In Deutschland leiden insgesamt etwa 69,4 Prozent aller Jugendlichen unter Kopfschmerzen (59,5 Prozent der Jungen und 78,9 Prozent der Mädchen). 1,4 Prozent aller Jugendlichen klagen über chronische Kopfschmerzen (Beschwerden an mehr als 15 Tagen pro Monat).
Die kindliche/jugendliche Migräne geht meistens mit kürzeren Migräne-Anfällen als beim Erwachsenen einher. Die vegetativen Begleitsymptome stehen hier im Vordergrund (Übelkeit, Aura), oft auch mit unspezifischen Schmerzen. Die Kinder/Jugendliche ziehen sich typischerweise vom Spielen/TV-Sehen usw. zurück und schlafen nicht selten im Verlauf einer Migräneattacke ein, um nach kurzem Schlaf weitgehend beschwerdefrei aufzuwachen.
Häufige, starke und pochende Kopfschmerzen können auch bei Kindern/Jugendlichen Hinweis für Migränesein.
Oft schmerzt der ganze Kopf, nicht nur eine Seite wie bei den Erwachsenen. Während eines Anfalls fallen die Kinder/Jugendliche durch Teilnahmslosigkeit, Antriebsschwäche, Müdigkeit und Blässe auf. Zusätzlich haben sie meist ähnliche Beschwerden wie die „Großen“ – vor allem Übelkeit und Erbrechen.
Es ist Ihnen, verehrte Leserschaft, sicherlich verständlich, dass in diesem kleinen Buch nicht sämtliche ‚Kopfschmerz-Arten‘ besprochen werden können.
Ich werde mich auf die ‚wichtigsten‘ und am ‚häufigsten‘ vorkommenden Kopfschmerzen beschränken, auf …
Migräne
Spannungskopfschmerzen
Cluster-Kopfschmerzen
Stress-Kopfschmerzen und Psychogene Kopfschmerzen
Augen-Migräne
Aus meiner Sicht als Arzt, der im Laufe seines Berufslebens sehr viele Kopfschmerz-Kranke behandelt hat, eine mehr als ‚beängstigende Zahl‘:
Zwei von drei erwachsenen Deutschen (etwa 66 Millionen) leiden zumindest zeitweilig unter Kopfschmerzen.
Das sind rund 47 Millionen Menschen.
Von diesen wiederum sind fast 18 Millionen von Migräne betroffen, weitere 25 Millionen von Kopfschmerzen des Spannungstyps, der Rest mit knapp vier Millionen leidet unter anderen Formen wie beispielsweise dem Cluster-Kopfschmerz und vielen weiteren Formen.
Migräne
Migräne: Ein Rückblick
Ich beginne bei dieser Krankheit mit einem Blick zurück in die Medizin-Geschichte der Migräne.
„W enn geglaubt wird, Migräne sei eine Krankheit neuerer Tage, dann irrt der sich sehr!“
Weit gefehlt:
Migräne & Co.sind alles andere, denn Krankheiten der Gegenwart.
Nein, bereits in der Antike waren unterschiedliche Kopfschmerzen bekannt.
Bereits im alten Mesopotamien zu Zeiten der Sumerer – im 3. Jahrtausend vor Chr. – klagten Menschen über ‚einseitige’ Kopfschmerzen. Dies war auf Papyrusrollen festgehalten. Die Kopfschmerzen waren auf „schlechte Gase“ zurückgeführt worden; daher war bei schweren Verlaufsformen den Kranken auch der Schädel aufgebohrt worden (Trepanation), um die Gase abzulassen.
Aber bereits viel früher, ca. 7000 v.Chr., waren Schädel-Trepanationen (= Bohrungen durch die Schädeldecke) durchgeführt worden, wie Schädelfunde aus jener Zeit beweisen.
Zu Zeiten der Pharaonen im alten Ägypten wurden Kopfschmerz-Kranken ein lebendiger Zitterrochen auf den Kopf gelegt:
Es wurde Schmerzlinderung durch die ‚elektrischen Stromschläge’ des Rochens angestrebt.
Die alten Griechen glaubten, die Migräne habe psychosomatische Ursachen. Um ca. 400 v. Christus war der griechische Arzt Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr. – er galt als der berühmteste Arzt des Altertums) führend in der Behandlung von Kopfschmerzen; er war der Meinung, aus der Leber würden giftige Dämpfe zum Kopf aufsteigen. Als Therapie nannte er die Anwendung von Blutegeln sowie im Extremfall die Öffnung des Kopfes.
Hippokrates beschrieb bereits die ‚visuelle Aura’ der Migräne.
Der griech. Arzt Aretaios von Kappadokien (81-138 n.Chr.) hat erstmals die Migräne-Symptomatologie und auch das periodische Auftreten präzise beschrieben.
Der griech. Arzt und Anatom Galenos von Pergamon ( Aelius Galenus – 129-201) benutzte als Erster den Begriff „hemicrania“, von dem dann später der Name „Migräne“ abgeleitet wurde. Galenos war der Ansicht, dass eine Verbindung zwischen Magen und Gehirn bestünde – wegen der bei Migräne auftretenden Übelkeit und dem Brechreiz –; er führte Migräne auf ein Zuviel an gelber Galle zurück.
Der wahrscheinlich bedeutendste mittelalterliche Arzt der arabischen Welt, der andalusisch-arabische Arzt Abulcasis (bzw. Abul I-Qasim Chalaf ibn al-Abas az-Zahrawi – 936-1013) behandelte Migräne durch Auflegen eines heißen Eisens auf den Kopf und/oder durch Einbringen von Knoblauch in einen Schnitt im Schädeldach.
Zu Zeiten des frühchristlichen Roms bis ins späte Mittelalter wurde der Aderlass häufig verwendet. Bei dieser Therapie wurde dem Patienten an mehreren Stellen des Körpers Blut abgelassen.
Bei den Inkas erfolgte die Therapie mit der Coca-Pflanze, dabei wurde die Haut aufgeritzt, damit der Saft eingeträufelt werden konnte.
Im 13. Jahrhundert kamen mit Opium und Essig getränkte Tücher auf den Kopf zum Einsatz.
In der Zeit zwischen spätem Mittelalter bis nahezu zur Neuzeit wurden Kräuteressenzen verabreicht und Blutegel an die Schläfe angesetzt.
Machen wir einen ‚Geschichtssprung’:
In der berühmten „Bibliotheca Anatomica“ (physiologicam facientia a rerum initiis recensentur) werden in der Ausgabe aus dem Jahre 1712 fünf Haupt-Typen von Kopfschmerzen beschrieben, einschließlich der „Schwermut“, erkennbar als ‚klassische Migräne’.
Aus Mutterkorn gewonnene Ergotaminextrakte wurden seit dem 19. Jahrhundert eingesetzt. 1920 erfolgte die Isolierung des Ergotamintartrates im Labor.
Die Mutterkornalkaloide waren bis 1993 die einzigen Arzneimittel zur Behandlung schwerer Migräneattacken. 1938 veröffentlichten John Graham u nd Harold Wolff ihre Untersuchungen zur Wirkung von Ergotamintartrat bei Migräne.
H. Wolff entwickelt (1950) die „vasculäre“ Theorie der Migräne.
Der 1993 eingeführte Wirkstoff Sumatriptan war der erste Vertreter der Triptane, die sich mittlerweile als die wirksamste Wirkungsgruppe gegen Migräne erwiesen haben.
Wenn schon geschichtlicher Rückblick, dann dürfen auch prominente „Migräniker“ nicht fehlen.
Aus der schier unendlich langen Liste Migräne-Kranker will ich hier ‚stellvertretend‘ nennen:
Julius Caesar, Hildegard von Bingen, Napoleon Bonaparte, Vincent van Gogh, Claude Monet, Lewis Caroll, Wilhelm Busch, Marie Curie, Charles Darwin, Sigmund Freud, Alfred Nobel, Frédéric Chopin, Friedrich Nietzsche, Katja Flint, Harald Schmidt u.v.a.m. …
Migräne
Gnadenlos schleicht sie sich heran zeigt mir mit Kreisen, Flimmern, Blitzen dass sie mich, machtlos, überfallen kann und nichts vermag es, mich vor ihr zu schützen
Sie kriecht in meine Glieder hinein und lässt sie, in Taubheit, für Stunden verschwinden sodass ich sie nicht mehr benutzen kann nur ganz langsam werd ich sie wieder finden
Meinem Geist gehen die Buchstaben verloren Worte zu bilden, vermag ich nicht mehr meine Augen überzieht ein Nebelschleier mein Kopf und auch meine Blicke sind leer
Stunden später nimmt sie dies Szenario zurück doch sie ist noch nicht fertig mit ihrem Gebaren sie hat noch für Weitere mein Hirn im Blick wird schmerzvoll durch dessen Windungen fahren …
Ich brauche Dunkelheit, Ruhe und Zeit
lösche das Licht hinter meinen Augen
mache meinen Körper zur Abwehr bereit
mein Schlaf wird ihr die Kräfte rauben …
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