In der lauen Sommernacht lag eine ungewohnt friedliche Ruhe über dem Hafen, der so im starken Kontrast zu dem hektischen Treiben des Tages stand. Nur hier und dort hörte man den Lärm einzelner Spelunken, jaulender Hunde und Katzen oder auch mal einen Matrosen, der zu seinem Schiff zurück wankte. Dennoch bildeten diese Geräusche eher die Ausnahme. Hatte er es am Tage noch als stinkend, dreckig und trubelig wahrgenommen, verstand Finn jetzt die subtile Schönheit, die dieser Ort bot. Er wollte gerade stehen bleiben und sich überall umschauen, als ihn Lora am Arm packte um ihn weiterzuziehen.

„Komm!“ sagte sie und gemeinsam liefen die Beiden den Fluss entlang. Schnell erreichten sie einen alten Turm, der Mitten im Hafen stand und so etwas deplatziert wirkte. Auch die Architektur des Turmes, der etwa zehn Schritte in die Höhe ragte, passte nicht zu dem Rest der Stadt. Waren die Mauern und Türme Tjemins hauptsächlich viereckig, robust gebaut, wies dieser Turm eine sechseckige Form auf. Man sah deutlich, dass der Turm in den letzten Jahrzehnten nicht beachtet wurde. Die Mauern bröckelten an mehreren Stellen, an einer Wand wuchsen Ranken den Turm hoch und der Eingang, der wohl einstmals ein hölzernes Tor enthalten hatte, war aufgebrochen und offen. Von einer Seite des Turmes begann ein kleines Stück Mauer, das aber nach kurzer Distanz in den ebenen Boden des Hafens überging.

Lora lief durch den zerfallenen Eingang in das Innere des Turmes.

Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. An der Turmwand entlang schlängelte sich eine Wendeltreppe bis zur Spitze des Turmes. Die Treppe wies einzelne gerade Stücke auf, die an den Ecken des Turmes immer abbogen und so auch ein Sechseck bildeten. Hier und dort waren Teile oder ganze Stufen herausgebrochen, von dem Geländer, dass die Treppe wohl einst abgesichert hatte, war nichts mehr außer den steinernen Halterungen zu sehen, die neben die Treppe gebaut waren. Außer der Treppe hatte nichts im Inneren des Turmes die Zeit überstanden. Es musste sehr lange her sein, seit dieser Turm aktiv genutzt worden war. Finn stieg über einzelne Gesteinsbrocken, die auf dem Boden des Turmes verteilt waren, und folgte dann Lora, die schon die Treppe empor stieg. Vorsichtig betrat Finn jede Stufe, immer in der Angst, dass einzelne Steinbrocken herausbrechen könnten und ihn zu Fall bringen würden. Bei einigen Abschnitten musste er große Schritte machen, um die zerstörten Stücke der Treppe zu überwinden, aber schließlich erreichte er ein bisschen nach Lora die Spitze des Turmes.

Als Finn über die Treppe nach draußen stieg wehte ihm sofort ein leichter Wind durch die Haare. Er nahm die letzten beiden Stufen und ging dann zu Lora, die bereits an den Zinnen des Turmes stand und in Richtung des großen Flusses blickte. Finn stellte sich vorerst wortlos neben Lora. Er ließ den Gesamteindruck der Aussicht auf sich wirken. Von hier oben hatte man wirklich einen wunderschönen Blick. Der Himmel war klar, überall waren die Sterne zu sehen. Das helle Licht des fast vollen Mondes glitzerte auf dem Wasser des Flusses, der langsam nach Süden floss. Auf der anderen Uferseite erstrecken sich mächtige Wälder, soweit das Auge reichte. Finn wendete seinen Blick ein bisschen weiter nach Südosten. Obwohl er es nicht sehen konnte, wusste er, dass in diese Richtung Dämmertan lag, der Ort, der ihm in den letzten Jahren Heimat geboten hatte. Er ging weiter an den Zinnen des Turmes entlang und schaute dann auf die Stadt.

Tjemin lag friedlich da. Er konnte über die gesamte Stadt blicken. Er sah das Gefälle, das sich von Ost nach West erstreckte. Aus alten Lagerhallen und jämmerlichen Bruchbuden wurden nach Westen hin immer stabilere, größere Häuser, die schließlich in dem großen Palast des Herzogs endeten. Die Aussicht von der Spitze des Turmes hatte etwas Besonderes.

Auf einmal stand Lora wieder neben Finn.

„Es ist wunderschön hier oben.“, sagte er leise und Lora nickte.

„Ja, ich war oft hier oben und habe mir meine Stadt angeschaut. Im Turm ist eine gute Schlafstätte, auch wenn man hin und wieder von Gardisten verscheucht wurde. Trotzdem wollte ich hier noch einmal hin, bevor wir morgen die Stadt verlassen. Glaubst du, dass wir mal wieder nach Tjemin kommen werden?“, fragte sie.

Auch wenn die Jahre hier natürlich schwer gewesen waren und sie auch froh war, diesen Ort verlassen zu können, war Tjemin dennoch zu Loras Heimat geworden. All die verwinkelten Gassen, der Hafen, der Turm, die Menschen Tjemins, all das hatte sie für sich als Heimat gewonnen.

„Ja“, antwortete Finn. „Dies ist die Hauptstadt Fendrons und der Sitz des Herzogs. Ich bin mir sicher, dass wir noch öfter hierher kommen werden. Und dann werden wir wieder gemeinsam durch die Stadt laufen und auf diesen Turm steigen. Das verspreche ich dir.“

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