»Zum Glück! Denn mitten auf dem Atlantik hätte uns niemand helfen können«, stellte Chris fest.
Eric hatte der Unterhaltung fasziniert gelauscht. »Wie heißt eure Tochter denn?«
»Sie heißt Melissa«, antwortete Chris mit einem stolzen Blick auf das Baby.
»Ihr seid bestimmt müde. Lasst uns in meine Wohnung gehen«, schlug Eric vor.
Die drei verließen das Café.
»Wie lange wartet ihr schon?«, fragte Eric.
»Wir sind seit ungefähr einer Stunde da. Wir haben bei dir geklingelt, aber es hat keiner aufgemacht. Also haben wir uns in das Café gesetzt und gehofft, dass wir dich sehen, wenn du nach Hause kommst«, erklärte Chris.
Sie betraten die Wohnung und Eric zeigte ihnen das Schlafzimmer, das sie in Zukunft bewohnen würden.
»Wollt ihr euch ausruhen, während ich etwas zu essen besorge?«, erkundigte sich Eric. Ihm war die Erschöpfung nicht entgangen, die sich in Renas Gesicht abzeichnete.
»Ja, gerne«, antwortete Rena verhalten.
Eric schulterte einen großen Rucksack und ging zur Markthalle. Auf dem flachen Gebäude thronte ein riesiges Gewächshaus. Eric wusste, dass es nicht nur ein simples Gewächshaus war. In diesem Bauwerk wurden Pflanzen mittels Hydrophonik angebaut. Dank dieser Technologie benötigten sie keine Erde, so dass eine Menge Gewicht gespart werden konnte. Das war wichtig, um die Traglast des Daches nicht zu überschreiten. Die Hydrophonik bot außerdem noch weitere Vorteile. Die Pflanzen benötigten weniger Wasser und es mussten keine Pestizide eingesetzt werden. Um Blattläuse zu bekämpfen wurden einfach Marienkäfer im Gewächshaus ausgesetzt. Eric blickte stolz auf die Konstruktion. Es war eines seiner Projekte.
Eric ging in die Markthalle und erstand Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und frische Kräuter, die am Morgen auf dem Dach geerntet worden waren. Damit würde er eine Nudel-Zucchini-Pfanne zubereiten. Dann besorgte er alles andere, was sie in den nächsten Tagen benötigen würden.
»Jetzt erzählt doch mal, warum ihr so lange nach Deutschland gebraucht habt«, erkundigte sich Eric, während sie in seiner geräumigen Wohnküche aßen. Vor der dritten Ölkrise, als Flugzeuge noch allgegenwärtig gewesen waren, hätte die Reise nur einen Tag gedauert und sich nicht über Wochen hingezogen. Inzwischen standen Flugzeuge nur noch Privilegierten zur Verfügung.
»Eigentlich wollten wir das Geld, das du uns überwiesen hast, in Toronto von der Bank abholen. Wir haben diese Stadt dafür ausgewählt, weil wir hofften, dass es dort schwierig sein würde, unsere Spur zu verfolgen. Doch als wir in Toronto angekommen waren, war das Geld noch nicht da. Wir mussten zwei Tage in der Stadt warten. Als wir das Geld endlich hatten, sind wir weiter gefahren. Allerdings haben wir unseren Anschlusszug nicht mehr erreicht und dadurch insgesamt fünf Tage verloren«, erzählte Chris und schob sich eine Gabel mit Nudeln in den Mund.
»Ich hatte die Zusage eines Kunden für die Anzahlung eines Auftrages. Allerdings hat er nicht pünktlich gezahlt. Es hat ein paar Tage gedauert, an das Geld zu kommen«, erklärte Eric bedauernd.
»Als wir in Halifax angekommen sind, war das Schiff fort, mit dem wir fahren wollten. Das nächste hat uns nicht mitgenommen, weil ich schwanger war.« Rena aß mit Appetit weiter.
»Dieser Mistkerl von Kapitän hat uns einfach stehen gelassen«, sagte Chris und fuchtelte erbost mit der Gabel in der Luft. »Seinetwegen mussten wir noch eine Woche warten, bis das nächste Schiff ankam, auf dem wir mitfahren konnten. Dieses Mal sind wir kein Risiko eingegangen. Ich bin alleine zum Hafen gegangen, um unsere Passage zu buchen. Dann haben wir abgewartet, bis der Kapitän anderweitig beschäftigt war, um an Bord zu gehen. Zum Glück hat es geklappt. Sonst würden wir wahrscheinlich jetzt noch in Halifax festsitzen«, sagte er grimmig. »Insgesamt haben wir zwei Wochen verloren und wenn das nicht passiert wäre, wäre unser Kind in einem anständigen Krankenhaus in Deutschland geboren worden.«
Eric wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Schließlich hatte er einen Teil zu der Verzögerung beigetragen. Rena bemerkte seine Verlegenheit.
»Wir danken dir, dass du uns geholfen hast. Das war sehr großzügig von dir und es war bestimmt nicht einfach«, sagte sie an Eric gewandt.
»Ich bin froh, dass ich euch helfen konnte. Aber warum musstet ihr Kanada so überstürzt verlassen?«
»Als wir erfahren haben, dass Rena schwanger ist, haben wir beschlossen aus Fort Chipewyan wegzuziehen. Es gibt in der Gegend sehr viele Krebsfälle und wir wollten, dass unser Kind gesund aufwachsen kann«, sagte Chris, der sich wieder beruhigt hatte.
»Meine Mutter ist vor einigen Monaten gestorben. Sie hatte Krebs«, erklärte Rena. »Mein Vater ist auch an Krebs erkrankt «, fügte sie leiser hinzu.
»Das tut mir leid«, sagte Eric betroffen.
»Wir wollten nicht, dass Melissa krank wird und das wäre bestimmt passiert, wenn wir geblieben wären.«
»Das liegt an dieser verdammten Ölfirma. Die sind nur darauf fixiert, wie sie ihren Gewinn steigern können. Was sie dabei anrichten, ist ihnen egal.« Wut klang in Chris' Stimme mit. »Beim Ölsandabbau wird das Wasser vergiftet. Die giftigen Abwässer, die die Ölfirma verursacht, gelangen in das Grundwasser und in den Athabasca River. Kein Wunder, dass die Menschen Krebs bekommen. Es ist inzwischen fast unmöglich an sauberes Trinkwasser zu gelangen und die Fische aus dem Athabasca River sind ungenießbar.«
Chris war Ranger im Wood Buffalo National Park gewesen. Er hatte viele Jahre Arbeit in den Erhalt und Schutz dieses Nationalparks investiert. Nun musste er mit ansehen, wie der Nationalpark immer weiter zerstört wurde. Er und seine Frau hatten versucht, sich gegen die Ölfirma zu wehren, doch sie war zu mächtig.
»Wir wollten aus Fort Chipewyan wegziehen. Ich habe mich um einen Job in einem anderen Nationalpark bemüht. Im Jasper Nationalpark sah es sehr gut aus, aber dann wurde Rena verhaftet.«
»Verhaftet?« Eric sah die Frau erstaunt an.
»Eigentlich war es eine Verwechslung, doch ich hatte brisantes Material bei mir, das die Polizei nicht finden durfte.«
»Rena hat Probleme mit dem Baby vorgetäuscht, um einem Verhör zu entgehen. Sie wurde nach Hause gebracht, allerdings stand sie unter Beobachtung. Die Hebamme hat jegliche Befragung durch die Polizei untersagt. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Rena wieder in Gewahrsam genommen hätten. Sie hatte kein Alibi. Deshalb mussten wir Kanada auf dem schnellsten Wege verlassen«, erklärte Chris die Situation.
»Mein Vater hat uns dazu gedrängt, nach Deutschland zu gehen«, ergänzte Rena. »Er hat darauf bestanden. Er ist krank und braucht unsere Hilfe. Aber er sagte, dass Melissa wichtiger ist …« Renas Stimme versagte und Tränen traten ihr in die Augen. Sie wusste, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde. Chris nahm sie tröstend in den Arm.
Eric hatte ihrem Bericht betroffen gelauscht. Nun verstand er den Grund für Chris' Eile. Er wollte seine Familie in Sicherheit bringen.
Chris und Eric kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit. Chris hatte immer davon geträumt in Kanada zu leben. Nach seinem Schulabschluss hatte er die Gelegenheit ergriffen, dort Ranger zu werden.
Nachdenklich betrachtete Eric das unruhige Baby in Renas Armen.
»Ich werde mich mal um Melissa kümmern«, sagte Rena und erhob sich. Chris sah den beiden nach, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Eric.
»Eric…«, begann er unbehaglich, »…ich habe da eine Bitte.«
»Worum geht's denn?«
»Wir haben kaum Sachen für die Kleine. Ich weiß, das ist viel verlangt. Schließlich hast du uns schon die Reise bezahlt, aber wir haben kaum noch Geld. Sobald ich einen Job habe, werde ich dir alles zurückzahlen«, Chris zögerte, bevor er weiter sprach. »Allerdings glaube ich kaum, dass in Berlin jemand einen Ranger braucht.«
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