„Heilige Scheiße, was war das denn eben?“ Allmählich wich seiner Angst der Überzeugung, dass er verarscht wurden war. „Ja, so muss es gewesen sein. Jake und ein Freund wollen mich verarschen. Diese Penner. Anders kann es nicht gewesen sein. Bestimmt sitzen sie gerade zusammen und amüsieren sich auf meine Kosten.
Ja, so musste es gewesen sein“, wiederholte er noch einmal für sich. Dann stand er auf, klopfte sich den Schmutz von der Hose, begutachtete die Schürfwunden an Handflächen und Ellenbogen und machte sich eilig davon. Er verschwendete keinen Gedanken an Jake. Und als er den Friedhof verlassen hatte, er hinaus auf die dunkle Straße getreten war, war Jake und sogar das eben geschehene nur noch eine verschwommene, schwache Erinnerung, als läge es Jahrzehnte in der Vergangenheit
Als er einige Stunden später erwachte, mittlerweile war es heller Tag, war von der verschwommenen, schwachen Erinnerung nichts mehr übrig. Es war völlig in Vergessenheit geraten.
Richie verbrachte den Tag ohne irgendwelche sonderbaren Ereignisse, bestellte sein Essen beim Chinesen um die Ecke, zockte seine Konsole heiß und ging, als es abends wurde, in ihre Stammkneipe. Dort saß er allein, trank Bier, rauchte Zigaretten und starrte trübsinnig die Wand an. Nein, Jake wird wohl heute nicht mehr kommen, überlegte er.
Erst nach Stunden machte er sich wieder auf den Heimweg.
Ein stürmischer Wind blies ihm die faden Gerüche der Nacht entgegen. Feiner, kalter Nieselregen spritzte ihm ins Gesicht. Der Regen störte ihn nicht besonders, aber der Wind griff ihn genau von vorn an und verlangsamte seinen Schritt. Mit nach vorn geneigten Körper und gesenktem Kopf stemmte er sich gegen ihn. Er sah nicht die Gestalt, die langsam auf ihn zuschwebte. Aber er spürte einen gewaltigen Schlag, dann flog er in die Büsche am Wegesrand. Sein Panikschrei hallte laut durch die Nacht, doch das nutzte ihm schon nichts mehr.
Im Licht der umliegenden Straßenlaternen erkannte er die Kreatur wieder. Die Kreatur, die er im Sarg liegen gesehen hatte. Und da fielen ihm auch die Geschehnisse der letzten Nacht wieder ein, während er noch um einiges lauter schrie.
Es handelte sich ganz eindeutig um diese Kreatur, obwohl es auch etwas anders aussah. Irgendwie jünger, frischer, genährter, kraftvoller.
Richie hing immer noch halb in den Büschen. Er war außerstande so viel Kraft aufzubringen und aufzustehen. Harte Äste drückten in seinem Rücken. Auch das nahm er kaum war. Sein Blick war in das Gesicht der Kreatur regelrecht versunken. Und es sah ihn an, mit beinahe freundlich wirkenden Augen. Dann sprach es zu ihm, mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte und sehr dumpf klang. „Richie, ich liebe dich. Sei mir zu Diensten! Sei mein Sklave und du wirst es nicht bereuen!“ Sie klang blubbernd, sabbernd, kreischend und doch irgendwie auch angenehm und beruhigend.
Richie schrie immer noch aus Leibeskräften, doch das registrierte er schon lange nicht mehr. Sein Verstand hatte sich bereits von ihm gelöst – war in tausend Teile gesprungen. Er war jetzt der Diener seines neuen Herren, ein Diener der Kreatur.
Er erwachte schweißgebadet in seinem Bett und eine Stimme dröhnte fordernd in seinem Kopf, „diene mir, diene mir, diene mir!“ Dieser Stimme konnte er sich nicht entziehen. Eine Gänsehaut kroch ihm den Rücken und an den Beinen hinunter. Ihm war eiskalt. Er hatte keine Ahnung, was diese Worte bedeuten sollten. Krampfhaft versuchte er sich an seinen Traum zu erinnern, musste jedoch enttäuscht feststellen, dass ihm das nur bruchstückhaft gelang. So etwas wie, das er willenstark sei und die nötigen Kräfte besäße, die für seine Pläne – wessen Pläne , gebraucht wurden. Das er, wenn alles zu seiner Zufriedenheit verläuft – wessen Zufriedenheit , reich für seine Dienste belohnt wird. Das alles war jedoch nur zusammenhangloses, wirres Zeug, mit dem er nichts anfangen konnte. Sein Kopf dröhnte schon, er musste sich ein Aspirin holen.
Auf wackligen Beinen stolperte er gleich wieder ins Bett. Kurz bevor der Schlaf ihn erneut übermannte, klang noch einmal die Stimme tief ein seinem Kopf. „Morgen beginnt deine ehrenvolle Aufgabe“, dann versank Richie in einen unruhigen, leichten aber traumlosen Schlaf.
Erst viele Stunden später erwachte er. Sein Kopf brummte, wie von zuviel Alkohol. Doch er glaubte nicht, dass es davon kam. Irgendetwas hatte sich verändert, er konnte jedoch nicht definieren, was es war. Die Sonnenstrahlen brannten auf seiner Haut, der Tag war geräuschvoller. Aber er hörte es nicht nur mit den Ohren, sondern fühlte es in seinem Kopf. Jede noch so kleine Erschütterung spürte er bis in seine Eingeweide hinein. Die Sinne schienen abnormal gesteigert zu sein.
Als er aufstand, drehte sich alles in seinem Kopf und ihm wurde schwindelig. Benommen und schwach fiel er aufs Bett, zog die Decke über den Kopf und lag einfach nur da.
Bis weit nach Sonnenuntergang lag er so da.
Obwohl er ziemlich sicher war, nicht mehr geschlafen zu haben, fühlte er sich frisch und ausgeruht. Genau genommen konnte er sich an kein vorheriges Nickerchen erinnern, welches erholsamer gewesen wäre. Ihm fehlte auch jeglicher Appetit auf Bier, Zigaretten und was man sonst so zum Überleben braucht.
Etwas, das sich tief in seinem Kopf befand, drängte ihn das Haus zu verlassen. Er tat es augenblicklich, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.
Seine Schritte führten ihn geradewegs in den Stadtpark, obwohl er ihn für gewöhnlich nicht besuchte. Er fragte sich, warum er ausgerechnet dorthin ging. Seine Füße schienen die Antwort zu kennen. Sie trieben ihn zielsicher voran, so als gehören sie zu jemand anderem.
Im Stadtpark angekommen, ging er zum unbeleuchteten Abschnitt, in dem sich nachts nur Junkies und Huren rum trieben, setzte sich dort unter einen großen Baum und starrte wie gebannt auf das Gras zu seinen Füßen. Immer noch rätselte er, was ihn hierher verschlagen hatte.
Obwohl ihn nicht nach einer Zigarette verlangte, zündete er sich eine an. Die Macht der Gewohnheit. Doch der Rauch kratzte und brannte in seinem Hals. Schon nach dem ersten Zug schnippte er sie im hohen Bogen fort. Er verfolgte ihre Flugbahn gebannt mit den Augen und war kein bisschen überrascht, als er in der Dunkelheit plötzlich seinen neuen Herren erkannte. Dieser kam langsam auf ihn zu. Doch Richie spürte keine Angst, nur Ehrfurcht und einen bedingungslosen Gehorsam, dessen Ausmaße ihn selbst überraschten.
Das Wesen aus dem Sarg, die Kreatur, die in dem Körper des Verstorbenen William Backer wandelte, hockte sich neben ihn ins Gras, legte sanft seine Hand auf Richies Stirn. Augenblicklich wusste dieser was zu tun war. Er kannte seine Aufgabe.
Wenig später zog es seine Hand zurück, daraufhin verlor Richie das Bewusstsein. Und als er es endlich zurück gewann, war er unterwegs zu seinem ersten Opfer. Richie konnte sich nicht erklären, wie er ohne Bewusstsein soweit laufen konnte. Den Stadtpark hatte er bereits weit hinter sich zurück gelassen. Allerdings war ihm das auch völlig gleichgültig.
Auch als er sich Zutritt ins Haus des Polizeichefs verschaffte, war es ihm gleichgültig. Ein bisschen fühlte er sich wie in einem Film, in dem er alles sah, was er tat. Als handelte dieser Film von seinem Leben und er spielte sich selbst.
Als er mit der geballten Faust die Scheibe in der Garage einschlug schepperte es zwar, aber nicht sehr laut. Er hangelte sich durch die neu geschaffene Öffnung, es interessierte ihn dabei nicht, dass er sich an den hervorstehenden Glassplittern die Haut einriss. Der Schmerz gelangte nicht in sein Empfinden.
Die Tür, die die Garage vom Rest des Hauses trennte, war schnell überwunden. Ein kräftiger Tritt und sie sprang auf. Auch hierbei machte er sich keine Gedanken wegen des Lärms. Sein Meister hatte ihm gesagt, dass er nicht entdeckt werden würde. Und das glaubte er.
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