Sich an der aktuellen Bestseller-Liste zu orientieren, führt dazu, dass Sie dem Zeitgeist konstant hinterherhängen. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass Sie sich in die Gefangenschaft des
»Das ist gut. So will ich das machen. Meins ist nicht gut« begeben und dann lesen Sie auf Empfehlung den Platz 1 der nächsten Woche »Wow, das ist gut, das wollte ich auch immer schreiben.«
Interessanterweise hängen Sie damit Ihrem eigenen Ideal hinterher und schreiben die Geschichten anderer neu, anstatt Ihre eigene zu schreiben. Gleichermaßen werden Sie auf diese Art & Weise nichts Innovatives schreiben, da es konstant etwas Zeitgenössisches kopiert, ergo es interessiert auch keinen Verlag und Sie denken: »Die Geschichten der Anderen sind besser, als meine.«
Und dies trifft durchaus zu, da Sie eben nicht Ihre eigene Geschichte schreiben, sondern die Ideen der anderen adaptieren. Dies ist gleichermaßen nicht verkehrt. Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie das Rad (das Wort) neu erfinden. Es hängt jedoch mit der Vielzahl der adaptierten Ideen aus unterschiedlichen Quellen ab, die daraufhin Ihren eigenen Stil prägen und mit denen Sie die Art & Weise, wie Sie Ihre Geschichte erzählen bereichern. Es handelt sich schlichtweg um guten Input, der im ersten Kapitel, bezogen auf die nicht existierende Schreibblockade, erwähnt wurde.
Um auf das Lesen zurückzukommen, ist es so, tun Sie es nicht, ist es schwieriger damit anzufangen. Tun Sie es regelmäßig, werden auch schwierigere Texte, leichter verständlich und leichter zu lesen.
Kurzum:
»Je weniger du liest, umso schwerer fällt es dir zu lesen, umso weniger liest du.«
Wie möchten Sie denn Ihr eigenes Buch lesen, wenn Sie bei 10-Seitigen Textdokumenten bereits den Drang zur Ablenkung verspüren? Und wenn Sie dann an Ihrer Geschichte arbeiten, ergibt sich schnell der Trugschluss, dass diese nicht gut sei, weil Ihnen das Lesen schwerfällt. Zudem bin ich bisher noch auf keinen guten Autor gestoßen, der sich nicht auch die Kunst des Lesens zu eigen gemacht hat und dabei stellt man erstaunlicherweise fest, dass auch diese Autoren nicht bei null angefangen haben, sondern Vorbilder hatten. Vorbilder, deren Ideen & Stile sie inspirierten, die sie adaptierten, um Ihre Werke zu verfassen. Das Bildnis der Muse, die einen küsst, ist schön, jedoch, je nach Interpretation, fern von der Wirklichkeit. Sie erschaffen sich die Muse durch das, was Sie aufnehmen, wie ein Schwamm, der daraufhin nur einem kurzen Druck bedarf, einem sogenannten »Trigger« (englisch für: Anstoß, Auslöser), um die Idee hervorzubringen oder dem Bildnis des Schwammes entsprechend manchmal auch hervorzuwringen.
Dazu kommt eine zweite These:
»Je mehr du liest, um so schneller liest du, um so mehr kannst du lesen.«
Das heißt schlichtweg, je öfter Sie lesen, umso leichter fällt es Ihnen.
Daher mag die Überschrift dieses Kapitels vielleicht ein Schmunzeln aufgrund der Simplizität hervorrufen. Doch handelt es sich beim Lesen, um keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Fertigkeit, die geschult werden muss. Es ist kein passiver Prozess, was fälschlicherweise dem Medium Film häufig zugeordnet wird, jedoch noch aktiver als eben dieses, da die Bilder in Ihrem Kopf entstehen.
Ein großes Thema in diesem Zusammenhang ist das »Schreiben aus dem Leben«.
Wieso Bücher anderer Menschen lesen, wenn Sie doch aus Ihrer eigenen Erfahrung genügend Geschichten erzählen können? Zumal doch das Leben die besten Geschichten schreibt. So will man meinen, doch auch hierbei handelt es sich um eine Autoren-Weisheit, die weiten Interpretationsspielraum bietet und weiterer Klärung bedarf.
Dazu ist es richtig, es gibt zahlreiche fantastische Bücher, die halb-autobiografischer Natur sind.
HALB. Denn wir sind Geschichtenerzähler, keine Biografen. Und auch Autoren, wie Dostojewski oder auch Charles Bukowski, wussten um diesen Unterschied und verarbeiteten Ihre Erfahrungen anhand fiktionaler Charaktere. Doch warum ist dies so?
Nun zum einen bietet dies dem Autor selbstverständlich mehr Spielraum. Zum anderen nimmt Ihnen Ihr Nachbar es eventuell übel, wenn Sie ihn in Ihrer Geschichte auftauchen lassen. Doch viel wichtiger ist folgender Punkt. Haben Sie schon einmal jemanden von einem Albtraum erzählt und mussten feststellen, dass Ihr Gegenüber Ihre nächtliche Angst nicht nachvollziehen konnte?
Ihre Erfahrung ist subjektiv, nicht objektiv. Dadurch sind Sie persönlich sehr nah an Ihrer Geschichte dran und verlieren die Übersicht, da Ihnen bestimmte Informationen oder Zusammenhänge offensichtlich sind, die jedoch einem Zuhörer erst erläutert werden müssen. Durch die Projektion auf einen Protagonisten treten diese fehlenden Informationen zutage, da Sie selbst eine Beobachter-Rolle einnehmen bzw. einnehmen sollten. Es geht sich nicht darum, sich selbst einfach einen anderen Namen zu geben, sondern einen Schritt zurückzutreten, um das gesamte Bild wahrnehmen zu können. Waren Sie beispielsweise mal in einer Situation in Ihrem Leben auf einen Menschen wütend? Warum waren Sie wütend? Was war Ihre Motivation, wütend zu sein? Denn diese sollte dem Leser zugänglich sein, um eine Identifikation oder auch Ablehnung (wie im letzten Kapitel erwähnt, muss ein Protagonist nicht sympathisch sein) hervorzurufen.
Dies führt zu einem zweiten Punkt. Wenn Sie aus Ihrem Leben schreiben, verbindet der Leser den Inhalt der Geschichte nicht mit einer Figur, sondern direkt mit Ihnen, dem der schreibt bzw. die nächsten Zeilen geschrieben hat. Gesetz den Fall, es findet eine Ablehnung statt, wie soll der Leser weiter lesen, wenn er den Autoren hasst. Warum das Buch einer Person lesen, die ich nicht leiden kann? Haben Sie schon einmal ein langes, intensives und aktives Gespräch mit einer Person geführt, die Sie nicht leiden konnten? Im Normalfall vermeidet der Mensch dieses. Jedoch ein Gespräch über eine Person, die Sie nicht leiden können, ist sehr viel interessanter. Aus selbigem Grund lästert der Mensch gerne.
Im Umkehrschluss, wenn der Leser den Autor mag, wird die Geschichte nebensächlich. Der Leser identifiziert sich nicht mit einem Protagonisten, sondern dem Autor und interessiert sich für den Menschen hinter der Geschichte und daher ergibt sich ein anderer Fokus und gleichermaßen ein höheres Risiko der Ablehnung oder Enttäuschung, wenn denn der gesamte Mensch nicht dem Ebenbild seiner Geschichte entspricht. Dementsprechend steht nicht die Geschichte im Vordergrund, sondern jegliches Handeln dieser Person in der Realität.
Selbstverständlich schreibt das Leben die besten Geschichten, denn woher sonst stammen Eindrücke & Erfahrungen des Autors. Jedoch halte ich es sowohl aus oben genannten Gründen nicht für sinnvoll direkt aus Ihrer Erfahrung zu schreiben, als auch dem Folgenden, der diesen Ansatz etwas verständlicher macht.
Es ist Sommer. 30° Celsius. Sie werden als Autor gereizt sein, eine Geschichte zu schreiben, die an einem heißen Sommertag spielt.
Sie waren gerade Zeuge eines Unfalls. Sie werden als Autor dazu neigen, dies direkt in Ihrer Geschichte zu verarbeiten.
Sie haben sich gerade aus einer Beziehung getrennt. Sie werden als Autor inspiriert, eine Geschichte über die Liebe zu schreiben.
Nur was machen Sie, wenn Sie an der Geschichte des heißen Sommers schreiben und es am nächsten Tag in Strömen regnet. Die Stimmung des Sommers vom Vortag hat Sie bereits verloren.
Jetzt würden Sie lieber eine Geschichte über einen regnerischen Sommer schreiben. Das Ergebnis, die Einführung in eine Geschichte in Ihrer Schublade.
Bei dem Unfall werden Sie schnell feststellen, dass es Ihnen schwerfällt, Ihre Eindrücke innerhalb dieses kurzen Zeitraumes auch nach Stunden noch akkurat wieder zu geben. So funktioniert die menschliche Erinnerung leider und andererseits Gott sei Dank, da es sich um einen Schutzmechanismus handelt. Doch führt dies dazu, dass Sie zweifeln und es im Endeffekt für eine schlechte Idee halten, die es nicht zwangsläufig war, doch dazu kommen wir gleich.
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