1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 Als nächstes sah sich Eric das Gebiet an, in dem Ölsand abgebaut wurde.
Es gab keinen Baum, kein Strauch, die ganze Landschaft war komplett verschwunden. Tiefe Löcher von gigantischem Ausmaß waren in die Erde gegraben worden. Abraumhalden türmten sich schwarz auf. Statt türkisblauer Seen gab es Tümpel, die mit dunkler Giftbrühe gefüllt waren. Inmitten dieser dunklen verwüsteten Landschaft lagen riesige Industrieanlagen, die ihre Abgase in den Himmel schickten und die Luft verpesteten.
Eric sah fassungslos auf die Bilder. Er konnte nicht begreifen, dass diese beiden Gebiete in derselben Gegend lagen. Es war, als würde das Paradies direkt an die Hölle grenzen. Nachdenklich sah er zu dem Baby in seinem Arm. Nun konnte er die Wut, die Chris antrieb, besser nachvollziehen. Er verstand, warum Rena so viel riskiert hatte.
Melissa war inzwischen eingeschlafen und Eric brachte sie leise in das Zimmer ihrer Eltern. Behutsam legte er sie in ihr Bettchen und schlich wieder hinaus. Er setzte sich an seinen Computer und begann zu recherchieren.
Er erfuhr, dass sich der Ölsand unter der Erde befand und ausgebaggert wurde. Dabei wurde die komplette Landschaft zerstört. Bei Ölsand handelte es sich um Sandkörner, die von einer Schicht aus Wasser und Bitumen umgeben waren. Der Ölsand wurde mit heißem Wasser vermischt. Dann sanken die schweren Sandkörner zu Boden und das leichtere Bitumen schwamm an der Oberfläche. Im Upgrader, einer Aufbereitungsanlage, wurden die langen Kohlenstoffketten gespalten. Schwefel und Schwermetalle wurden entfernt und so wurde aus zähem Bitumen flüssiges Rohöl. Dieser Prozess verschlang immense Mengen an Wasser und Energie. Das verwendete Wasser reicherte sich immer stärker mit giftigen Chemikalien an und wurde nach der Verwendung in offene Becken geleitet. Dort stellte es eine Gefahr für die Umwelt dar.
Betrieben wurden diese Anlagen von einer Firma namens ENTAL, ein milliardenschweres Unternehmen. ENTAL vertrat die Ansicht, dass die Umweltprobleme stark übertrieben wurden. Auf das Öl aus Kanada könne die Welt unmöglich verzichten. Außerdem werde ständig an umweltverträglicheren Lösungen geforscht.
Nach Ansicht aller Umweltorganisationen war der Ölsandabbau absolut unverantwortlich. Die Schäden standen in keinem Verhältnis zum Nutzen, den das gewonnene Öl bot. Doch nicht nur Verbrechen an der Umwelt wurden angeprangert, sondern auch soziale Probleme. Der Ölsandabbau raubte vielen Menschen ihre Lebensgrundlage. Sie wurden durch die freigesetzten Gifte krank und starben.
Eric stieß auf zwei interessante Internetseiten. Die eine gehörte einer kleinen unbekannten Organisation. Auf dieser Seite wurden die Verfahren des Ölsandabbaus akribisch und detailliert beschrieben. Es wurde erklärt, wie es zu den Umweltschäden kam. Eric beschloss, in den nächsten Tagen mit den Verfassern dieser Seite Kontakt aufzunehmen. Diese Leute schienen über ein tiefgehendes technisches Wissen zu verfügen.
Bei der anderen Seite handelte es sich um die Website eines Biokunststoffherstellers namens Leander Klaas, der außerdem Kunststoffe recycelte. Er unterstützte ein Projekt zur Reinigung der Ozeane, das vor einigen Jahren von einem neunzehnjährigen Studenten vorgestellt worden war. Dieser hatte eine effiziente Methode gefunden, wie Plastikmüll mithilfe von schwimmenden Barrieren aus den großen Ozeanstrudeln gesammelt werden konnte. Dabei hatte sich der Erfinder die natürlichen Meeresströmungen zu Nutze gemacht. So konnten die Plastikstrudel vom Abfall befreit und der Zerfall in Mikroplastik verhindert werden. Die Frage, wie Mikroplastik aus den Ozeanen gefiltert werden konnte, war hingegen noch nicht gelöst.
Zudem engagierte sich Leander Klaas gegen die Ölindustrie und pries sein umweltfreundliches Verfahren als Alternative an. Der Verbrauch an Kunststoffen war in den letzten Jahren bereits stark zurückgegangen. Die Leute bekamen nicht mehr bei jedem Einkauf eine Plastiktüte, sondern brachten ihre eigenen Beutel, Taschen oder Körbe mit. Auch die Produkte wurden nicht mehr unnötigerweise in Plastik verpackt. Doch immer noch schien Öl als Rohstoff unabdingbar zu sein.
Eric schrieb seinem Freund Marc eine Mail. Er informierte ihn darüber, dass Chris und Rena bei ihm angekommen waren und erkundigte sich, wann Marc Zeit hatte, nach Berlin zu kommen.
»Prost!« Marc stieß mit Rena, Chris und Eric an. Sie saßen im Außenbereich eines kleinen Restaurants in der Nähe von Erics Wohnung. Die Abenddämmerung war angebrochen und ein lauer Wind bot endlich etwas Abkühlung von der Hitze des Tages. »Schön, dass ihr da seid. Ich habe ja schon ein bisschen von eurer abenteuerlichen Reise gehört. Aber warum hattet ihr es denn so eilig, aus Kanada wegzukommen?«
Rena und Chris berichteten ihm vom Abbau der Ölsande und den verheerenden Folgen für die Umwelt und die Menschen, die dort lebten.
»Das ist auch der Grund, warum ich mich mit dir unterhalten wollte«, schaltete sich Eric in das Gespräch ein. »Das wäre doch ein Projekt für dich.«
»Klingt nach einer ziemlich aussichtslosen Sache«, bemerkte Marc trocken. »Nun ja, was soll’s. Die aussichtslosen Projekte sind immer die spannendsten.«
»Aber wo hat eine mächtige Ölfirma ihren Schwachpunkt?«, stellte Chris die entscheidende Frage.
Die drei Männer diskutierten viele Möglichkeiten. Die Ideen reichten von Boykott des Öls aus Kanada über einen Generalstreik der Belegschaft bis zur Sabotage der Anlagen. Doch keine dieser Ideen erschien auch nur ansatzweise umsetzbar.
»Was haltet ihr von der Idee, ihre Zulieferkette zu stören?«, warf Rena ein.
Sie rückte das Baby auf ihrem Schoß zurecht, bevor sie weitersprach. »Oft sind es nicht die großen Aktionen, die zum Erfolg führen. Viele Projekte scheitern an Kleinigkeiten. Ihr müsst nur ein kleines Bauteil finden, für das es schwer Ersatz gibt. Wenn die Ölfirma nicht mehr an dieses Bauteil kommt, kann sie auch nicht mehr produzieren.«
Die drei Männer sahen sie verdutzt an.
»Das ist genial!«, rief Marc.
Chris lächelte seine Frau begeistert an.
»Ich werde mich mal umhören, ob mir jemand bei der Suche nach diesem Bauteil helfen kann. Ich…« Eric verstummte mitten im Satz.
Sein Blick war starr ins Innere des Restaurants gerichtet. Chris sah sich um. Er wollte ergründen, was da drinnen so interessant war. Eric stand wortlos auf und ging hinein.
»Nicht schon wieder«, murmelte Marc.
Eric ging auf eine blonde Frau zu, die an der Bar stand. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Je näher Eric ihr kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Man konnte das Zögern förmlich spüren. Schließlich trat er neben sie. Marc, Rena und Chris beobachteten, wie Eric die Frau ansprach. Sie drehte sich um und Eric schien förmlich in sich zusammen zu sinken. Er sprach noch kurz mit ihr, dann wandte er sich ab.
»Was ist denn los?«, erkundigte sich Chris.
»Eric hat geglaubt, dass er Isabella gesehen hat.«
»Wer ist Isabella?«, fragte Rena.
»Eric und Isabella haben gemeinsam den Abbau von Methanhydrat verhindert. Isabella hat in einem Forschungsinstitut gearbeitet. Dort ist sie auf brisante Informationen gestoßen. Eric hat ihr geholfen, diese Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie waren gemeinsam in Brüssel bei einer Anhörung und daraufhin wurde der Abbau von Methanhydrat verboten. Nach der Anhörung ist Isabella spurlos verschwunden. Eric befürchtet, dass ihr etwas Schlimmes passiert ist, denn sie hat die Karrieren einiger mächtiger Männer ruiniert«, erklärte Marc.
»Der Abbau von Methanhydrat war eine große Sache. Die Nachrichten davon sind sogar bis nach Alberta gedrungen«, stellte Chris fest.
»Glaubt Eric, dass er schuld ist, weil diese Isabella verschwunden ist?«, fragte Rena.
»Das sicherlich auch, aber das Hauptproblem ist, dass er sich in sie verliebt hat. Ein Jahr lang hat er überall nach Isabella gesucht. Er hat seinen Job verloren und seine Ersparnisse für diese Suche aufgebraucht. Schließlich war er gezwungen wieder zu arbeiten und seine Suche aufzugeben. Er hat schon ein paarmal geglaubt, Isabella irgendwo entdeckt zu haben. Aber bisher hat er sich jedes Mal geirrt.«
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