„Kein Grund, laut zu werden. Ich habe den Artikel nicht geschrieben! Sie geht sonst eigentlich nicht mit den Bands so hart ins Gericht, vor allem nicht mit einzelnen Personen. Die schlechteste Kritik, die ich je von ihr gelesen hatte, war ihre Musik klang nett . Dann muss sie euch wirklich nicht gut gefunden haben, wobei sie ja auch schreibt, dass ihr Talent habt.“, Sven versuchte seinen Freund etwas zu beruhigen und die Kritik zu schmälern. „Ich muss mit ihr sprechen.“, sagte Ben entschieden.
„Du solltest zuerst mit Simon sprechen und dir seinen Rat einholen.“, riet ihm Sven, der sich nun an einem der Fahrradständer lehnte und die Hände über Kreuz auf sein rechtes Knie legte.
„Warum denn das?“, erwiderte Ben mit verwirrter Miene.
„Er kennt Mia am besten und sagen wir es so, sie kann sehr eigen sein zu Menschen, die sie nicht besonders gut kennt. Und dazu gehörst du. Dem Artikel nach würde ich sogar sagen, dass du sehr schlechte Karten bei ihr hast, aber das kann Simon eher beurteilen. Vertrau mir! Sprich mit ihm und er hilft dir bestimmt den besten Weg zu finden, um dich mit ihr über ihre Kritik auszutauschen. Sonst macht sie dicht und redet überhaupt nicht mir dir. Mia ist einfach ein sehr spezielles Mädchen.“
„Pff, speziell. Wohl eher arrogant! Denkt sie hätte die Musik-Weisheit mit Löffeln zum Frühstück verputzt.“
Sven beschloss nichts weiter auf die Bemerkung seines Freundes zu erwidern. Ben war dermaßen wütend, dass jeder Satz ihn womöglich nur noch rasender gemacht hätte. Außerdem bezweifelte er, dass er Mia noch irgendwie gut bei ihm dastehen lassen konnte. So verabschiedeten sich die zwei voneinander und Ben fuhr mit dem Rad so schnell wie noch nie nach Hause.
Ihre Worte hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Den gesamten Heimweg über grübelte er über die verletzenden Aussagen. Insbesondere der persönliche Vermerkt über ihn selbst, dass er die Melodie in sich noch nicht gefunden habe, hallte wie ein innerliches Echo immer wieder in seinem Ohr. Er konnte sich genau vorstellen, wie Mia es vor ihm betont hätte. Vermutlich genauso, wie sie auf ihren Namen unbedingt aufmerksam machen mussten und ihm Star-Allüren unterstellt hatte. Mit Sicherheit war sie in ihrer Rezension nicht neutral gewesen. Natürlich hatte sie Good-For-Nothing in den Himmel gelobt, immerhin war ihr bester Freund der Schlagzeuger. Wenn sie nicht mit ihm befreundet wäre, wäre die Kritik vermutlich nicht so hochlobend gewesen, dachte er sich. Was bildete sich Mia Stein eigentlich ein? Hatte sie überhaupt einen musikalischen Hintergrund, der sie dazu befähigte Kritik darüber zu schreiben? Seines Wissens nach spielte oder sang sie in keiner Band. Lediglich durch Simon konnte sie ein wenig in diese Welt hineinschnuppern, was sie aber noch lange nicht zu einer Musikkritikerin ausmachen konnte. Was meinte sie überhaupt mit Melodie in sich? Hatte sie einen Liebesroman zu viel gelesen und konnte sich daher nicht anders ausdrücken als über diese romantische Art?
Innerlich tobte ein Orkan in Ben, der all ihre Worte am liebsten nach Kansas verfrachtet hätte. Wut, Ärger, Enttäuschung, vor allem, aber Selbstzweifel boten sich ein Rennen auf den Bahnen seiner Seele.
Er warf den Rucksack in eine Ecke seines Zimmers und setzte sich sofort an seinen Rechner. Das bekannte Verbindungsgeräusch ertönte und nachdem er sich mit dem Internet verbunden hatte, öffnete er das ICQ-Programm und gab die Nummer ein, die ihm Sven gegeben hatte. Er lehnte sich zurück und wartete auf die Annahme Simons. Etliche Male drehte er die Daumen umeinander im Kreis und wusste nicht, was er in der Zwischenzeit mit sich anfangen sollte. Sein Kopf ließ keine Ablenkung zu und erinnerte ihn immer wieder an den Hieb auf sein Herz. Sauer raufte er sich die Haare und beschloss, dass womöglich die Mathehausaufgaben ihn von den Gedanken abbringen konnte. Es fiel ihm allerdings unheimlich schwer, sich auf sie zu konzentrieren. Immer wieder schielte er zum Bildschirm und überprüfte, ob sich der Blümchenstatus änderte. Er tat es vergebens.
Mittlerweile meldete sich sein Magen, welcher einerseits etwas Nahrhaftes in sich spüren wollte und andererseits wegen der Achterbahn der aufkeimenden Gefühle Alarm schlug. Das Knurren nervte ihn so sehr, dass er schließlich die Treppe hinab in die Küche ging und sich ein Puten-Sandwich machte. Während er das Toastbrot mit Remoulade bestrich fiel ihm ein, dass er vor ein paar Tagen die Fotos des Konzerts von einem der Schüler vor Ort erhalten hatte. Ihm war der Kollege mit der Kamera direkt aufgefallen und nachdem er ihn angesprochen hatte, hatte dieser ihm erzählt, dass er das Konzert als Übung für die Foto-AG nutzte. Direkt hatte Ben die Gelegenheit genutzt und gefragt, ob er die Fotos ihm zur Verfügung stellen würde, damit sie auf der Homepage von Interrobang veröffentlicht werden könnten. Freudig willigte der Anfänger-Fotograf in die Zusendung ein und verlangte lediglich seine Namenssetzung unter den Fotos.
In die eine Hälfte des Sandwichs beißend, legte er den Rest auf den Teller und eilte kauend wieder hoch in sein Zimmer und öffnete den Ordner, in welchem er die Fotos abgelegt hatte. Klick für Klick ging er jedes einzelne Bild durch. Besonders jene, auf denen das Publikum zu sehen war, interessierten ihn. Er wollte explizit Mia sehen, doch hatte sie scheinbar das Talent, auf Fotos nicht zu aufzutauchen und falls doch, kaum erkennbar zu sein. Ab und an entdeckte er ihre dunklen Locken, aber nie konnte er ihr Gesicht klar erkennen.
Vollkommen in der Suche nach Waldo versunken, bemerkte er gar nicht, was um ihn herum passierte. So kam es dazu, dass ein dumpfes Klopfen ihn hochschrecken ließ. Durch den Schreck hatte er sich unangenehm auf die Zunge gebissen. Mit von Schmerz verzerrtem Gesicht drehte er sich um und schaute zur Zimmertür. „Was machst du denn hier?“, fragte Ben wenig erfreut. „Dir auch ein Hallo! Darf ich etwa meinen Freund nicht besuchen?“, erwiderte das schlanke Mädchen, welches im Türrahmen stand. Sie schloss hinter sich die Tür, legte ihre Jacke auf dem Boden ab und küsste ihn zur Begrüßung auf den Mund. Ihre langen, glatten und blonden Haare streiften seine Wange, die ein unangenehmes Kitzeln auslösten. Er rieb sich die Wange, während das Mädchen sich auf sein Bett setzte. „Doch, aber ich habe nicht mit dir gerechnet.“, antwortete er und versuchte seine Laune vor ihr zu verbergen. „Ich habe dich eben vermisst. Komm doch zu mir, dann zeige ich dir wie sehr.“, sagte sie und tätschelte mit ihrer Hand das Bett. Zögerlich stand Ben auf und tat, wie ihm geheißen. Eigentlich war er nicht in Stimmung, doch er kannte Julia und wollte keinen Streit provozieren. Sie hätte ihm direkt unterstellt, dass er sie nicht mehr lieben würde oder er sie nicht mehr schön finden würde. Dass er einfach keine Lust hatte, würde für Julia nicht als Ausrede gelten. Auf den zickigen Streit mit ihr, hatte er keine Lust. Das konnte er am heutigen Tage nicht auch noch gebrauchen. Er küsste sie, während er sich auf sie legte und sie ihre Beine um seine Hüfte schlang. Just in diesem Moment änderte sich der Status der Blume zur ICQ-Nummer von Simon. Doch Ben sollte es erst in der Nacht bemerken.
Zu seinem Ärger war Simon bereits offline, als Julia gefahren und er wieder am Rechner war. Er würde erst am nächsten Tag mit Simon sprechen können. Verärgert putzte er sich die Zähne. „Melodie in sich nicht gefunden.“, sah er ständig vor seinem Auge fliegen. Er starrte in sein Spiegelbild und blickte sich in seine braunen Augen. Er versuchte etwas in sich selbst zu sehen, doch war da nichts. Nur er selbst und das plötzliche Gefühl nicht gut genug zu sein. „Kunst ist subjektiv. Nicht jeder liebt sie. Daran musst du dich gewöhnen.“, sagte er zu sich selbst und atmete tief ein und aus. Ben legte sich ins Bett. Er würde in dieser Nacht kaum ein Auge zu bekommen.
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