Der Ritter blickte zu seinem Kommandanten, der ernst nickte. Beide schienen sich bestätigt zu fühlen, teilten ihre Gedanken aber nicht mit Daron.
„Danke, Daron.“, sagte Alois. „Noch einmal zu dir: Was suchst du in Valorien?“
Daron lächelte und seine Augen funkelten. Obwohl sein Auftrag, von Prior Cleos ausgesprochen, wohl ein anderer war, war es für ihn ein leichtes, den Grund seiner Reise zu nennen. Denn neben seinen Pflichten als Diener der Laëa war es ihm in der Tat ein großes Anliegen, das Land seiner Herkunft und dessen Helden kennen zu lernen.
„Ich reise durch die Länder dieser Welt, um mein Wissen und meine Erfahrungen zu mehren. Und ich kam nach Valorien, um den Geschichten über die großen Ritter nachzugehen. Und jene über die Herzöge, die gemeinsam mit dem König das Land beherrschen. Sagt, Herr von Schöngau, wo befinden sich die anderen Ritter des Reiches?“
Daron sah, wie Wieland verächtlich schnaubte. In Alois Blick hingegen sah er Enttäuschung. Und Traurigkeit. Doch es war der Kommandant, der das Wort ergriff.
„Die Ritter des Reiches gibt es so im Moment nicht. Sie scheinen wie ein Relikt aus besseren Tagen.“, antwortete er enttäuscht. Alois wandte seinen Blick zu ihm. „Wieland.“, sagte er scharf, wusste aber auch nicht, was er erwidern sollte. Denn genau genommen hatte der Kommandant Recht. Also atmete er kurz durch und wandte sich dann wieder an den Fremden.
„Es ist, wie Wieland sagte. In dieser Zeit gibt es nicht mehr viele Ritter, und jene, die noch existieren, bekämpfen sich gegenseitig. Als Reichsverweser habe ich stets versucht, das Reich zusammen zu halten, aber es scheint jeden Tag mehr auseinander zu gleiten. Ich bin ein Ritter, doch neben mir gibt es nur noch vier Männer, die diesen Titel tragen. Graf Valentin wacht über Ostwacht, doch seine Loyalität ist zweifelhaft. Der alte Helmbrecht von Rethas hat sich schon lange von der Krone und Elorath abgewandt, und sein Leben will nicht enden. Herzog Celan von Tandor führt einen erbitterten Kampf um das Land, der immer mal wieder aufflammt, aber in den letzten Monaten ruhig war. Und Arthur von Freital ist ein geächteter Verräter, der sich in den Wäldern Rethas verschanzt. Geron von Dämmertan verschwand vor vielen Jahren aus dem Reich, genauso wie das Schwert von Fendron. Sein eigentlicher Träger, Forgat, befindet sich in seinem Herzogtum in einem religiösen Wahn. Drei weitere Ritterschwerter befinden sich ohne Nutzen und ohne Träger im Rittersaal in Elorath. Du siehst, Daron, es steht nicht gut um das Reich, das du erkunden willst.“, schloss Alois ab.
„Es ist keine gute Zeit, um Valorien zu bereisen.“, fügte Wieland hinzu. Daron senkte den Kopf, hob ihn dann aber wieder mit einem hoffnungsvollen Lächeln.
„Jetzt bin ich ja bereits hinter dem Eisentor. Und es scheint in jedem Land Krieg zu herrschen. Ich glaube, die Hoffnung der Menschen auf Frieden ist stets größer und wird die Konflikte besiegen. Wenn Ihr erlaubt, Herr von Schöngau, würde ich gerne an meinem Plan festhalten, Euer Land zu bereisen.“
Die beiden Männer wirkten ob des Optimismus von Daron verwirrt, schauten sich kurz an. Aber dann nickte Alois und konnte sogar auch leicht lächeln.
„Es sei dir gestattet. Wenn du willst, kannst du dich meiner Reisegruppe anschließen. Ich werde morgen wieder nach Elorath aufbrechen. Ein paar Geschichten aus fernen Landen mögen mich auf andere Gedanken bringen. Bessere jedenfalls, als die Realität meines Landes erlaubt.“, bot er Daron an.
Der Novize lächelte und verbeugte sich erneut. „Es wäre mir eine große Freude und Ehre, Euer Gnaden.“
Taskor rannte durch die Gänge der Festung von Härengar. Seine Schritte hallten durch die alten Mauern, und dennoch wirkte dies wie ein unwichtiges Hintergrundgeräusch. Der wahre Lärm des Momentes kam von draußen, von der Stadt.
Da waren zuerst die Schreie. So viele Schreie. Vor Angst. Vor Schmerzen. Vor Entsetzen. Oder auch nur die Rufe der Befehle. Soldaten lagen sterbend in den Straßen. Zivilisten rannten vor dem heranrückenden Feind, um irgendwo einen Ort der Sicherheit zu finden. Doch diesen Platz gab es wohl in ganz Härengar nicht. Nicht mal in der großen Festung des Königs. Die letzten kargatianischen Truppen, die noch kämpften, versuchten eine Verteidigung zu koordinieren. Tapfere Offiziere voran. Doch Taskor glaubte nicht mehr daran, dass ihr Leben gerettet werden konnte.
Dann war da das Krachen der Belagerungsmaschinen. Der Feind hatte Katapulte um die Stadt herum aufgebaut, die feurige Kugeln nach Härengar schleuderten, damit ein Teil der Stadt nach dem anderen in Flammen aufging. Es war die wohl effektivste Angriffsmethode gewesen, denn die Sorge um ihre Familien hatte viele Soldaten dazu gebracht, ihre Waffen niederzuwerfen und zu ihren Liebsten zu eilen, um diese aus den Flammen zu retten. Obwohl der Feind schon längst in der Stadt war, waren noch vereinzelte Brandgeschosse zu hören. Das entfernte Klacken der Katapulte. Das Surren in der Luft. Der krachende Aufprall.
Die Flammen waren ein weiterer Klang, der an seine Ohren drang. Er hielt kurz inne, als er aus dem Augenwinkel das gelbe Flackern sah und schaute zum Fenster hinaus. Der Ostturm stand vollkommen in Flammen. Sie knisterten und das Knacken von Balken war zu hören, die von den Flammen geschwächt brachen. So wie die Geräusche der Brände lag auch schwarzer Rauch über der gesamten Stadt. Taskor rieb sich kurz die Augen, die ob des Rauches brannten. Der Ostturm war verloren. Und damit eine weitere Hoffnung Kargats. Eigentlich war dies sein Ziel gewesen, denn die beiden Zwillinge waren dort untergebracht. Tyl und Adela von Kargat, die jüngsten Kinder von Kronprinz Liam. Doch der Turm war verloren, wie auch seine Bewohner. Er könnte vielleicht noch hinein laufen, aber dadurch würde er nur sein eigenes Leben wegwerfen. Nein, das Leben der Kinder war verloren.
Er wandte sich ab und rannte an der Abzweigung vorbei, die ihn zum Ostturm geführt hätte. Das Klirren der Klingen schien näher zu kommen. Überall in der Stadt hörte man kämpfende Männer. Stahl, der auf Stahl, Holz, oder in Knochen schlug.
All diese Geräusche und Wahrnehmungen waren ihm bekannt. Es schien ihm selbst, als schaute er auf hunderte Schlachten und Belagerungen zurück, in denen er all diese Eindrücke ein ums andere Mal wahrgenommen hatte. Aber in dieser Schlacht kam ein neues Geräusch hinzu, das alles zugleich untermalte als auch überlagerte. Es war ein neues Geräusch dieses Krieges. Und dieses Feindes. Dem Kaiserreich der Sonne.
Trommeln und Flöten. Klänge, die er schon so oft auf Festen gehört hatte. Das schnelle Rattern von Trommeln, die im Takt geschlagen wurden. Die hohen Töne von Flötenmelodien, die selbst großen Lärm überlagerten konnten. Doch von nun an würde diese für ihn immer mit Schrecken belegt sein. Die Art zu kämpfen, in die Schlacht zu ziehen, hatte er so noch nie bei einem Feind gesehen. Dennoch war das Resultat mehr als beeindruckend. Es war erschreckend.
Im Vergleich zu den Truppen Kargats schickte das Kaiserreich fast ausschließlich Fußsoldaten in eine Schlacht, die in genau gleiche Truppenteile aufgeteilt waren. Immer einhundert Mann, immer die gleiche Bewaffnung, immer die gleiche Befehlsstruktur. Von diesen Gruppen gab es Dutzende, die in monotonem Gleichschritt dem Feind entgegen marschierten. Getrieben und begleitet von dem Spiel einer Trommel und einer Flöte. Nun marschierten sie durch die Straßen von Härengar. Und er, General Taskor Graufels, konnte sein Heil und das Heil des Königreiches nur noch in der Flucht suchen. Mit dem Versuch, die letzten lebenden Mitglieder des Königsgeschlechts zu retten.
“Majestät, die Stadt ist verloren.“, sagte er schwer atmend, als er die Tür am Ende des Korridors aufschlug. Es gab allen Grund zur Eile und keinen Grund an den Tatsachen vorbei zu reden. Erst als er die Tür hinter sich zuschlug konnte er den Raum kurz mustern.
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