Neben ihm waren zwei Frauen und ein Soldat im Raum. Der Soldat stand in den Farben Kargats stramm an der Tür. Sein junges Gesicht war starr vor Angst und Anspannung. Die blonden Haare gaben ihm etwas Jungenhaftes. In der Tat war er wohl noch keine zwanzig Jahre alt. Doch Taskor ignorierte ihn und ging sofort auf die ältere Frau zu, die gerade aus ihrem Stuhl aufsprang, und kniete vor ihr nieder.
„Wir sollten so schnell wie möglich versuchen, aus Härengar zu fliehen, um Euch und Eure Tochter in Sicherheit zu bringen.“, fuhr Taskor fort, bevor sie antworten konnte.
„Wieso bist du nicht bei Liams Söhnen?“, fuhr ihn die Frau an, obwohl die Stimme mehr verzweifelt als wirklich wütend war. Taskor erhob sich nach einem kurzen Zeichen und musterte sie. Trotz ihres vorangeschrittenen Alters, waren ihre Haare noch immer hellbraun wie in früheren Tagen. Lediglich ihr Gesicht wirkte matter und schwächer, und dennoch erkannte man die Schönheit, die Hega von Kargat einst ausgestrahlt hatte.
„Es war Kronprinz Magnus, der mich angewiesen hat, Euch und Eure Kinder in Sicherheit zu bringen, Majestät. Ich wollte dem nicht zustimmen, aber der Befehl war eindeutig.“
„Was ist mit ihm? Und meinem Mann? Und mit Wolf? Und wo sind die anderen Kinder von Liam? Wo sind Tyl und Adela?“, fragte Hega aufgebracht.
Taskor senkte den Kopf. Es war schwierig, solche Nachrichten zu überbringen. Besonders in einer solchen Stunde, da es keine zwei Tage her war, seit die Königin ihren Stiefsohn verloren hatte. Obwohl Kronprinz Liam nicht ihr leiblicher Sohn gewesen war, war ihr Verhältnis immer gut gewesen. Oder vielleicht genau deshalb, waren die beiden doch fast im gleichen Alter. Es waren auch die Umstände dieses Verlustes gewesen, die nicht nur die Königin, sondern ganz Kargat entsetzt hatten. Der Plan des alten Königs war sehr gut gewesen. Das heranrückende Heer von Kronprinz Liam sollte dem Feind in den Rücken fallen, der doch gerade erst damit begann, eine Belagerung um Härengar zu legen. Gleichzeitig führten dessen Söhne, Wolf und Magnus, einen Ausfall aus der Stadt, um den Feind in einer Zangenbewegung niederzuringen. Doch der Plan war gescheitert. Die Kampfkraft der kaiserlichen Truppen war überragend gewesen, vernichtend für das kargatianische Heer. Während die beiden Söhne des Kronprinzen noch den Rückzug in die Stadt befehlen konnten, war Liam verloren gewesen. So wie sein Bruder Beorn einst war er heldenhaft in der Schlacht gefallen. Es waren die Tage der schweren Nachrichten. Doch es gab keinen Grund, diese zurück zu halten.
„Majestät, Euer Mann starb heldenhaft in der ersten Angriffswelle, die er selber zurückschlagen wollte.“, sagte Taskor anerkennend. Er selbst spürte langsam die Last des Alters in seinen Knochen. König Magnus war ungleich älter, und dennoch hatte ihn sein schierer Wille erneut in die Rüstung und vor seine Männer getrieben, um seine Stadt, seine Heimat zu verteidigen. Ein ehrenhaftes Ende für einen großen König.
Hega nickte traurig. Magnus, der große König der letzten Jahrzehnte, hatte sein eigenes, würdiges Ende gefunden. Irgendwie war sie erleichtert für ihren Mann. Doch sie konnte nichts sagen, bevor Taskor weitersprach, nun mit deutlich gesenkter Stimme.
„Magnus der Jüngere und Wolf…“, sprach der General leise und mit gesenktem Kopf, „…nachdem sie mir den Befehl gaben, Euch in Sicherheit zu bringen, konnte ich von der Mauer noch sehen, wie ihre Linien überrannt wurden. Wolf ging von mehreren Bolzen getroffen zu Boden. Magnus wurde von mehreren Soldaten umzingelt. Vielleicht ist er gefangen genommen, allerdings müssen wir davon ausgehen, dass er ebenso wie sein Bruder und sein Großvater gefallen ist.“
Taskor erkannte, wie Hega langsam schwächer wurde. Er trat vor und hielt sie am Arm, half ihr wieder Platz zu nehmen. Doch die Königin konnte nichts sagen. Brachte kein Wort des Wehklagens hervor. Und Taskor war immer noch nicht am Ende seines Berichts der Trauer.
„Tyl und Adela. Sie… nun… ein Geschoss traf den Ostturm. Er steht in Flammen. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig vordringen. Anscheinend hat es niemand mehr hinaus geschafft. Der Eingang ist eingestürzt. Es gibt keine Hoffnung.“
Hega schlug die Hände vor das Gesicht. Taskor hörte ein Schluchzen und dann einen leisen Satz. „Es ist alles verloren.“
Er wusste nicht wirklich, wie er mit der Situation umgehen sollte. So viele Schlachten waren vergangen, in denen er sich bewähren musste. In denen immer wieder Männer gefallen waren, deren Tod er den Familien erklären musste. Auch damals, als er König Magnus vom Tode Beorns hatte berichten müssen. Aber die Fülle der schlimmen Nachrichten, die Schutzlosigkeit der Königin, dieser Moment der Hoffnungslosigkeit. Dafür wusste Taskor keine Lösung.
„Mutter.“, sagte die andere Frau leise, als sie auf Königin Hega zuging. Sonya von Kargat hatte die gleichen, hellbraunen Haare wie ihre Mutter, die aber im Vergleich zu ihr leicht gelockt waren. Ihre tiefgrünen Augen gaben ihr etwas Mysteriöses, das doch ihre Schönheit nur hervorhob. Taskor war in diesem Moment dankbar über die beeindruckende Stärke, die die Prinzessin an den Tag legte. Immerhin waren es auch ihre Brüder und Neffen gewesen, die ihr Leben verloren hatten. dennoch wirkte sie gefasst, legte ihre Hand tröstend auf den Arm der Mutter.
„Nein, Majestät, noch ist nicht alles verloren.“, sagte Taskor etwas steif. „Noch gibt es eine Nachfahrin Wulfrics, die das Königsgeschlecht weiterführen kann. Majestät, prinzliche Hoheit, wir müssen so schnell es geht aus Härengar fliehen. Die Stadt ist gefallen, aber so lange das Volk Kargats noch auf eine Königin hoffen kann, ist das Land noch nicht verloren.“
Hega schaute ungläubig auf und fixierte Taskor erneut fast wütend. Ihre Augen waren rot, Tränen rannen über ihre Wangen. Aber Hega von Kargat war immer eine starke Frau gewesen. Wut war ihr näher als Trauer. Sie schaute den General giftig an.
„Über was für eine Hoffnung redest du, Taskor? Du hättest an der Seite meiner Enkel stehen sollen, um tapfer mit ihnen zu sterben. Wie ein Feigling bist du in die Burg geflohen, um deine eigene Haut zu retten. Und nun willst du, dass ich genauso davon laufe? Niemals. Wenn das Königshaus von Kargat zu Grunde geht, dann mit erhobenem Haupt. Hier und heute.“
„Mutter.“, sagte Sonya beruhigend und sofort wich die Wut Hegas ob der sanften Worte ihrer Tochter. „General Graufels hat Recht. Ich bin mir sicher, dass er mit Freuden als erstes gefallen wäre um unser Leben und das Leben der Prinzen zu schützen. Aber die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Lass uns fliehen, wenn wir können.“
Taskor nickte wortlos. Er hatte die Wut von Hega verdient. Und konnte über die Stärke von Sonya nur staunen. Sie hatte Recht. In jedem Moment, den sie zögerten, kamen die kaiserlichen Truppen näher. Ohne weiter auf eine Entscheidung der Frauen zu warten, drehte sich Taskor zu dem jungen Soldaten an der Tür um.
„Du, wie ist dein Name?“
„Be…Benno. Benno Mühlknecht.“, antworte der junge Mann stotternd. Die Angst stand ihm im Gesicht.
„Gut, Benno. Du wirst uns begleiten. Du bist für das Leben der Königin und der Prinzessin verantwortlich. Du wirst sie keine Sekunde aus den Augen lassen. So wie ich wirst du dich mit Freuden in jede Klinge stürzen, die ihnen zu nahe kommt, verstanden?“, sprach der alte General in zackigem Befehlston.
Benno spannte den ganzen Körper an und verbeugte sich leicht. „Natürlich, mein General. Aber wie wollen wir fliehen?“
Taskor legte die Stirn in Falten. Der Weg über den Burghof war zu gefährlich. Auch den Weg an die Anlegestelle der Festung konnten sie nicht nehmen, denn die Schiffe des Kaisers hatten den Hafen unter Belagerung genommen.
„Es gibt einen Bediensteteneingang aus der Küche, der direkt in die Gassen von Härengar hinter der Burg führt.“, sagte Sonya und wandte sich mit den Worten direkt an Taskor. Dieser nickte. Ja, das war ein guter Plan. Vielleicht der einzige Weg.
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