Röbi Vetterli war neunzehn, aber seit er als 5-jähriger einen Unfall mit einem Fuhrwerk gehabt hatte, war er geistig stehengeblieben und hatte ein Holzbein. Die Vetterlis waren Nachbarn, nette Leute, fand Emma. Röbi war ihr einziges Kind.
Emma hatte von einer anderen Nachbarin gehört, Röbi habe damals seinen Vater auf einem Fuhrwerk voller Holz vom Wald nach Hause begleitet. Der Gaul hatte gescheut und der Wagen war gekippt. Röbi war mit dem Kopf aufgeschlagen und hatte sein Bein eingeklemmt. Zu allem Elend starb Röbis Mutter nur wenige Monate danach an einer Grippe. Seither war die ledige Schwester der Mutter im Haus und schaute zum Rechten. «Schon traurig, wie viel Unglück manche brave Familie zu ertragen hatte», dachte Emma.
Röbi war ein herzensguter Bursche geworden, sie mochte ihn sehr gerne. Bei all seinem Schwachsinn hatte er eine erstaunliche Gabe: Röbi erinnerte sich an jeden einzelnen Tag der letzten ungefähr zehn Jahre. Man konnte ihn fragen, was man wollte, zum Beispiel: «Röbi, was hast du am 10. August 1899 gemacht?» Und Röbi antwortete ohne gross nachzudenken: «Am frühen Morgen regnete es kurz, aber am Nachmittag war es heiss. Unten an der Thur haben wir Weizen geschnitten. Die Tante hat uns Kuchen aufs Feld gebracht. Apfelkuchen mag ich am liebsten.»
Unglaublich!
Röbi schaute Emma in seiner ungenierten Art lachend an und rieb sich die kalten Hände. Dabei gab er glucksende Laute von sich. Er liebte Emma, sie war immer so nett zu ihm. Er wurde zwar nicht ausgelacht von den Leuten im Dorf, aber mit ihm abgeben wollte sich auch niemand so richtig. Dabei mochte Röbi vor allem die Frauen gerne. Sie waren so weich und rochen so gut, ganz anders als die Männer. Das hatte er schon früh herausgefunden. Er wollte doch einfach ein bisschen Nähe, das gab ihm ein gutes Gefühl und erinnerte ihn an seine Mutter. Manchmal, wenn er seinen Vater am Sonntag ins Restaurant Kreuzstrasse begleiten durfte und sich die Wirtin oder eine Serviertochter kurz zu ihnen setzte, schmiegte er sich vorsichtig an sie. Meist wurde das von den Frauen geduldet. Das war schön. Seine Tante war da nicht so freigiebig mit Zärtlichkeiten. Aber Emma war seine allerbeste Freundin. Mit ihr konnte er sich sogar unterhalten. Wenn er sie traf, wurde ihm immer ganz warm ums Herz. Manchmal umarmte er sie auch, und sie schob ihn nicht gleich weg.
Emma nahm seine rechte Hand. «Wie geht es dir Röbi?», fragte sie. Er entwand ihr seine Hand und begann wieder zu klatschen. «Gut. Gut. Gut», sang er.
«Trägst du denn keine Handschuhe? Du wirst den Kuhnagel bekommen», tadelte Emma. Als Röbi schwieg, sagte sie: «Ich gehe zu Anna, ich muss noch Eier und ein paar andere Sachen kaufen. Möchtest du ein Stück mit mir gehen?»
Anstelle einer Antwort nahm Röbi einfach Emmas Hand und folgte ihr wie ein kleines Kind der Mutter. Dabei summte er «Weisst du wie viel Sternlein stehen …»
«Wir gehen jetzt aber noch nicht ins Bett, Röbi», lachte Emma. «Jetzt wird gearbeitet, es ist ja noch heiterheller Tag.»
«Vater macht Mittagsschlaf. Nachher müssen wir noch Holz aufbeigen.»
«Prima. Solange dein Vater schläft, kannst du mich zu Anna begleiten. Vielleicht können wir die Eier gleich selber aus dem Hühnerstall holen. Hättest du Lust?»
«Ja ja ja, Hühner», rief Röbi und sprang mit seinem Holzbein ungelenk neben Emma her.
Gemeinsam gingen sie nun zur Rickenbacher Strasse und dann abwärts das kurze Stück zum Dorfplatz. Sie trafen auf ein paar Kinder, die versuchten, aus dem trockenen Pulverschnee Schneebälle zu formen. Von Weitem hörte man das gedämpfte Rattern eines Fuhrwerkes, das sich dem Dorf näherte. Die Kirchturmuhr schlug zwei.
Gleich unterhalb des Dorfplatzes war die Wirtschaft zur Kreuzstrasse. Emma sah vor dem Haus ein Velo an die Hausmauer gelehnt. «Das wäre sicher ein tolles Gefühl», dachte sie, «mit so einem Velo herumzufahren.» Aber das Geld dafür hatte ein einfaches Pfarrmädchen natürlich nicht. Ausserdem, wofür brauchte eine Frau ein Velo? Sie hatte zwei gesunde Beine und kam auch ohne Fahrrad überallhin.
Zu Röbi sagte sie: «So ein Velo wäre schon nobel, gäll. Fahren müsste man damit natürlich auch noch können …»
«Velo fahren! Ich kann Velo fahren. Soll ich es dir zeigen?» Röbi riss sich los und lief auf das Fahrrad zu.
«Nein, sicher nicht. Untersteh dich!», rief Emma erschrocken. «Das darfst du nicht! Und überhaupt: Wer braucht schon so ein Vehikel? Reiner Luxus ist so etwas. Und jetzt bei dem Schnee …» Emma konnte ihren Neid trotzdem nicht ganz verbergen.
Es klopfte leise ans Fenster. Anna trocknete ihre Hände an der Schürze ab, und als sie Emma zum Fenster hineinspähen sah, hellte sich ihre Miene auf. Sie öffnete das Fenster, Kälte drang in die Küche und liess sie frösteln.
«Hoi Anna, ich brauche Eier und Most», sagte Emma. Röbi stand verschmitzt daneben und trat von einem Bein aufs andere, um sich zu wärmen. Die baren Hände hatte er tief in seine Hosentaschen vergraben.
«Ich muss noch rasch die Erni-Gofen holen. Geht doch schon hinters Haus, ich bin auch gleich da», sagte Anna freundlich. «Bis gleich.» Rasch schloss sie das Fenster wieder.
Emma und Röbi gingen um das Haus herum zu den Kaninchenställen. Sie setzten sich auf die Bank an der Hauswand. Hier war es etwas geschützt, trotzdem fror Emma in ihrem alten Wintermantel. Es war ihr gerade recht, dass Röbi ganz nah an sie heranrutschte.
Überraschend ging die Hintertür auf. Annas Vater trat heraus, seinen unvermeidlichen, halb gerauchten Stumpen im Mundwinkel. Die Augen wegen des beissenden Rauches zusammengekniffen, brummelte Herr Müller etwas, das Emma als Begrüssung deutete. Annas Vater war kein Mann grosser Worte. Emma hatte ihn eigentlich noch nie so richtig ganze Sätze sprechen hören. Er redete scheinbar nur das Nötigste, am ehesten noch mit seinen Söhnen. Alle hatten ein bisschen Angst vor ihm, obwohl er nicht wirklich böse war, einfach ein Brummbär, dachte Emma und musste sich ein Grinsen verkneifen.
Der Vater schlurfte weiter Richtung Scheune. Hinter ihm trat Jakob aus der Hintertür. Er wurde von den Leuten im Dorf nur Mockemetzger genannt. Er war eher klein gewachsen, wirkte dafür umso kräftiger in seinen jägergrünen, etwas zu kurz geratenen Zwilchhosen. Vielleicht hatte er auch einfach nur die Hosenträger zu straff festgezurrt. Über seinen millimeterkurzen, dunklen Haaren trug der Mockemetzger eine schwarze Zipfelmütze. Er schaute finster drein, als er Emma und Röbi auf der Bank erblickte. Etwas anderes als ein grimmiges Gesicht hatte Emma auch noch nie bei ihm gesehen.
«Habt ihr nichts Besseres zu tun, als faul rumzusitzen?», schnauzte der Mockemetzger. Sein Blick ging an ihnen vorbei. Er begann zu husten und spuckte Kautabak aus.
«Wir brauchen Eier, Anna kommt gleich», sagte Emma schnell. Röbi verhielt sich ganz still und blickte starr zu Boden.
Der Mockemetzger beschleunigte seine Schritte und eilte seinem Vater nach. Er war der älteste Müllerssohn und rechnete fest damit, bald einmal den elterlichen Hof zu übernehmen. Wenn er keine Aufträge als Störmetzger hatte, arbeitete er auf dem Hof mit. Aber da wie dort fiel er nicht durch Fleiss und Zuverlässigkeit auf. Er war ein Einzelgänger, und er trank mehr Bier und sauren Most, als ihm guttat. Ein Taugenichts halt, wie man hinter vorgehaltener Hand in Altikon sagte. Vater Müller zögerte verständlicherweise noch mit der Übergabe des Heimwesens. Wer wusste, ob sich Jakob nicht doch noch zum Guten entwickeln würde.
Als der Mockemetzger im Dunkel der Scheune verschwunden war, atmeten Röbi und Emma auf. Anna kam mit den beiden Erni-Kindern zum Hinterhof. Das 2-jährige Trudi hopste ungestüm vor Anna her und verlor fast ihr gestricktes Jäcklein. «Halt Trudeli, nicht so stürmisch! Ich muss dir noch dein Jäckchen zumachen. Sonst hustest du dann wieder!» Seppli, 4-jährig, blieb ganz nah bei Anna stehen, als er Röbi sah. «Du musst keine Angst haben, Seppli», versuchte Anna den Jungen zu beruhigen. Trotzdem versteckte sich Seppli hinter Annas Röcken und lugte nur vorsichtig mit einem Auge hervor.
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