„Eine merkwürdige Person“, murmelte der Polizist beim Zurückgehen.
Er kehrte indes sofort wieder um, da er in der unteren Halle Stimmen hörte.
„Der alte Mann ist wach!“ rief eine Stimme hinauf.
Sofort stiegen Fenton und Mr. Sutherland die Treppe hinab. Miss Page stand unter der Türe des Zimmers, in dem Philemon Webb saß. Als die beiden Männer näher kamen, machte sie eine halb ironische, halb abbittende Verbeugung und verließ das Haus.
Wie von einem Bann erlöst, atmeten die beiden Männer auf und besonders Mr. Sutherland war durch das Fortgehen der jungen Dame sichtbar erleichtert.
„Ich wünschte, der Doktor wäre hier“, sagte Fenton.
"Ich sandte unsere n besten Reiter nach ihm, doch er ist irgendwo da draußen am Portchester Weg und es kann eine Stunde dauern, ehe er kommt.“
„Philemon!“ rief Mr. Sutherland, indem er die Hand seinem alten Freund auf die Schulter legte, "Philemon! Wo sind Deine Gäste? Du hast bis zum Morgen auf sie gewartet!“
Philemon schaute erstaunt auf die beiden Gedecke neben ihm und sagte, indem er mit dem Kopfe schüttelte:
„James und John werden stolz - oder sie haben es vergessen, sie haben es vergessen.“
James und John. Er meinte wohl die Zabels. Es gibt aber so viele Leute in der Stadt, die diese Vornamen trugen.
Wieder frug Mr. Sutherland:
„Philemon, wo ist Deine Frau? Ich sehe, es ist hier nicht für sie gedeckt.“
„Agatha ist nicht wohl, Agatha ist ärgerlich. Sie kümmert sich nicht um einen alten, kranken Mann, wie ich.“
„Agatha ist tot und Du weißt es!“ schrie der Polizist unüberlegter Weise.
„Wer hat sie ermordet? Sag, wer hat sie ermordet?“
Der plötzliche Schreck nahm dem Kranken den letzten Rest von klarer Besinnung. Mit dem gurgelnden Lachen, das Geistesschwachen eigen ist, erwiderte er:
„Die Mieze-Katze, es war die Mieze-Katze. Wer ist ermordet? Ich bin nicht ermordet. Lasst uns nach Jericho gehen.“
Mr. Sutherland nahm ihn unter dem Arm und geleitete ihn nach oben. Vielleicht würde der Anblick seiner toten Gattin ihn zur Besinnung bringen. Doch er schaute sie an, mit demselben starren Blick des Nichterkennens, mit dem er alles andere betrachtete.
„Ich kann dies Kaliko-Kleid nicht leiden“, sagte er nach einer Weile. „Sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden, doch sie will nicht. Agatha, wirst Du zu meinem Begräbnis dein Seidenkleid anziehen?“
Erschüttert, zog Mr. Sutherland den alten Mann hinweg und übergab ihn der Obhut eines Polizisten. Fentons Neugierde war erregt worden.
Er nahm Mr. Sutherland bei Seite und flüsterte:
„Was wollte der alte Mann damit sagen: sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden? Sind die Leute etwa nicht so arm, als sie scheinen?“
Ehe Mr. Sutherland antwortete, schloss er die Türe.
„Sie sind reich“, erklärte er sodann dem erstaunten Frager, „das heißt, sie waren reich; vielleicht wurden sie beraubt. Wenn dem so ist, dann war es sicher nicht Philemon, der sie tötete. Wie ich hörte, bewahrte Agatha ihr Geld in einem altmodischen Wandschrank auf - wie etwa dieser hier“, setzte er hinzu, auf eine Doppeltüre in der Wand über dem Kaminfeuer zeigend.
Fenton, der einen Schlüssel im Schloss bemerkte, ging sofort hin und öffnete die Türen. Erst sah er nichts, als einige Reihen Bücher.
Als er diese jedoch herabgenommen, bemerkte er dahinter zwei Schubladen.
„Sind sie verschlossen?“ fragte Mr. Sutherland.
„Eine ist verschlossen, die andere nicht.“
„Öffnen Sie die unverschlossene.“
Fenton tat so. „Sie ist leer“, sagte er.
Mr. Sutherland warf wiederum einen Blick nach der Toten. Die ebenmäßigen Züge, die seelische Ruhe, die auf ihnen lag, berührten ihn sonderbar.
„Ich weiß nicht, ward sie das Opfer ihres geistesschwachen Gatten oder eines ruchlosen Räubers. Sehen Sie doch, ob Sie den Schlüssel zu der anderen Schublade finden können.“
„Ich will es versuchen.“
„Vielleicht fangen Sie mit Suchen am besten bei der Toten an; der Schlüssel sollte sich in ihrer Tasche finden, wenn kein Dieb ihn weggenommen hat.“
„Er ist nicht in der Tasche.“
„Vielleicht hängt er an einer Schnur an ihrem Halse?“
„Nein. Da hängt wohl ein Medaillon, aber kein Schlüssel. Ein prachtvolles Medaillon, Mr. Sutherland, mit einer goldenen Haarlocke eines Kindes darin -.“
Wir können das später betrachten; jetzt wollen wir erst den Schlüssel suchen.“
„Herr des Himmels!“
„Was ist es?“
„Sie hat den Schlüssel in der Hand - in der Hand, auf der sie liegt!“
„Ah! Das ist wichtig, Fenton!“
„Sehr wichtig!“
„Bleiben Sie hier, Fenton. Lassen Sie keinen Menschen diesen Schlüssel wegnehmen, bis der Untersuchungsrichter hier war und dies selbst gesehen hat!“
„Ich werde hier bleiben!“
„Inzwischen will ich diese Bücher wieder an ihren Platz stellen.“
Er war kaum damit fertig, als eine andere Person im Hause erschien: Pastor Crane.
Der Neuangekommene hatte wichtiges zu erzählen. Zu früher Morgenstunde, vom Krankenbette eines seiner Pfarrkinder kommend, war er an diesem Hause vorübergegangen.
Als er eben die Türe passierte, lief ein Mann in höchster Erregung aus dem Hause; in der Hand hielt er etwas glänzendes und obgleich er ihn - den Pastor - fast umgerannt hatte, blieb er doch nicht stehen, um sich zu entschuldigen, sondern eilte mit unsicheren Schritten dahin.
Daraus schloss der Pastor, dass der Fremde alt war. Außerdem sah er auch die Spitzen eines weißen langen Vollbartes über die Schultern flattern; das Gesicht konnte er nicht sehen.
Philemons Gesicht ist glatt rasiert. Um genauere Zeitangabe gefragt, sagte der Pastor, dass es ungefähr um Mitternacht gewesen sein muss, denn halb ein Uhr befand er sich wieder in seinem Hause.
„Haben Sie im Vorübergehen nach den Fenstern gesehen?“ fragte Fenton.
„Ich erinnere mich, dass beide beleuchtet waren.“
„Waren die Jalousien herabgelassen?“
„Ich glaube nicht, sonst wäre mir das aufgefallen.“
„Wie waren die Jalousien, als Sie heute Morgen ins Haus kamen?“ fragte Mr. Sutherland den Polizisten.
„Genauso, wie Sie sie jetzt sehen; es ward nichts im Hause berührt. Beide Jalousien waren herabgelassen, die eine über ein offenes Fenster.“
„Diese Begegnung mit dem Unbekannten ist von größter Wichtigkeit, Herr Pastor.“
„Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht gesehen“
„Was mag wohl der glitzernde Gegenstand gewesen sein, den Sie in seiner Hand sahen?“
„Ich möchte keine Meinung darüber äußern; ich sah den Mann nur eine flüchtige Sekunde.“
„Kann es ein Messer oder ein altmodischer Dolch gewesen sein?“
„Arme, arme Agatha! Das gerade sie, die das Geld so verachtete, das Opfer eines habgierigen Mörders werden musste! Ein glückloses Leben und ein glückloses Ende - Fenton, ich werde mein Leben lang um Agatha Webb trauern.“
„Und doch scheint es, als ob sie endlich Ruhe gefunden habe“, sagte der Pastor. „Ich sah sie im Leben nie so seelisch zufrieden.“
Dann, Mr. Sutherland bei Seite ziehend, fragte er:
„Was sagten Sie eben von Geld? Hat sie wirklich, entgegen allem Anschein, über ein größeres Vermögen verfügt? Ich frage deshalb, weil sie, trotz ihrer einfachen Kleidung und ihrer einfachen Lebensweise, stets mehr für die Kirche gab, als irgendeiner ihrer Nachbarn. Außerdem bekam ich von Zeit zu Zeit anonym größere Beträge zugesandt, stets für arme, kranke Kinder bestimmt, die -.“
„Ja, ja, die kamen von ihr, ohne Zweifel von ihr. Sie waren nicht arm, obwohl ich nie wusste, wie reich sie war, bis in letzter Zeit. Sie zogen offenbar vor, einfach zu leben und da sie keine Kinder am Leben haben.“
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