„Hast du ihn seitdem eigentlich wieder gesehen?“
Neugierig schaut mich meine Freundin an, während sie einen weiteren Schluck aus ihrer Flasche nimmt.
Ich nehme mir einige Sekunden Zeit und weiche dabei ein paar Passanten aus. Gleichzeitig überlege ich mir, wie ich am besten das Thema wechseln kann.
„Na los, antworte schon. Mein eigenes Liebesleben liegt auf Eis. Deswegen möchte ich so viel wie mögliches über deines erfahren.“
Überrascht drehe ich mich in ihre Richtung und ziehe die Augenbrauen ein Stück nach oben. Ich wusste ja, dass sie keinen Freund hat. Aber anscheinend stört sie das mehr, als ich bin jetzt gedacht habe. Sie hat seit meiner Ankunft kein Wort darüber verloren. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch nicht nachgefragt habe. Auf der einen Seite hatte ich soviel zu tun, dass dieses Thema nie aufkam und andererseits wusste ich nicht, wie sie darauf reagiert. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie schon damit anfangen wird, wenn sie darüber sprechen will.
Während ich meine Freundin ansehe, bin ich so sehr auf sie konzentriert, dass ich nicht merke, wie ich auf einen Mülleimer zulaufe, über den ich in der nächsten Sekunde bereits stolpere.
Erschrocken reiße ich meine Augen auf, während ich versuche mein Gleichgewicht zu halten. Doch das gelingt mir nicht, sodass meine Hände flink nach etwas tasten, an dem ich mich festhalten kann. Doch da ist es bereits zu spät. Mit einem lauten Knall lande ich auf dem Boden, wobei ich es gerade noch schaffe, mich mit der Hand abzustützen, sodass ich nicht mit dem Kopf auf die Steine knalle.
Stöhnend verziehe ich das Gesicht, während ich langsam realisiere, was passiert ist. Mein Herz rast und mein Mund öffnet sich ein Stück, damit ich besser Luft bekomme.
„Na super“, gebe ich brummend von mir, hebe meinen Kopf und werfe einen Blick auf die Leute, die vorbeigehen. Ein paar werfen mir mitleidige Blicke zu, während andere mich anscheinend gar nicht bemerken. Sie sind in ihre Handys versunken, wobei es egal ist, ob sie telefonieren oder eine Nachricht beantworten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, dass ich bei ein paar sogar einen genervten Gesichtsausdruck feststelle, weil sie mir ausweichen müssen.
Als ich in das Gesicht meiner Freundin schaue, erkenne ich das Funkeln in ihren Augen. Es zeigt mir, dass sie sich gerade so ein Grinsen verkneifen kann.
„Du solltest mehr auf deine Umgebung achten“, erklärt sie und reicht mir die Hand, um mich auf die Füße zu ziehen. „Irgendwann wirst du dich sonst nochmal richtig verletzen. Gerade war schon Glück gewesen.“
„Danke, so ein Mist kann auch wirklich nur mir passieren“, erwidere ich und betrachte meine nun dreckige Hose.
„Hast du ein Glück, dass wir eh auf dem Weg zum shoppen sind. Ich bin mir sicher, dass du etwas finden wirst, was du direkt anziehen kannst.“
Ich ringe mir ein Lächeln ab. In der nächsten Sekunde verdrehe ich allerdings die Augen.
„Na komm, ich bin mir sicher, dass die Mädels bereits auf uns warten.“ Mit diesen Worten setzt sie sich in Bewegung und geht weiter.
Mit Mädels meint sie ihre Freundinnen Jessica und Caroline. Ich kenne die beiden von meinen Besuchen hier, allerdings hatte ich nie viel mit ihnen zu tun. Wir haben uns nur ein paar Mal abends getroffen und etwas unternommen. Deswegen würde ich sie nicht unbedingt als meine Freundinnen bezeichnen, sondern eher als Bekannte. Doch mir ist bewusst, dass ich Freunde hier brauche. Schließlich will ich hier leben. Deswegen habe ich mich auf dieses Treffen eingelassen.
„Aber du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet“, spricht sie nun weiter und reißt mich so aus meinen Gedanken.
„Welche?“
„Hast du Zane in der letzten Zeit mal gesehen?“
Ich erkenne die Ungeduld in ihrer Stimme und bin mir sicher, dass ich ihr kein zweites Mal ausweichen kann.
„Einmal habe ich seinen Kollegen gesehen, den ich damals nachts ausgefragt habe“, gebe ich also nach. „Er war gerade auf der Polizeistation, als ich den Wagen von meinem Vater abholen wollte. Zane war aber nicht dabei. Auf jeden Fall habe ich ihn nicht gesehen.“
Hoffentlich reicht ihr diese Antwort. Mehr möchte ich nämlich nicht dazu von mir geben.
Ich versuche so zu tun, als würde es mich nicht stören. Doch die Wahrheit sieht anders aus, auch wenn ich sie nicht wahrhaben will. Ich hätte ihn gerne noch ein weiteres Mal getroffen. Und, wenn ich mich nur bei ihm bedankt hätte. Ohne ihn wäre ich nämlich nicht so glimpflich aus dieser Geschichte herausgekommen. Da brauche ich mir nichts vorzumachen.
„Ich habe das Gefühl, als würde er dir bald wieder über den Weg laufen“, verkündet meine Freundin nun.
Eigentlich will ich meinen Mund aufmachen und etwas erwidern, als sie die Hand hebt und sie wild bewegt. Ich lasse meinen Blick in die entsprechende Richtung wandern und erkenne Caroline und Jessica. Sie stehen vor einer Boutique und unterhalten sich angeregt.
Nun werden sie jedoch auf uns aufmerksam und begrüßen uns mit einem breiten Strahlen.
„Hi“, begrüßt uns Caroline und zieht mich für eine feste Umarmung an sich.
Ich tue es nur sehr ungern, aber ich gebe zu, dass ich sie nicht einschätzen kann. Sie ist nett und schlau, das stelle ich überhaupt nicht infrage. Außerdem ist sie zielstrebig und weiß, was sie will. Allerdings gehört ihrem Vater in dritter Generation eine große und erfolgreiche Firma, was dafür sorgt, dass sie nicht gerade das ist, was man als eine Durchschnittsverdienerin bezeichnen kann. Um genau zu sein bin ich mir ziemlich sicher, dass sie in einem Monat mehr verdient, als ich in einem halben Jahr. Und diese Überheblichkeit merkt man manchmal bei ihr im Ansatz. Allerdings hat sie es noch nie Katie oder mir gegenüber raus hängenlassen. Zumindest hat meine Freunde bis jetzt noch nichts in diese Richtung verlauten lassen.
Mir ist klar, dass man Gefühle besser für sich behält, wenn die Familie soviel Geld besitzt. Allerdings hat das zur Folge, dass ich sie nicht richtig einschätzen kann und deswegen nicht weiß, ob sie mich wirklich mag, oder einfach nur eine gute Schauspielerin ist. Und eigentlich würde ich das schon gerne wissen.
Doch jetzt lasse ich mir davon nichts anmerken, sondern begrüße auch Jessica.
„Schade, dass wir uns erst jetzt treffen können. Aber ich war die ersten zwei Wochen nur auf der Arbeit und musste für einen geschäftlichen Termin nach Washington.“
Jessica ist Reporterin. Katie hat erwähnt, dass sie die letzten Wochen wegen eines Prozesses in Washington war, bei dem es um Mord ging. Diese Verhandlung dauerte eine Ewigkeit, sodass alle beinahe erleichtert aufgeatmet haben, als das Urteil bekannt gegeben wurde. Natürlich waren allerhand Medien vor Ort, um nichts zu verpassen. Und da sie als Auswärts-Journalistin für eine Zeitung in Miami arbeitet, wurde sie geschickt.
„Überhaupt kein Problem“, winke ich ab.
„Dann kommt“, entscheidet Caroline und entfernt sich bereits einige Schritte, bevor sie sich zu uns umdreht und wartet.
Die nächsten Stunden machen wir die Stadt unsicher. Während ich noch immer Ausschau nach einer neuen Hose halte, haben meine Freundinnen die Hände voll mit Tüten aus diversen Geschäften. Im letzten Geschäft finde ich endlich eine, die ich direkt gegen meine dreckige eintauschen kann. Doch eigentlich wäre es jetzt auch schon egal. Schließlich bin ich so ja schon durch sämtliche Geschäfte gelaufen, die sich in der Innenstadt befinden.
Nicht zum ersten Mal verfluche ich die Tatsache, dass ich in jedes Fettnäpfchen trete, das ich finden kann.
„Du hast ja überhaupt nichts gekauft“, stellt Caroline fest, als wir uns voneinander verabschieden.
„Ich habe nichts gefunden, was ich schön finde.“ Das ist nicht einmal gelogen. Allerdings behalte ich für mich, dass ich auch nicht wirklich danach Ausschau gehalten habe, da ich auf der Suche nach einer Hose oder einem Rock war.
Читать дальше