Liv-Malin Winter - Pechschwarzer Sand

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Die E-Mail eines alten Schulfreundes reißt den Umweltberater Eric Bergmann aus seiner täglichen Routine. Chris und seine Frau Rena sind ins Visier des einflussreichen Ölkonzerns ENTAL geraten und gezwungen aus Kanada zu fliehen. Entschlossen, etwas gegen ENTAL zu unternehmen, reist Eric nach Fort McMurray, dem Herz der Ölsandförderung. Er trifft sich mit Umweltaktivisten und traut seinen Augen nicht. Zu ihnen gehört Isabella Filanders, die Frau, in die er sich vor Jahren verliebt hat und die auf einmal spurlos verschwand. Isabella lebt im Verborgenen, denn in einer Zeit, in der Öl kostbar wie Gold ist, kommt die Kritik an einem Ölkonzern einem Verbrechen gleich. Gemeinsam versuchen sie, die Produktion zu stören und den guten Ruf der Firma in Zweifel zu ziehen. So einfach lässt sich ENTAL allerdings nicht in die Knie zwingen. Sie kommen Isabella auf die Spur und ihnen ist jedes Mittel recht, um die notwendigen Antworten von ihr zu erhalten.
"Pechschwarzer Sand" ist nach «Eiskalte Energie» der zweite Roman von Liv-Malin Winter.

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»Warum fährst du nicht nach Kanada?«, fragte Rena.

»Erstens muss ich mich um den Auftrag von Retramo kümmern und außerdem legt das Schiff bereits morgen in Rotterdam ab.«

»Um das Projekt können wir uns kümmern«, schlug Rena vor.

»Meinst du das ernst?« Eric sah sie überrascht an.

»Sicher, du hast Chris schon in die praktischen Sachen eingewiesen und am Computer kenne ich mich sowieso besser aus als er. Du kannst mir jetzt die notwendigen Dokumente zeigen. So wie ich Melissa kenne, wird sie in der nächsten Stunde ohnehin nicht in ihrem Bett liegen wollen. Während du unterwegs bist, können wir per E-Mail in Kontakt bleiben«, schlug Rena vor. »Die Frage ist nur, ob du es schaffst, bis morgen in Rotterdam zu sein. Ich weiß nicht genau, wo Rotterdam liegt.«

»Ich rufe Marc an.«

Eric erfuhr, dass das Schiff erst morgen Abend ablegen würde. Allerdings musste er einen Zwischenhalt in Brüssel einlegen und sich mit Marc treffen. Marc würde ihm die Informationen weitergeben, die er in Kanada benötigte. Diese Informationen waren streng vertraulich und konnten nicht via Internet verschickt werden.

Den Nachtzug nach Brüssel würde Eric nicht mehr erreichen. Er fand eine Zugverbindung, die es ihm ermöglichte, rechtzeitig am Hafen zu sein. Er buchte sich ein Ticket für den ersten Zug am nächsten Morgen. Am frühen Nachmittag wäre er in Brüssel und hatte zwei Stunden Zeit, um sich mit Marc zu treffen.

»Hier ist dein Ticket für das Schiff. Es legt um 20:00 Uhr ab, also sieh zu, dass du pünktlich bist. Es ist ein Frachtschiff und wird nicht auf dich warten«, sagte Marc.

»Wirklich nicht?«, antwortete Eric ironisch.

Marc lachte, doch er wurde schnell wieder ernst.

»Hier ist die Adresse, wo sich Pierre mit den Umweltschützern treffen sollte. Hank hat nichts über sie herausgefunden. Sie sind sehr vorsichtig. Wir haben beschlossen, ihnen zu vertrauen.« Marc reichte Eric einen Zettel mit der Adresse. Dieses Detail wollte er nicht per Mail verschicken. »Wenn du in Kanada bist, musst du nach weiteren Schwachstellen bei der Ölfirma suchen. Ich glaube, die Hydrozyklone allein werden nicht genügen, um ENTAL aufzuhalten.«

Marc und Eric saßen in der Ecke eines Cafés und besprachen die Strategien für Kanada. Sie unterhielten sich sehr leise, damit keiner der anderen Gäste ihr Gespräch mithören konnte. Eric trank währenddessen einen Kaffee und aß etwas, denn seit seinem hastigen Frühstück kurz vor fünf Uhr am Morgen hatte er nichts mehr zu sich genommen.

»Ich habe mir über das Problem Gedanken gemacht, wie wir Geld auftreiben können. Hier ist die Internetadresse eines Biokunststoffherstellers. Vielleicht kann er uns helfen.«

»Alles klar. Ich werde mich darum kümmern. Du musst jetzt los!«, sagte Marc.

Eric trank hastig den Rest seines Kaffees aus. Dann eilte er zum Bahnhof. Ihm blieben dreieinhalb Stunden, um mit dem Zug nach Rotterdam zu fahren und in Europas größtem Hafen den Anlegeplatz seines Schiffes zu finden.

4. Geschichten aus einer anderen Welt

Die Überfahrt mit dem Frachtschiff verlief unspektakulär. Das Wetter war gut und Eric arbeitete die meiste Zeit. Im Fitnessstudio des Schiffes glich er den Bewegungsmangel aus. Seine Mahlzeiten nahm er gemeinsam mit den Offizieren des Schiffs ein. Nach zwölf Tagen erreichte er Halifax in Kanada. Dort hatte er einen Tag Pause. Diese Zeit nutzte er, um sich bei Chris und Rena über den Stand des Retramo-Projekts zu erkundigen und ihnen die Arbeit der letzten zwölf Tage zu schicken, denn auf dem Schiff hatte es keine Internetverbindung gegeben. Am nächsten Tag setzte er seine Reise in der kanadischen Eisenbahn fort. Vier Tage brauchte der Zug von Halifax nach Edmonton. Morgens um halb sieben hatte er die Stadt erreicht. Eric machte sich müde auf die Suche nach dem Bus, der ihn nach Fort McMurray bringen sollte. Im Bus holte er etwas Schlaf nach.

Als sie Fort McMurray erreichten, war er wach. Ihn beflügelte der Gedanke, dass er endlich am Ziel war. Er schaute aus dem Fenster und sah sich die Stadt an. Ein anderer Bus fuhr langsam an seinem vorbei und versperrte ihm die Sicht auf die Gebäude. Der Verkehr stockte und die beiden Busse blieben nebeneinander stehen.

Da sah er sie.

Keinen Meter von ihm entfernt saß Isabella. Schon häufiger hatte Eric geglaubt, sie zu erkennen, doch es war immer ein Irrtum gewesen. Diesmal war es anders. Sie sah ihn an und er konnte ihre Gefühle förmlich von ihrem Gesicht ablesen. Erst war es Erstaunen, dann wandelte sich ihr Ausdruck in Erschrecken.

Eric streckte die Hand aus, als könnte er sie durch die Scheibe berühren, als wollte er sich vergewissern, dass er sie wirklich vor sich hatte. In diesem Moment fuhren die beiden Busse an und sie verschwand aus seinem Blickfeld.

Isabella betrat das Burger-Restaurant durch die Hintertür. Sie war immer noch geschockt. Zunächst hatte sie geglaubt, ihre Fantasie würde ihr einen Streich spielen. Doch dann hatte sie erkannt, dass es sich bei dem Mann, den sie gesehen hatte, nicht um ein Trugbild handelte. Eric hatte sie in diesem entlegenen Zipfel von Kanada gefunden. Pures Glücksgefühl hatte sie bei seinem unerwarteten Anblick durchströmt. Doch dann wurden ihr die Konsequenzen dieser Begegnung klar. Wenn Eric es geschafft hatte, sie aufzuspüren, dann würde das auch anderen gelingen. Waren ihre Verfolger aus Brüssel ihr wieder auf den Fersen? Isabella konnte es nicht fassen. Sie war sich sicher gewesen, dass sie diesmal keine Spuren hinterlassen hatte.

Langsam ging sie den schmalen Gang entlang, der an den Toiletten vorbeiführte und spähte um die Ecke. Sie wollte sehen, ob Tom schon im Restaurant war. Sie arbeitete schon seit einiger Zeit mit Tom zusammen. In regelmäßigen Abständen trafen sie andere engagierte Umweltschützer oder Reporter, die sich für ihre Sicht über den Ölsandabbau interessierten. Dabei waren sie immer sehr vorsichtig. Niemand sollte wissen, wo sie wohnten. Sie trafen den Umweltschützer, der aus Europa gekommen war, in Fort McMurray und wollten ihm gründlich auf den Zahn fühlen.

Isabella entdeckte Tom an einem Tisch in der Ecke. Bei ihm saß ein Mann. Es war Eric. Isabella lehnte sich an die Wand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich war es Eric. Er war der Umweltschützer, mit dem sie verabredet waren!

»Geht es Ihnen gut?«

Isabella riss die Augen auf. Vor ihr stand ein Mann, der sie musterte.

»Ja, es ist alles in Ordnung«, antwortete Isabella hastig.

Der Mann nickte und ging weiter.

Isabella atmete tief durch. Sie straffte die Schultern und ging entschlossen auf den Tisch zu. Ihr stand ein heikles Gespräch bevor. Tom wusste nichts von ihrer Vergangenheit. Er wusste nicht einmal, dass sie vor einigen Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen war und wenn es nach ihr ging, sollte das auch so bleiben.

»Hallo.« Sie zwang sich zu lächeln.

Sie warf einen Blick auf Eric. Es war deutlich zu erkennen, wie fassungslos er über diese Begegnung war.

»Eric, das ist meine Partnerin Amy Brown. Amy, das ist Eric Bergmann. Er kommt aus Deutschland«, ergriff Tom das Wort, da keiner der beiden etwas sagte.

»Es freut mich, dich kennen zu lernen«, sagte Isabella auf Englisch und reichte ihm die Hand. Sie zitterte leicht. Eric ergriff sie. Ein warmes Gefühl durchströmte Isabella.

»Ja, mich auch«, antwortete Eric mechanisch in derselben Sprache. Sein intensiver Blick ruhte auf ihr. Isabella verlor sich in den Tiefen seiner braunen Augen. Sie musterte sein vertrautes Gesicht und wurde von Erinnerungen geradezu überflutet. Erinnerungen an sein zärtliches Lächeln, sein freches Grinsen, wenn er sie neckte, wie sich seine Wange an ihrer anfühlte, seine Lippen, die über ihren Hals strichen, an ihrem Ohr knabberten und sie mal zärtlich, mal leidenschaftlich küssten.

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