»Mammy werden alt«, sagte Dilcey mit einer Ruhe, die Mammy in Wut gebracht hätte. »Sie sein eine gute Mammy, aber Miß Scarlett sein jetzt eine junge Dame und brauchen eine gute Zofe, und meine Prissy sein seit einem Jahr bei Miß India Zofe gewesen, sie kann nähen und das Haar aufstecken wie eine Erwachsene.«
Auf einen Rippenstoß der Mutter hin machte Prissy einen Knicks und grinste Scarlett an, die nicht anders konnte als ihr wieder zulächeln. Ein gerissenes kleines Mädel, dachte sie und sagte laut: »Dank dir, Dilcey, wir sprechen weiter darüber, wenn Mrs. 0'Hara nach Hause kommt.«
»Danke, Miß, ich wünsche allen Herrschaften gute Nacht.« Damit kehrte Dilcey sich um und verließ mit dem Kinde das Zimmer, während Pork dienstbeflissen umsie hertänzelte.
Als das Abendessen abgeräumt war, nahm Gerald seinen Vortrag wieder auf, doch machte es ihm selbst keine rechte Freude mehr und den Zuhörern noch weniger. Wenn er donnernd den Krieg als unmittelbar bevorstehend bezeichnete und rhetorisch fragte, ob der Süden sich weitere Beleidigungen von den Yankees bieten lassen dürfe, bekam er darauf nur ein stilles, gelangweiltes »Ja, Papa« und »Nein, Papa« zu hören. Carreen saß auf einem Kissen unter der großen Lampe und vertiefte sich in den Roman von einem Mädchen, das nach dem Tode ihres Liebsten den Schleier genommen hatte. Stille Wonnetränen tropften ihr dabei aus den Augen, und sie sah sich im Geiste selber wohlgefällig mit der weißen Nonnenhaube. Suellen stickte »etwas für ihre Hoffnungstruhe«, wie sie es kichernd nannte, und überlegte sich, ob sie nicht doch morgen auf dem Gartenfest Stuart Tarleton ihrer Schwester abspenstig machen und mit der süßen Weiblichkeit bestricken könnte, die ihr eigen war und Scarlett so ganz abging. Scarlett aber war voll inneren Aufruhrs wegen Ashley.
Wie konnte Pa nur immer weiter über Fort Sumter und die Yankees reden, wo er doch wußte, daß ihr das Herz brach? Sie wunderte sich nach Art sehr junger Leute darüber, daß man ihren Schmerz vergessen konnte und die Welt sich trotz ihrem gebrochenen Herzen weiter drehte wie immer. Ihr schwirrte der Kopf, als brauste ein Sturmwind durch ihn hindurch, und es war so sonderbar, daß das Speisezimmer mit dem wuchtigen Mahagonitisch, den Anrichteschränken, dem schweren Silbergeschirr, mit den bunten Flickenteppichen auf dem blanken Fußboden so friedlich wie immer vor ihr lag. Die ruhigen Stunden, die die Familie hier nach dem Abendessen verbrachte, hatte Scarlett so gern, aber heute war der Anblick ihr verhaßt, und am liebsten wäre sie leise hinausgegangen durch die dunkle Halle in Ellens kleines Schreibzimmer und hätte auf dem alten Sofa ihren Kummer ausgeweint. Dieses Zimmer hatte Scarlett von allen im Hause am liebsten. Hier saß Ellen morgens an ihrem Schreibtisch, führte die Abrechnungen über die Plantage und nahm den Bericht Jonas Wilkersons, des Aufsehers, entgegen. Dort verbrachte auch die Familie ihre Mußestunden, während Ellens Gänsekiel über die Buchseiten flog, Gerald in dem alten Schaukelstuhl, die Mädchen auf den eingesessenen Sofakissen, die zu zerschlissen und abgenutzt für die Vorderzimmer waren.
Dort zu sein, allein mit Ellen, sehnte Scarlett sich jetzt, und - den Kopf imSchoßeder Mutter- ungestörtzu weinen.
Da knirschten Räder geräuschvoll durch den Kies, und schon war Ellens sanfte Stimme draußen zu vernehmen. Gespannt blickten alle auf, als sie mit ihrem wiegenden Gang hereintrat. Mit ihr kam der schwache Duft von Zitrone und Verbene, der immer den Falten ihres Kleides entströmte und den Scarlett allezeit mit dem Bild der Mutter verband. Ein paar Schritte hinter ihr folgte Mammy, die Ledertasche in der Hand, mit vorgeschobener Unterlippe und gesenkten Brauen. Sie sprach, während sie hereinwatschelte, leise vor sich hin, und zwar so, daß ihre Bemerkungen nicht verstanden wurden, aber doch ihre entschiedene Mißbilligung zumAusdruck brachten.
»Es tut mir leid, daß ich so spät komme.« Ellen ließ ihr Plaid von den Schultern gleiten, gab es Scarlett und streichelte ihr die Wange. Bei ihrem Eintritt hellte sich Geralds Gesicht auf. »Ist das Wurm getauft?« erkundigte er sich.
»Ja, und tot, das arme Ding«, sagte Ellen. »Ich fürchtete, Emmie würde auch sterben, aber ich glaube, sie bleibt am Leben.« Die Mädchen hoben ihre erschrockenen, fragenden Gesichter empor, und Gerald schüttelte philosophisch den Kopf: »Nun, es ist besser, das Wurm ist tot, das arme vaterlose ...«
»Es ist schon spät, wir sollten lieber jetzt beten.« Ellen unterbrach ihn so sanft, daß die Unterbrechung unbemerkt vorübergegangen wäre, hätte Scarlett ihre Mutter nicht so gut gekannt. Gern hätte Scarlett gewußt, wer der Vater von Emmie Slatterys Baby war, aber wenn sie die Wahrheit von ihrer Mutter zu hören begehrte, so würde sie sie nie erfahren. Sie hatte Jonas Wilkerson im Verdacht, denn sie hatte ihn oft bei einbrechender Nacht mit Emmie die Landstraße entlanggehen sehen. Jonas war Junggeselle und ein Yankee. Seine Stellung als Sklavenaufseher schloß ihn ein für allemal von jeder Berührung mit der Gesellschaft des Landes aus. In keine auch nur halbwegs angesehene Familie konnte er hineinheiraten, mit niemand konnte er verkehren, außer mit den Slatterys und ähnlichem Gelichter. Da er an Bildung mehrere Stufen höher stand als die Slatterys, hatte er natürlich keine Lust, Emmie zu heiraten, sooft er auch in der Dämmerung mit ihr spazierenging. Scarlett seufzte, denn sie war sehr neugierig. Immer gingen unter den Augen ihrer Mutter Dinge vor sich, die Ellen so wenig bemerkte, als seien sie überhaupt nicht vorhanden. Ellen sah über alles Unschickliche hinweg und verlangte von Scarlett dasselbe, allerdings nur mit kümmerlichem Erfolg.
Ellen war zum Kamin gegangen und hatte aus dem kleinen eingelegten Kästchen ihren Rosenkranz genommen, als Mammy energisch dazwischentrat: »Mrs. Ellen, erst wird zu Abend gegessen, ehe Sie beten.«
»Danke, Mammy, ich habe keinen Hunger.«
»Ich richte Ihnen selbst die Mahlzeit an, und dann essen Sie.« Mammy runzelte vor Entrüstung die Stirn und begab sich durch die Halle in die Küche. »Pork!« rief sie, »sag der Köchin, sie soll das Feuer anblasen, Mrs. Ellen sein da.« Während die Dielen unter ihrem Gewicht erdröhnten, wurde das Selbstgespräch, in dem sie schon zuvor begriffen war, immer lauter, bis man es im Speisezimmer deutlich verstehen konnte: »Ich sagen es immer wieder, es haben keinen Zweck, für das weiße Pack sorgen, das sein die größten Faulpelze und undankbarsten Nichtsnutze, Mrs. Ellen sollen sich nicht todmüde machen für Leute, die Farbigen genug zum Pflegen haben können, wenn sie nur einen Schuß Pulver wert sein, ich haben gesagt ...«
Ihre Stimme verklang. Sie hatte ihre eigene Methode, den Herrschaften ihren Standpunkt klarzumachen. Sie wußte wohl, daß es unter der Würde der Weißen war, zuzuhören, wenn ein Schwarzer vor sich hin sprach. Sie war vor Antworten und Verweisen sicher, wenn sie sich auch noch so laut vernehmen ließ, und doch blieb keiner über ihre Meinung im Zweifel.
Pork kam mit einem Teller, dem Besteck und einer Serviette herein. Ein kleiner farbige Junge folgte ihm auf dem Fuße. Mit der einen Hand knöpfte er hastig seine weiße Leinenjacke zu, in der anderen trug er einen Fliegenwedel aus dünnen Streifen Zeitungspapiers an einem Bambusrohr, das länger war als er selbst. Ellen besaß einen prachtvollen Fliegenwedel aus Pfauenfedern, aber der wurde nur bei ganz besonderen Anlässen gebraucht, und auch dann nur nach langen häuslichen Kämpfen, denn Pork, die Köchin und Mammy waren der hartnäckigen Überzeugung, daß PfauenfedernUnglück brächten.
Ellen setzte sich auf den Stuhl, den Gerald für sie hervorzog, und dann fielen sie vierstimmig über sie her:
»Mutter, an meinem Ballkleid ist die Spitze los. Ich will es doch morgen in Twelve 0aks anziehen. Nähst du sie mir wieder an?«
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