Ulrike hantierte noch mit den Händen an den Birnen und nahm die Finger von der Schale. Sie nickte ihm zu. „Ja, ich weiß.“
Lüder stieß einen dumpfen Seufzer aus. „Dann will ich mal ganz offen sein, du lässt ja doch nicht locker“, erwiderte er. „Gestern, als du kurz zum Knochenhauer warst, haben sie bekannt gegeben, dass wir neuerdings zum Lehen der Grafschaft Oldenburg gehören. Und wie dieser Puderarsch den Inhalt der Bulle heruntergeleiert hat, hat mich zur Weißglut gebracht. Vielleicht hast‘ den Rest ja noch mitgekriegt. Jedenfalls habe ich das Maul aufgerissen und bin davon angefangen, dass wir sieben Jahre von jeder Steuer befreit sind, nämlich durch die Verlängerung des Alten Deiches an der Olle.“
Ein Zucken um ihren Mund verriet, wie heftig sie genau das beunruhigte. „Du bist und bleibst ein Hitzkopf. Das war unklug, Vater. Und du weißt das.“
„Das muss ich mir von meiner Tochter sagen lassen“, seufzte er, setzte sich vor die hübsch hergerichtete Obstschale an den Küchentisch und vergrub den Kopf in die schwieligen Hände.
„Ärgere dich doch nicht…Vater. Das Gewitter mag so manchen teuer zu stehen kommen, trotzdem ist es nun einmal geschehen… und es trifft uns ja nicht selbst."
Ulrike blickte ihm forschend in die traurigen Augen - runzelte die Stirn, und er schnitt ein wütendes Gesicht, die Brauen erhoben, den Atem angehalten. Dann atmete er schnaufend durch. „So? meinst du? Ja, wenn das schon alles wäre, was mir im Magen liegt“, entfuhr ihm. „Hier, in dem Haus, in dem ihr geboren wurdet, dürfen wir nicht bleiben. Alles ist hin, das tut so weh. Seit zwanzig Jahren verbringe ich in der Schmiede meine Tage, beschlage den Leuten die Pferde und bessere ihnen die Pflüge aus, und das war es nun.“
Entgeistert starrte Ulrike ihn an. „Was?“
„Ja“, raunte er. „Eben war Ehlert da, des Grafen rechte Hand. Du kennst ihn, den Mann mit dem goldbestickten Barett, der am letzten Sonntag die Bulle anschlug und die Erneuerung des Zehnten bekannt gab. Er stellte mich vor die Wahl: Entweder ich bin bereit, der Burgschmied des Oldenburger Grafen zu werden, oder wir verlieren Heim und Herdstelle. Sie benötigen den Platz für den Bau des Herrenhauses, das Haus wird abgerissen.“
Ulrike unterdrückte einen Aufschrei. „So bringt der Graf die zum Schweigen, die sich herausnehmen, ihm die Meinung zu sagen. Gott, ist das mies. Ja, ja, die Burgen bringen nichts Gutes, das sagtest du oft.“ Dann dachte sie nach. „Und was willst du tun, Vater? Wollen wir uns eine andere Bleibe suchen? Ich bin befreundet mit Birte, der Tochter der Aumunds, und der Deichgraf bewirkte bei den Aumunds ein Wunder. Allen in Berne und Elsfleth führte er vor, was es ausmacht, helfen wir uns gegenseitig und unterstützen einander. Vielleicht hilft Birtes Vater uns.“
„Ich weiß nicht, ob ich das möchte“, erwiderte Lüder. Die große Erleichterung verschaffte es ihm nicht. Es klang eher knurrig und unzufrieden, ohne wirklich Hoffnung zu schöpfen.
Dann öffnete sich die Küchentür, Wibke erschien, die kleine Timke an der Hand. „Was zieht ihr für Gesichter?“
„Wir werden von hier vertrieben“, erklärte Ulrike.
Lüder verbesserte sie. „Entweder ich füge mich, künftig für den Grafen zu arbeiten, oder sie zerren uns mit Gewalt aus dem Haus und wir schauen ohnmächtig zu, während sie vor unseren Augen die Schmiede abreißen.“
Auch Wibke schluckte heftig auf die böse Neuigkeit. Timkes Hand verkrampfte sich in die der Schwester, ihre Augen nahmen einen nassen Schimmer an. Sie barg das Gesicht an der Schürze von Ulrike und schluchzte. Ulrike strich ihr über das Haar und versuchte, sie zu trösten. „Vater malt schnell den Teufel an die Wand. Ob es uns so schlimm trifft, wie es sich in seinem Brass anhört, wollen wir mal sehen.“
„Vielleicht noch schlimmer“, bellte Lüder. „Oh wie ich ihn hasse - diese Ratte mit Sporen.“ Er schüttelte den Kopf über die fatale Lage und bekam offenbar selbst feuchte Augen.
„Also ich gehe jetzt zu Birte“, entschied Ulrike und beschloss, das nicht lange aufzuschieben. Die Augen streiften von Wibke zu Timke, wie eine Aufforderung, ihr zu folgen. Die beiden Schwestern nickten einander zu, und sie ließen den Vater allein in seinem Groll. „Wir müssen uns danach sputen und schleunigst zum Hemmelskamper Wald“, gab Wibke der Älteren zu bedenken. „Alle helfen auf der Rodung, fällen Bäume und beladen die Fuhrwerke.“
„Jeden Tag verspätet sich der eine oder andere“, beruhigte Ulrike sie. „Hauptsache wir sitzen mit am gemeinsamen Mittagstisch. Gewöhnlich geht dann der Konrad mit dem Ehlert durch die Bänke und kontrolliert, wer fehlt.“
Auf der hölzernen Huntebrücke erzeugten ihre Schritte ein dumpfes Poltern. Sie hielten einen Augenblick inne. Der heftige Regen hatte die Hunte über Nacht wieder in einen reißenden kleinen Fluss verwandelt, und den Bauch ans Geländer gelehnt, bebte die Brücke spürbar unter der schäumenden Flut. Die überschwemmte Wiese am abgewandten Schilffeld glänzte wie sonst im April; es stank nach dem Regen wie aufgefrischt nach Kuhmist, wenn die verrotteten Felder auch nicht mehr sichtlich dampften. Drei Reiher pirschten verstreut durch das gelb gemusterte Feuchtgebiet mit den Binsen und einer Badebucht. In der Ferne vor dem Birkenwald entdeckte Ulrike auch den Storch, der auf dem Dach der Aumunds wohnte. „Weißt du, was das Unwetter für die Bauern bedeutet?“, fragte sie Timke.
Der fiel spontan auf, „sämtliche Gräben sind voll und die Kornfelder böse zugerichtet. Na und die Apfelbäume drüben, sehen ganz schön gerupft aus.“
Wibke zog die Nase kraus. „Eben. Den meisten ist die Ernte verdorben…“
Erschüttert blickten Timkes Augen ins Leere. Wibke nickte verbissen. „Sonntag ist Erntedank. Alle müssen eine halbe Fuhre Weizen dem Speicher der Lechterburg abgeben. Bei manchen reicht‘s Korn kaum, für Herbst und Winter bei Aumunds Brot backen zu lassen. Etliche dürften bald auf der Straße hocken – ohne eine Bleibe.“
„So wie wir? Och Mensch. Was wird nun aus uns? Wo schlafen wir überhaupt, wenn die uns auf die Straße jagen?“, bemerkte die Kleine ängstlich.
Ulrike seufzte betrübt, mehr nicht, auch wenn sie sich das Selbe fragte. Und doch wehrte sie sich dagegen, den Kopf hängen zu lassen. „Es gilt jetzt, zu tun, was in unserer Macht liegt, damit es gar nicht so weit kommt. Ich weiß was ich tue und hoffe auf Birte. Wenn’s klappt, ist das Problem umschifft. Unsere Mutter sagte gerne, Aufgeben ist Schwäche - nur der Schwache verzagt.“
Pfützen glänzten auf dem Aumundhof. Sie brachen barfuß auf und trugen nicht, wie das Gesinde hier, Trippen aus Holz. Mit nassen Füßen ließen sie den Stall links liegen, wo sich eine stattliche Trauerweide erhob, und Ulrike dachte darüber nach, wie es auf ihre neue Freundin wirkte, wenn sie derartige Sorgen bei ihr ablud. Unversehens öffnete sich knarrend die Stalltür. Birte hatte die Schweine gefüttert, und die Freundinnen schlossen einander in die Arme. „Mein Vater“, begann Ulrike, „hat sich am letzten Sonntag um Kopf und Kragen geredet…“
Nie vorher begegnete die Freundin Ulrike feinfühliger. Birte streichelte ihr die Schultern, schaute sie bewegt an. „Wir haben ausreichend Platz. So viel sage ich dir jetzt schon zu. Unsere Magot, die Küchenmagd, hat als einzige vom Gesinde eine eigene Kammer gehabt, und seit Mariä Namen wohnt und arbeitet sie nun zu aller Überraschung am Almershof, weil sie Nachwuchs gekriegt hat und uns weggeheiratet wurde. Übel, dass sie ausfällt, aber hat ja nun auch etwas Gutes. Die Kammer liegt seitdem verlassen, ungenutzt… Ich rede mit Vater. Er hat ein Herz für Lüder. Der ist so aufrecht, betont er, so oft er auf den denkwürdigen Auftritt vor dem Rathaus zu sprechen kommt, und dann kriegt er sich gar nicht wieder ein und lacht sich scheckig darüber, wie der werte Graf Lüder einen Augenblick angeglotzt hat.“
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