Mit zitternden Gliedern stand nur noch der Anführer der Urben. Er hatte seinen Säbel mit beiden Händen umfasst und deutete mit der Spitze auf den älteren Mann.
„Was seid ihr?“, fragte er mit zittriger Stimme und dem krächzenden urbischen Akzent. Daron sah, wie der Mann langsam auf den Urben zuging. Die Spitze seines Schattens berührte ihn fast, als er stehen blieb.
„Wir sind die Boten der Sonne.“, sagte der alte Mann ruhig und führte eine leichte Bewegung mit der linken Hand aus. Ein größerer Stein löste sich vom Boden und noch bevor der Urbe ausweichen konnte, zerschmetterte das fliegende Objekt seinen Schädel und eine Blutlache bildete sich an dem Ort, an dem er zu Boden ging. Mit dem Tod des letzten Urben verstummte auch der Gesang der anderen drei Männer.
Dann schaute der alte Mann zu Daron.
„Bitte tötet mich nicht.“, sagte Daron. Seine Stimme hörte sich wieder erstaunlich ruhig an. Aber wie schon vorher bei der drohenden Gefahr durch die Urben blieb er fest verwurzelt am Boden stehen. An den beiden Reitern hatte man sehen können, dass eine Flucht ausweglos war.
„Wieso sollten wir dich erst retten, um dich nun zu töten?“, fragte der alte Mann, auf dessen hartem Gesicht sich auf einmal ein geradezu unpassendes Lächeln abbildete.
„Wer seid ihr?“, fragte Daron unsicher und fügte dann gleich die nächste Frage an. „Und wieso habt ihr mich gerettet?“
Der Alte ging einige Schritte nach vorne auf Daron zu und blieb erst kurz vor ihm stehen. Er legte seine Hände auf dessen Schulter und schaute dem Jungen tief in die Augen.
„Ja, du bist es.“, sagte er mysteriös.
„Wer bin ich?“
„Mein Name ist Prior Cleos.“, beantwortete der Fremde nun Darons erste Frage. „Dies sind Bruder Nexan, Bruder Kortan und Bruder Gregos. Wir sind Mönche des Ordens der Laëa, aus dem Kaiserreich der Sonne.“
Daron schaute verwundert. Die Worte sagten ihm nichts. Er wusste nicht, was ein Mönch tat. Er wusste nicht, wer oder was Laëa war. Nur vom Kaiserreich hatte er Geschichten gehört, Mythen, von diesem fernen Ort.
„Wie habt ihr das gemacht?“, stellte er aber als nächstes die offensichtlichste Frage und deutete auf die Felsen und Spalten, die den Waldboden durchzogen.
Diesmal war es nicht Cleos, der antwortete, sondern der Braunhaarige, den dieser als Nexan vorgestellt hatte. „Laëa ist die Mutter dieser Erde. Sie durchzieht alles Land. Wir sind ihre demütigen Diener und dafür schenkt sie uns ihre Kraft. Wir beten sie an, auf dass wir diese Kraft gegen unsere Feinde einsetzen können.“
„Ist das Magie?“, fragte Daron vorsichtig, hatte er doch schon so viele Geschichten über die Zauberei der Altvorderen gehört. Wie sie Elorath errichtet hatten. Oder die Brücken über den Calas. Oder mit ihrer Zauberei gegen böse Mächte gekämpft hatten.
Es war wieder Cleos, der antwortete. „Nenne es, wie du willst. Aber es gibt nur wenige, die von Laëa gesegnet sind. Doch sie hat uns den Weg zu dir gezeigt. Und ich erkenne es. Du trägst die Kraft in dir. Laëa hat dich ausgewählt. Begleite uns in das Kaiserreich und werde ihr Diener, junger Daron.“
Daron schaute Cleos verwundert hat. Woher kannte der Alte seinen Namen? Und wieso dachte er, dass er ähnliches vollbringen könnte, wie diese Männer? Er war Valore, hier geboren und aufgewachsen. Und bis er eingezogen worden war, hatte er seine Heimat, Velken, nie verlassen. Und nun wollte Cleos, dass er diese fremden Männer in das weit entfernte Kaiserreich begleitete?
„Ihr müsst Euch täuschen, mein Herr.“, sagte Daron mit zittriger Stimme. „Ich kann solche Dinge nicht vollbringen. Ich bin ein einfacher Junge aus Rethas, aus Valorien.“
Cleos lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Junge. Du bist alles andere als gewöhnlich. Und du wirst die Wege der Laëa lernen, wenn du das willst.“
Daron zögerte. Er schaute sich um. Traurig blickte er auf den toten Feslan hinunter. Er war ihm ein Bruder gewesen. Und nun war er tot. Genau wie Dodo und Borchart. Genau wie seine Eltern. Genau wie die schöne Ritterin. Und hunderte weiterer Soldaten. Dennoch hatte dieser Krieg doch gerade erst begonnen. Viele Weitere würden genauso sterben. Und Velken, seine Heimat. Es war unklar, wie lange es die kleine Stadt überhaupt noch geben würde. Wenn der Tod seine Klauen aus Krieg, Krankheit und Hunger ausstreckte. Doch Cleos gab ihm eine Hand. Einen Weg. Daron hatte gesehen, was die Macht dieser Göttin im Stande war. Die Mutter Laëa. Was, wenn er wirklich solche Kraft erlangen könnte? Um jene zu schützen, die ihm einst wieder wichtig sein würden. Anders als Feslan, dessen Tod er nur mit ansehen konnte.
Er nickte. „In Ordnung. Ich begleite euch.“
Er hatte schon bald aufgehört, die Tage zu zählen. Doch als er schon glaubte, die Reise würde ewig dauern, zeichnete sich am Horizont ein einsamer Berg ab. Und schließlich erkannte er die Klosteranlage, die auf halber Höhe des Berges war und wie in den Fels geschlagen wirkte. Nur ein kleiner Pfad schlängelte sich zu dieser hoch. Die Architektur erinnerte mehr an eine Burg, denn an einen Tempel. Und gleichzeitig schien die Anlage alt, denn viele der Felsen waren bereits durch Wind und Wetter geschliffen.
„Ist dies das Kloster?“, fragte Daron dann schließlich Bruder Nexan, der neben ihm wanderte. Der ältere Mönch nickte.
„Ja, dies ist Kloster Sonnfels. Die Heimat unseres Ordens. Der heilige Sitz Laëas.“
„Wie viele Mönche leben hier?“, fragte Daron, kurz bevor sie das schwere hölzerne Tor erreichten, das die Klostermauern mit der Außenwelt verband.
„Im Moment ungefähr fünfzig Brüder. Es ist schwierig, Auserwählte der Laëa zu finden, und wir müssen die gesamte Welt bereisen, wie in deinem Fall.“, antwortete Nexan.
Dann erreichten sie geführt von Prior Cleos die Mauern. Doch bevor er durch das große Holzportal schritt, drehte dieser sich um und schaute Daron an. „Daron, von diesem Tag an bist du ein Novize der Laëa. Lerne fleißig, bete demütig und diene mit Hingabe. Dann wirst auch du einst die Macht unserer Mutter in deinen Händen halten.“
Teil 1:
Der Novize
Frühling 786 St. Gilbert
Der kalte Wind wehte ihm ins Gesicht und durchdrang selbst den dicken Stoff seiner Kutte, als er auf der kleinen Straße wanderte, die auf die Grenzgarnison zulief. Ein Nordwind, der wohl der letzte Atem des Winters war, der langsam dem Frühling wich. Mit jedem Schritt, den er dem Deich näher kam, wurde der Wind durch ein weiteres Geräusch untermauert: Das grollende Rauschen des Calas, der in der Tiefe reißend gen Westen strömte.
Daron blieb kurz stehen und hielt inne. Er strich die Kapuze vom Kopf, um die frische Luft zu fühlen und den Wind aus Valorien einzuatmen. Er war in all den Jahren natürlich älter geworden, wirkte aber noch jünger als die gut dreißig Jahre, die er mittlerweile zählte. Seine Haare waren in der typischen Frisur der Mönche gebändigt, sein Gesicht so gut rasiert wie die Seiten seines Kopfes, und auch aus den grünlichen Augen strahlten eine jugendliche Stärke. Er schaute der Straße entlang. Der Weg war vor vielen Jahren gepflastert worden, aber offensichtlich war wenig investiert worden, um die Straße auch in einem akzeptablen Zustand zu halten. Auch die kleine Toranlage am Ende wirkte eher brüchig. Doch das würde sich ändern, wenn der kaiserliche Frieden erst über ganz Kargat gebracht war. Die Bauwerke dahinter waren nämlich umso beeindruckender. Die große Brücke war zeitlos. Es schien, als wären die Zeitalter an ihr vorbei gegangen, ohne sie zu berühren. Auch die große Festung mit dem eisernen Tor wirkte in der Realität noch imposanter, als in all den Geschichten. Denn Daron sah diese zum ersten Mal. Als er damals aus Valorien gereist war, hatten sie gemeinsam den Weg über Ostwacht gewählt.
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