»War auch Kartinkin mit der Angeklagten im Zimmer, oder war er nicht da?«
»Er war auch eingetreten.«
»Wozu war er denn eingetreten?«
»Da war noch Fine Champagne vom Kaufmann übrig geblieben, den tranken wir zusammen aus.«
»Ah, Sie tranken ihn zusammen aus. Sehr gut.«
»Hatte vielleicht die Angeklagte mit Simon irgend eine Unterhaltung?«
Die Maslowa zog plötzlich die Augenbrauen zusammen, wurde dunkelrot und sagte schnell:
»Was ich gesprochen habe? Ich weiß nichts mehr. Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich bin unschuldig und das ist alles. Nichts habe ich gesprochen. Was gewesen ist, habe ich alles er> zählt«, sagte sie.
»Ich habe nichts weiter«, sagte der Staatsanwalt zum Präsidenten und begann, die Schultern unnatürlich aufziehend, schnell in das Koncept seiner Rede das eigene Geständnis der Angeklagten, daß sie sich mit Simon in einem leeren Zimmer aufgehalten habe, einzutragen.
Es trat Schweigen ein.
»Haben Sie nichts mehr zu sagen?«
»Ich habe alles gesagt«, sprach sie seufzend und setzte sich.
Darauf trug der Präsident etwas in sein Papier ein und erklärte nach einer ihm vom Mitgliede links flüsternd gemachten Mitteilung, daß die Sitzung auf zehn Minuten unterbrochen werde. Darauf erhob er sich eilig und ging zum Saal hinaus. Die Beratung zwischen dem Präsidenten und dem Mitglieds links, dem starken, bärtigen Herrn mit den großen gutmütigen Augen, war dadurch veranlaßt worden, daß letzterer ein leichtes Unbehagen im Magen verspürte und deswegen eine kleine Massage ausführen und Tropfen ein nehmen wollte. Dieses teilte er dem Präsidenten mit, der daraufhin die Unterbrechung der Sitzung ankündigte.
Nach den Richtern erhoben sich auch die Geschworenen, die Advokaten und Zeugen und begannen, mit dem angenehmen Gefühle, einen Teil der wichtigen Sache vollbracht zu haben, hin und her zu gehen.
Nechljudow ging in das Geschworenenzimmer und setzte sich dort ans Fenster.
Ja, es war Katjuscha.
Die Beziehungen Nechljudows zu Katjuscha waren folgende:
Zum ersten Mal hatte er sie gesehen, als er im sechsten Universitätssemester, während er seinen Aufsatz über den Grundbesitz schrieb, den Sommer bei den Tanten zubrachte. Gewöhnlich hielt er sich den Sommer über mit Mutter und Schwester auf dem in der Nähe Moskaus gelegenen mütterlichen Gut auf. Aber in diesem Jahr hatte sich seine Schwester verheiratet und die Mutter war in ein ausländisches Bad gereist. Nechljudow jedoch mußte seinen Aufsatz schreiben und entschloß sich daher, den Sommer bei den Tanten zu verbringen. Bei ihnen in ihrer Weltabgeschiedenheit war es still und gab es keine Zerstreuungen. Die Tanten liebten ihren Neffen und Erben zärtlich, und auch er liebte sie, liebte sie wegen ihrer Altväterlichkeit und der Schlichtheit ihrer Lebensweise.
Nechljudow durchlebte diesen Sommer bei den Tanten jenen begeisterungsvollen Zustand, da der Jüngling zum ersten Mal aus eigener Erkenntnis und nicht nach fremden Anweisungen die ganze Schönheit und Wichtigkeit des Lebens und die ganze Bedeutung der Aufgaben, die dasselbe an den Menschen stellt, erfaßt. Er erkennt die Möglichkeit der unendlichen Vervollkommnung seiner eigenen sowohl als auch der ganzen Welt. Und er giebt sich diesem Streben nach Vervollkommnung voll Hoffnung und mit der tiefsten Überzeugung von der Erreichbarkeit jener eingebildeten Vollkommenheit hin.
In diesem Jahre las Nechljudow noch auf der Universität die »Soziale Statik« Spencers, und Spencers Ausführungen über den privaten Grundbesitz machten auf ihn besonders darum den größten Eindruck, weil er selbst der Sohn einer Großgrundbesitzerin war. Sein Vater war nicht reich gewesen, aber seine Mutter hatte als Mitgift gegen zehn taufend Deßjatinen Land erhalten. Damals erkannte er zum ersten Mal die ganze Ungerechtigkeit des privaten Grundbesitzes, und da er einer von jenen Menschen war, denen ein den sittlichen Forderungen gebrachtes Opfer den höchsten geistigen Genuß gewährt, so entschloß er sich, von seinem Rechte auf Grundbesitz keinen Gebrauch zu machen, und verteilte damals schon das vom Vater geerbte Land an die Bauern. Derselbe Stoff bildete auch den Gegenstand seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Sein Leben auf dem Lande bei den Tanten verlief folgendermaßen: er stand sehr früh auf, zuweilen um 3 Uhr, und ging hinunter zum Flusse, um zu baden, manchmal noch im Morgennebel; wenn er zurückkehrte, lag noch der Tau auf dem Grase und den Blumen. Nachdem er am Morgen Kaffee getrunken hatte, pflegte er seine Arbeit vorzunehmen oder die Quellen zu derselben zu studieren, sehr oft aber auch statt dessen in Wald und Feld umherzuschweifen. Vor dem Mittag machte er irgendwo im Garten ein Schläfchen, zu Mittag belustigte und animierte er dann mit seinen Spaßen die Tanten, hernach ritt er oder fuhr im Boot und am Abend las er wieder oder saß mit den Tanten und legte Patience aus. Oft konnte er in der Nacht, besonders bei Mondschein, nur darum nicht schlafen, weil er eine zu große und aufregende Freude am Leben empfand. Und statt zu schlafen ging er dann mit seinen Träumen und Gedanken bis zum Morgengrauen im Garten umher.
So glücklich und ruhig verlebte er den ersten Monat seines Aufenthaltes bei den Tanten, ohne die schwarzäugige, schnellfüßige Katjuscha, das Pflegekind und Stubenmädchen, auch nur zu beachten.
Nechljudow, der unter dem schützenden Flügel der Mutter erzogen war, war mit 19 Jahren noch ein vollständig unschuldiger Jüngling. Das Weib erschien ihm in seinen Gedanken nur als Gattin. Alle Frauen aber, mit denen er nach seinem Begriff keine Ehe eingehen konnte, waren für ihn nicht Frauen sondern Menschen.
Es geschah, daß in diesem Sommer am Himmelfahrtstage zu den Tanten eine Nachbarin mit ihren Kindern, zwei jungen Mädchen und einem Gymnasiasten auf Besuch kam. Auch ein junger Maler aus dem Bauernstande, der bei ihr den Sommer verbrachte, war mitgekommen.
Nach dem Thee spielte man auf der abgemähten Wiese vor dem Hause Haschhasch. Auch Katjuscha beteiligte sich daran. Nachdem einige Paare gewechselt hatten, mußte Nechljudow mit Katjuscha laufen. Nechljudow hatte Katjuscha immer gern gesehen, aber daß zwischen ihm und ihr irgendwelche besonderen Beziehungen entstehen könnten, war ihm niemals in den Sinn gekommen.
»Die beiden wird man nicht so leicht fassen können«, meinte der haschende lustige Maler, der auf seinen kurzen und krummen aber starken Bauernbeinen sehr schnell lief.
»Nur wenn sie stolpern sollten.«
»Sie sollten die nicht fangen können?«
»Eins, zwei, drei!«
Es wurde drei Mal in die Hände geklatscht. Katjuscha, die kaum das Lachen verbeißen konnte, wechselte mit Nechljudow schnell den Platz, drückte mit ihrem festen, rauhen Händchen seine große Hand und stürmte vorwärts nach links, mit den gestärkten Röcken raschelnd.
Nechljudow konnte schnell laufen und, da er sich von dem Maler nicht fangen lassen wollte, stürmte er aus allen Kräften vorwärts. Als er sich umschaute, sah er, wie der Maler Katjuscha verfolgte. Aber mit ihren jungen, elastischen Beinen lief sie schnell und nahm dem Maler entweichend die Richtung nach links. Vorn stand ein Fliedergebüsch, hinter welches sonst niemand gelaufen war. Katjuscha sah sich nach Nechljudow um und gab ihm ein Zeichen, sich dort zu vereinigen. Er verstand sie und lief hinter die Sträucher. Nun war aber hinter den Sträuchern ein kleiner, mit Nesseln überwucherter Graben, den er nicht kannte: er stolperte hinein und verbrannte sich die Hände in den vom Abendtau befeuchteten Nesseln. Schnell jedoch sprang er unter Lachen auf, machte sich zu recht und lief auf den freien Platz hinaus.
Katjuscha, deren Augen wie taufrische Johannisbeeren glänzten, lief ihm mit strahlendem Lächeln entgegen. Sie kamen zusammen und faßten sich an den Händen.
Читать дальше