1 ...7 8 9 11 12 13 ...35 Taskor ging vorsichtig einige Schritte rückwärts auf die Gruppe um die Königin zu, hielt aber die beiden Kämpfer im Auge, während er antwortete. „So lange es Nachfahren von Wulfric gibt, gibt es eine wahrhafte Krone unseres Königreiches. Und du wirst dich dem beugen, Bürger.“
„Florenzo.“, korrigierte der Mann Taskor mit einem schelmischen Lächeln. „Man nennt mich Florenzo den Fechter. Und da ich genau genommen kein Bürger Kargats bin, erscheint mir auch die Drohung eher hinlänglich.“
Taskor musste sich auf die Zunge beißen, um nicht in Wut auszubrechen. Doch die Situation gab ein solches Verhalten nicht her. Sie hatten nicht nur zwei ausgesprochen wertvolle Geiseln in ihrer Hand, sondern waren ihm auch überlegen. Denn zumindest die beiden Männer verstanden das Handwerk des Krieges, das hatte Taskor auch in dem kurzen Moment erkennen können.
„Wer seid ihr?“, fragte er den offensichtlichen Anführer der kleinen Gruppe, „Und was wollt ihr?“
Florenzo lächelte. „Wir sind wohl das, was euer eins Abschaum nennen würde, ich würde uns als die wirklich freien Menschen des Landes bezeichnen. Eigentlich wollten wir euch nur gegen diese ungebetenen Gäste unterstützen. Aber General Graufels, den schwarzen General, erkennt man eben. Und wie erwartet scheinen wir ja eine gute Beute gemacht zu haben.“
Taskor hatte noch immer die Klinge erhoben und schnaubte. „Für eine Beute bin ich schlecht zu fangen. Aber wenn ihr gegen die Soldaten kämpft, die unser Reich in Flammen setzen, haben wir den gleichen Feind. Lasst die Frauen und den Jungen frei, und ich werde euch in Frieden und Freiheit gehen lassen.“
„Aah, ich glaube nicht. Oder…“, sagte Florenzo und schien zu überlegen.
„Ich habe ne Königin gefangen – edel, schön und hold - und willst du sie zurück erlangen – überschütte uns mit Gold.“, hörte Taskor auf einmal den Gaukler, der die Zeilen in einer Art schiefen Gesangs anstimmte. Er schaute unruhig zu dem Mann, der offenbar verrückt war.
„Entschuldigt Gilmar. Er ist manchmal etwas direkt.“, sprach nun wieder Florenzo. „Aber ich glaube er bringt es auf den Punkt. Was bringt es uns, euch nun laufen zu lassen?“
Euer Leben, wollte Taskor antworten. Aber erneut beherrschte er sich. Es war eigentlich recht einfach. Sie hatten nichts bei sich und er konnte nur die Zukunft versprechen. Gleichzeitig würden sich auch die vier Gestalten vor den kaiserlichen Truppen verstecken müssen. Dessen war er sich sicher. Er schaute ernst zu Florenzo.
„Ich sage es ein letztes Mal: Lass die Frauen frei, dann können wir sprechen. Wenn ihr uns helft, aus der Stadt zu entkommen, sollt ihr gut belohnt werden. Doch im Moment haben wir nichts bei uns. Also: Wollt ihr gute Bürger Kargats sein oder durch meine Klinge sterben?“, sagte er mit einer Mischung aus Drohung und ehrlichem Angebot. Seine Augen blieben auf Florenzo verhaftet, aber es war der ältere Kämpfer, der nun das Wort übernahm.
„Es reicht, Sinja. Steck die Klinge weg. Gilmar, komm her.“, sagte er mit rauer Stimme. Sofort folgten die beiden den Befehlen des Mannes und ließen von Benno, Hega und Sonya ab. Nun senkte auch Taskor die Klinge.
„Mein Name ist Eggbert Einauge. Einst diente ich als Soldat in der kargatianischen Armee. Dies ist meine Tochter Sinja Silberhand, sowie meine Gefährten Florenzo und Gilmar Glockenkron.“, sprach er mit ruhiger Stimme. Taskor ging derweilen die letzten Schritte zurück zu den Frauen und blickte dann Eggbert ins Auge.
„Danke Eggbert, für deine kluge Entscheidung.“, sagte er. Das Gefüge der vier hatte sich sehr schnell geändert. Gerade hatte er noch Florenzo als Anführer gesehen, aber Eggbert strahlte eine andere Art der Autorität aus. Dann wandte sich der General an die Königin.
„Majestät, geht es Euch gut?“, fragte er und Hega nickte sofort wortlos.
„Wir müssen uns beeilen.“, mahnte nun Sonya Taskor.
„Ja, Hoheit.“, gab dieser zurück und schaute dann noch wütend zu Benno, der seine Aufgabe so überhaupt nicht erfüllt hatte. Doch der Junge wich dem Blick aus und Taskor verkniff sich einen Kommentar, der ihnen nun auch nicht mehr helfen würde. Dann drehte er sich wieder zu Eggbert.
„Mein Angebot gilt. Ihr sollt alle entlohnt werden, wenn ihr uns aus der Stadt helft. Wie ihr seht, bin ich mit dem Jungen alleine für den Schutz der Frauen verantwortlich. Und ich habe gesehen, dass ihr von Hilfe sein könnt.“
Eggbert zögerte kurz, nickte dann aber. „Wir helfen euch aus der Stadt. Es gibt Wege, die ihr nicht kennt. Und die Kaiserlichen auch nicht. Dann unterhalten wir uns über unsere Belohnung.“
„Unsere Heimat steht in Flammen, ein Zurück gibt es nicht mehr.“, brachte Eggbert es auf den Punkt, als er den Blick auf Härengar hinunter warf. Sie hatten es geschafft. Es gab viele Winkel und Wege in Härengar, die Adeligen verborgen blieben. Aber Menschen wie sie, Diebe, Streuner, Herumtreiber, fanden diese Wege und Winkel. Mal um einen Schlafplatz zu finden. Mal um die Flucht vor der Obrigkeit anzutreten. Manchmal auch nur, weil einen die Neugier trieb. Der Abwasserweg hatte sie weit aus der Stadt geführt hin zu den Klippen, die nördlich von Härengar die Küste bildeten. Von dort war es noch ein Aufstieg gewesen und schon befanden sie sich auf dem kleinen Hügel, der ihnen den Blick auf die Stadt und den kaiserlichen Belagerungsring davor erlaubte.
Florenzo nickte. „Ja, und es scheint mir, dass das Leben für unsereins unter den Augen des Kaiserreiches nicht einfacher wird. Also, was wollen wir tun?“ Er schaute skeptisch zu der Gruppe hinüber, die um General Taskor stand. Ein einfacher Soldat, eine Königin und eine Prinzessin. Wahrlich nicht ihre Welt.
„Traue keinem Adelsmann - weil er nur Adel adeln kann - auf unsereins schaut er hinab - und schlägt uns schnell die Köpfe ab.“ Gilmar sprach wie immer in Reimen und wirr. Dennoch war es seine Erfahrung mit der Obrigkeit, die ihn zu diesem Urteil führte. Sinja legte die Stirn in Falten und schaute zu ihrem Vater.
„Ich glaube nicht, dass wir eine Wahl haben. Wenn wir dem General helfen, haben wir zumindest die Chance, an ein bisschen Gold zu kommen. Es gibt immer noch Teile Kargats, die nicht besetzt sind. Von hier fliehen wollen wir auch, vielleicht können die Herrschaften uns Türen öffnen, die sonst verschlossen wären.“
„In Ordnung.“, sagte Eggbert und schaute dann in die kleine Runde. „Seid ihr alle dabei?“
Florenzo hielt kurz inne, schien zu überlegen, aber nickte dann. „Ich bin dabei.“
„Es wird wohl sein mein Ende - wenn ich schon wieder mit euch gehe - doch wie ichs dreh und wende - keinen andern Weg ich sehe.“
„Ich bin dabei, Vater.“, bestätigte auch Sinja.
„General Graufels.“, rief der Veteran laut und ging auf die anderen Flüchtenden zu. „Wir haben uns entschieden. Wenn Euer Angebot steht, uns zu entlohnen, werden wir Euch weiter begleiten und schützen. Aber wohin führt uns unser Weg?“
Taskor wandte sich zu dem Mann um und war erleichtert. Außer Benno hatte er keinen anderen Kämpfer und der Junge war, wie gesehen, keine große Hilfe. Die Reise vor ihnen, egal wie sie es angingen, würde gefährlich sein. Er wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl, dass man den vier Gestalten trauen konnte. Sie waren auf den ersten Blick alles andere als vertrauenserweckend, aber aus ihnen sprach eine gewisse, bodenständige Ehrlichkeit. Eben nur ein Gefühl. Aber sie hatten ja nicht viel zu verlieren.
„Sehr gut. Die südlichen und westlichen Teile des Königreiches sind eingenommen. Die Städte im Norden der Küste wie Tengemünde, die Zwillinge und Wulfricshafen werden sich bald ergeben. Wir sollten nach Osten fliehen, ins Landesinnere, und dort nach Unterschlupf und Verbündeten suchen.“ Dann drehte er sich von dem Mann weg und ging auf die Königin zu, die im Gras saß. Neben ihr hockte Sonya.
Читать дальше