„Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen“, erklärt Jessica und schließt mich noch einmal in die Arme.
Ich mag ihre herzliche Art, die sie immer an den Tag legt. Sie bezieht einen jederzeit überall mit ein, dass man sich nicht einmal überflüssig fühlen kann, wenn man mit seinen Gedanken eigentlich ganz woanders ist. Außerdem glaube ich, dass es nichts gibt, was ihr die schlechte Laune verderben kann.
„Das werden wir bestimmt“, pflichte ich ihr bei.
Nachdem auch Katie sich von ihren Freundinnen verabschiedet hat, machen wir uns auf den Weg zurück nach Hause. Das Gute an Tarpon Springs ist, dass man meistens kein Auto braucht. Dies hat aber auch zur Folge, dass ich mir noch immer keinen Wagen gekauft habe und den von meiner Stiefmutter nehmen muss, sobald ich mal einen brauche. Allerdings klappt das nicht immer, da sie ihn auch öfters benötigt.
„Hast du dir schon ein paar Wohnungen angesehen?“, erkundigt sich Katie, als wir vor dem Haus meiner Eltern stehen bleiben.
Nachdenklich blickt sie hoch zu dem Fenster, hinter dem sich mein Schlafzimmer befindet.
„Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit. Entweder bin ich den ganzen Tag auf der Arbeit oder ich bin mit dir unterwegs. Aber noch geht es. So habe ich wenigstens Zeit, um meine Ersparnisse zu vergrößern, sodass ich mir direkt alle Möbel kaufen kann. Ich habe in Deutschland soviel zur Seite gelegt, wie es ging. Aber sind wir doch mal ehrlich. Die Ausstattung für die erste eigene Wohnung kann man nicht gerade als günstig bezeichnen.“
Ich zucke mit den Schultern, sodass Katie lachen muss.
„Sollten deine Eltern dir zu viel werden, kannst du auf jeden Fall jederzeit bei mir übernachten. Ich würde mich freuen. Wir könnten eine Pyjamaparty machen.“
Mit diesen Worten zieht sie mich an sich für eine Umarmung.
„Ich muss mich jetzt auch auf den Weg machen. Meine Eltern warten bereits auf mich.“
„Bestell ihnen schöne Grüße von mir.“
Ein letztes Mal winke ich ihr noch zu, bevor ich in dem Inneren verschwinde. Dort schaue ich mich einmal um und seufze leise.
Mir ist klar, dass die meisten in meinem Alter bereits eine eigene Wohnung haben. Deswegen ist es mir in den letzten Wochen mehrmals passiert, dass die Leute mich verständnislos angesehen haben, wenn sie erfahren haben, dass ich noch in meinem alten Kinderzimmer wohne. Doch für mich ist es die beste Lösung und meine Eltern haben auch kein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Mein Vater freut sich darüber, dass sein kleines Mädchen bei ihm wohnt.
Deswegen sehe ich keinen Grund, auf Würgen und Brechen etwas an dieser Situation zu ändern.
Müde schleppe ich mich am nächsten Tag ins Badezimmer. Ich habe eindeutig zu wenig in der letzten Nacht geschlafen. In den letzten Wochen hatte ich es immer mehr geschafft, Zane aus meinem Kopf, beziehungsweise aus meinen Träumen, in die er mich teilweise verfolgt hat, zu bekommen. Doch dank meiner Unterhaltung gestern mit Katie war das nun nicht mehr der Fall.
Als wäre es erst gestern gewesen, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte ich sein Gesicht lebhaft vor Augen. An jedes Detail, jedes schiefes Grinsen und jedes freche Funkeln konnte ich mich erinnern. Auch, wenn ich das überhaupt nicht will. Allerdings erscheint er mir so, als hätte ich in diesem Fall kein Mitspracherecht.
Seufzend lasse ich meine Schultern kreisen, um die verspannten Muskeln zu lösen. Ohne auf die Wassertemperatur zu achten, ziehe ich meine Klamotten aus und stelle mich unter das fließende Wasser. In der nächsten Sekunde reiße ich jedoch erschrocken die Augen auf und gebe einen viel zu hohen Ton von mir, der in den Ohren weh tut. Schnell greife ich nach dem Regler und stelle das Wasser wärmer. Allerdings dauert es einige Sekunden, bis die Temperatur auch wirklich steigt.
Auf jeden Fall bin ich jetzt wach , denke ich zähneknirschend. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich auf diesen Wecker gut hätte verzichten können.
Schnell wasche ich mich, greife nach dem Handtuch und wickle es mir um den Körper.
Nachdem ich mir ein knielanges Sommerkleid angezogen habe, gehe ich nach unten, wo bereits meine Stiefmutter in der Küche steht. Mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck gießt sie mir Kaffee ein und reicht mir die Tasse.
„Guten Morgen, Sonnenschein“, begrüßt sie mich mit guter Laune.
„Hi“, gebe ich zurück. Dabei betrachte ich sie skeptisch. Ein wenig kommt sie mir so vor, als würde sie mir etwas mitteilen wollen, aber nicht wissen, wie sie das am besten angehen soll.
„Ist etwas passiert?“, erkundige ich mich, als sie auch nach ein paar Sekunden keine Anstalten gemacht hat, um etwas von sich zu geben.
„Myles hat gestern angerufen. Er würde gerne für ein paar Tage vorbeikommen und Zeit mit uns verbringen, da er gehört hat, dass du nun hier lebst. Er ist beruflich in der Nähe, da bietet es sich an.“
Noch während sie spricht bekomme ich große Augen und verschlucke mich beinahe an meinem heißen Getränk. Myles ist der Sohn ihrer Schwester und so gesehen mein Cousin. Ich kann aber nicht gerade behaupten, dass ich mich gut mit ihm verstehe. Für einen Außenstehenden, der ihn nur zwei oder drei Stunden sieht, ist er ja vielleicht ganz nett. Ich finde ihn allerdings nervig. Und das behalte ich meistens auch nicht für mich, was dafür gesorgt hat, dass wir das eine oder andere Mal bereits aneinander geraten sind.
Er ist ein Besserwisser. Ich sage etwas und er korrigiert mich. Dabei ist es egal, worum es geht. Ich frage meinen Vater etwas, er antwortet mir. Irgendwann geht einem dieses Verhalten einfach auf die Nerven und ich gehöre nicht zu den Menschen, die das für sich behalten.
„Wann?“, frage ich nur.
„Heute schon. Ich weiß, ihr versteht euch nicht so gut. Eure kleinen Meinungsverschiedenheiten habe ich mitbekommen. Doch er freut sich wirklich, dass du diesen Schritt gegangen bist. Deswegen wollte ich es dir vorher sagen, auch wenn er der Meinung war, dass es ein Überraschungsbesuch werden soll. Du brauchst es ihm ja nicht verraten, dass du es schon wusstest.“
„So kann man das wahrscheinlich auch sagen“, erwidere ich und denke dabei an den lauten Streit, den wir geführt haben, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.
Er hat mich als eine überhebliche Zicke betitelt und ich ihn als einen eingebildeten Schnösel. Und dabei ging es nur darum, dass ich in seinen Augen das Auto meines Vaters weiter an den Zaun hätte stellen sollen, obwohl seiner super daneben gepasst hat.
„Aber ich weiß ja, dass du eh den ganzen Tag auf der Arbeit bist und danach triffst du dich meistens mit Katie. Daher gehe ich davon aus, dass es dieses Mal keine Reibereien zwischen euch geben wird.“
Mit einem beinahe hoffnungsvollen Blick sieht sie mich an. Ich weiß, dass es nicht leicht für sie ist. In gewisser Weise steht sie jedes Mal zwischen den Fronten. Deswegen nehme ich mir vor, dass ich mich dieses Mal zurückhalten werde. Und ich kann nur hoffen, dass er das ebenfalls machen wird.
„Ich gebe mir Mühe.“
Einen Moment betrachtet sie mich, als würde sie sicher gehen wollen, dass ich es auch wirklich ernst meine. Doch ich lächle sie an und hoffe, dass ich so sämtliche Bedenken zur Seite wischen kann.
„Es wäre schön, wenn du zum Essen hier bist.“
Vorsichtig sieht sie mich an.
Auch wenn ich eigentlich keine Lust habe und auch definitiv kein gutes Gefühl dabei, nicke ich und signalisiere ihr so, dass ich hier sein werde.
„Danke“, raunt sie mir noch zu, bevor sie verschwindet und mich alleine lässt.
Noch beschissener kann ein Tag nicht starten, als mit dieser Nachricht. Und ja, ich verbuche es definitiv als ein Fettnäpfchen, dass ich überhaupt einen Abend mit ihm verbringen muss.
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