„Ich glaube, ich muss ums Eck!“, keuchte sie und verschwand ins Bad. Von außen waren noch die Würggeräusche hörbar gewesen. Bis heute plagt Mia das schlechte Gewissen Tim gegenüber und sie brachte es kaum fertig, ihm in die Augen zu sehen. Immer wieder musste sie an ihren Fauxpas denken und wie sie ihn gekränkt haben musste. Trotz dieser unangenehmen Geschichte kamen sie überraschenderweise gut miteinander aus und Mia bekam das Gefühl, dass Tim sich sogar freute, wenn er sie auf einem Konzert wiedersah. Die alleinigen Treffen in Düsseldorf fielen seither natürlich aus.
„Ah cool, da kann ich ja auch ein paar Songs noch mitsingen.“, sagte Mia zu Simon.
„Genau. Und sonst gibt es noch so ein Trio. Die haben einen Namen der was für dich ist mit deinem Lieblingsfach.“, er pikste sie in die Seite. Direkt wissend, dass er auf den Deutsch-Kurs anspielte, erwiderte sie mit hoch gezogener Augenbraue: „Die drei Fragezeichen sind aber leider schon vergeben.“
„Nein, so nennen die sich natürlich nicht. Wie heißt das denn noch mal, wenn Frage- und Ausrufezeichen zusammen sind. Inter?“, Simon kratzte sich am Kopf. „Interrobang?“, half Mia nach.
„Ja genau! Interrobang nennen die sich.“, seine Hände trafen aufeinander und das entstehende Klatschen erinnerte an einen Peitschenhieb. „Wieso kannst du dir so was merken?“
„Na, weil das in den Marvel-Comics oft verwendet wird. Und irgendwann habe ich nachgeguckt, ob es dafür einen Namen gibt.“, erklärte sie.
„Würde ich jetzt auch behaupten, damit das Wissen darüber cooler wirkt. Willst du mit Backstage kommen und die Jungs begrüßen?“, ohne eine Antwort abzuwarten legte er seinen Arm um sie und zerrte sie mit zum sogenannten Backstage-Bereich, der einfach ihr Musikklassenzimmer war. Direkt sah sie Tim der ihren Blick auffing und strahlend auf sie zuging. „Mia!“, umarmte er sie und hob sie dabei, wie üblich, hoch. Er war jetzt schon über einen Kopf größer als sie und konnte sich den neckischen Spitznamen Kleine nicht verkneifen, was ihr natürlich gar nicht gefiel.
„Wie geht es dir Tim? Haben uns auch wieder ewig nicht gesehen.“ Sie versuchte den besagten Tag voller Peinlichkeiten zu verdrängen. Bei jedem Wiedersehen keimte die Erinnerung daran wieder auf und ihr schlechtes Gewissen klopfte energisch gegen die Tür. Alleine die Tatsache, dass sie sich nach einer süßen Liebeserklärung übergeben musste, sprach schon für sich. Kein Wunder, dass sie noch keinen Freund bisher gehabt hatte.
„Alles bestens! Ich habe jetzt eine Freundin!“, sagte er und reckte seine stolze Brust ihr entgegen. „Das freut mich! Ist sie auch hier?“
„Leider nicht. Ihre Eltern erlauben es ihr noch nicht, sie sei zu jung. Vielleicht in zwei Jahren mal.“
Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis die Bandkollegen von Simon dazu kamen. Sie waren allesamt älter als Simon, aber von ihrer Art her hätte man keinen Altersunterschied gemerkt. Obwohl unter anderem Sven schon achtzehn war, dachte Mia manchmal, sie würde mit einem vierzehn-Jährigen reden. Die regelmäßigen Chats am Abend blieben nicht aus und oft half sie Sven bei seinen Songtexten. Immer wieder versuchte Mia ihn dazu zu bringen, auch mit Becky zu schreiben, denn ihre Freundin war ziemlich in den Gitarristen verschossen. Doch leider hatte er überhaupt kein Interesse an ihr.
Mia unterhielt sich mit allen die sie kannte und teilweise kamen auch die Fremden mit in die Runde. Zu groß war die Neugier, wer hier im Backstage-Bereich so viel Aufsehen und Lacher erregte, gab es sonst kaum Angehörige der einzelnen Bandmitglieder, die sich dort blicken ließen. Außerdem spielte Mia mal wieder ihre Flachwitz-Kassette ab, die viele äußerst amüsant fanden. „Ist das deine Freundin, Simon?“, ertönte eine dunkle Stimme von hinten. Mia drehte sich um. Ein Junge stand vor ihr mit kinnlangen, braunen Haaren. Seine Augen trugen dieselbe Farbe. Hier und da hatte er ein paar Pickel am Kinn. Von Bartwuchs noch keine Spur. Er sah schlaksig aus, aber wer tat das in diesem Alter nicht? Definitiv war er älter als sie. Sie schätzte ihn auf mindestens siebzehn ein.
Seine vollen Lippen formten sich zu einem Lächeln und ließen seine hellen Zähne hervorblitzen. „Warum guckt sie denn so kritisch.“, erwiderte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Irritiert sah sie zu Simon und bemerkte erst dann, dass sie tatsächlich die Stirn krausgezogen hatte und dadurch eher sauer wirkte, als freundlich. Simons Miene hatte ihr das deutlich wieder gespiegelt. Er strich sich durch sein schwarzes Haar, das ebenfalls zu lang für ihren Geschmack war. Die Mode damals war eben anders. „Nein, das ist meine beste Freundin Mia. Mia das ist Ben, der Sänger und Gitarrist der Band Interrobang .“
Mia reichte ihm die Hand. „Nett, dich kennenzulernen. Bin auf eure Musik gespannt.“ Sein Blick wanderte von ihren Augen hin zur Hand, dabei biss er sich verlegen auf die Unterlippe, sah wieder hinauf und entgegnete endlich der Geste. Als sich ihre Hände berührten, spürte Mia ein leichtes Kribbeln auf ihrer Haut, gefolgt von einem flauen Gefühl in ihrer Magengrube. „Freut mich auch, beste Freundin von Simon. Ich bin gespannt, wie dein Urteil ausfallen wird.“
„Mia.“
„Was?“
„Mia ist mein Name. Noch bist du nicht so berühmt, als dass du dir Namen nicht merken solltest.“ Verblüfft sah er ihr hinterher, als sie die Hand rasch wegzog und den Backstage-Bereich verließ.
Kapitel 3
„Seid ihr bereit für Interrobang ?“, fragte der Moderator, ein Schulkamerad aus dem Abiturjahrgang, der jede Gelegenheit nutzte, um auf der Bühne seine Show abzuziehen. Die Zuschauer jubelten und es war klar, dass die Band bereits einige Fans in der Menge zu zählen hatte. Vollkommene Newcomer waren sie demnach nicht. Ben kam auf die Bühne und heizte dem Publikum ein. Nach ein paar Worten begann er den ersten Song anzuspielen. Die Lichter waren auf die Jungs gerichtet. In kreisenden Spots fiel jedoch die totale Aufmerksamkeit auf Ben. Das Schlagzeug stand mittig auf der Bühne und einen halben Meter weiter hinten als die Plätze des Gitarristen und Bassisten. Obwohl damit etwas im Hintergrund nahm Ben die vollkommene Präsenz auf der Bühne ein, als er sich hinter die Trommeln setzte. Eins wurde damit schnell klar, Ben war der Star der Band. Die Lichtkegel ließen seine in Schweiß gebadete Haut schimmern. Wenige Perlen zeichneten sich von seiner Schläfe ab und sein Haar begann strähniger zu werden.
Die Musik war nicht schlecht, aber Mia gefiel nur ein einziger Song mit dem Titel Niemals darfst du gehen . Ben hatte keine gute Stimme. Er war nicht als Sänger geboren. Zwar traf er die Töne und aufgrund der Stimmung war die Performance auch live in Ordnung, aber ein richtiger Sänger war er definitiv nicht. Dafür war seine Stimme nicht aufregend genug, aber das würde Mia ihm erstmal nicht sagen.
Mia wurde warm. Die Menschen und die fehlenden Fenster sorgten für eine stickige Atmosphäre. Die Temperatur erinnerte an einen heißen Sommertag, obwohl bereits Herbst war und sie freute sich jetzt schon auf die kühle Brise, die für alle ein Segen sein würde.
Mia hatte sich einen Weg in die erste Reihe gebahnt und sah kurz zu Ben hinüber, dessen Shirt mittlerweile vollkommen durchtränkt war. Ein Schauder lief über ihren Rücken. Zu sehr ekelte sie sich vor dem Schweiß und wollte gar nicht wissen, wie er wohl nach dem Auftritt riechen würde. Seine Bandkollegen schwitzten zwar auch, aber nicht so intensiv wie er. Schlagzeugspielen schien einer Sporteinheit zu gleichen. Sie drehte sich um, ihre Freundin Becky schlängelte sich ebenfalls einen Weg nach vorne mit zwei Plastikbechern in der Hand, denn gleich würde Good-For-Nothing die Bühne betreten. Bens Haare waren mittlerweile vollkommen durchnässt und während er seinen Kopf im Takt schüttelte, trafen einige Schweißperlen die vordere Menge. Mia beobachte dieses Schauspiel angewidert und zog Becky ein wenig zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Interrobang spielte den letzten Song.
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