Ich kann meinen Ohren kaum trauen. Ich kann kaum glauben, was Aiden für dieses kleine Mädchen tut. Was er allgemein für diese Menschen tut. Er spielt so eine wichtige Rolle in deren Leben und trägt eine riesige Verantwortung. Aiden sieht so viel Leid und Schmerz und hört trotzdem nicht auf damit.
"Das ist bewundernswert", schniefe ich leise, " Du bist bewundernswert. Was du tust ist so selbstlos und doch so gut. Diese Menschen da... in der Kirche, sie lieben dich, das hat man von der ersten Sekunde an gemerkt. Ich glaube, du spielst eine wichtigere Rolle in deren Leben, als du dir vorstellen kannst. Vor allem Tammy..."
Aiden lächelt leicht, "Danke, Raven."
Ich nicke hektisch und atme tief ein, "Oh, man, du musst denken, dass ich eine totale Heulsuse bin. Ich heul schon wieder", lache ich und wische mir eine Träne aus dem Auge.
Aiden sieht mich einfach nur lächelnd an. Es kommt so rüber, als hätte er nicht einmal verstanden, was ich gerade gesagt habe. Als würde er mit seinen Gedanken ganz woanders sein, bei etwas Gutem, denn sein Lächeln ist so liebevoll.
Ich sehe ihn fragend an, "Bist du noch da?"
Aidens Grinsen wird breiter und er nickt, "Ja, ich bin noch da. Ich war nur gerade kurz in Gedanken."
"Okay", schmunzle ich und sehe, dass die Kellnerin mit unserem bestellten Essen kommt. Übrigens kannte diese Kellnerin Aiden natürlich auch, nur mal so.
"Sieht das nicht absolut traumhaft aus?", schwärmt Aiden und starrt auf seinen Teller voll mit Speck, Rührei, Gemüse und Gebäck.
"Das ist auf jeden Fall extrem viel", staune ich und picke in meinem Speck herum, "Und ich muss sagen, dass ich Vegetarierin bin."
Aiden runzelt die Stirn und sieht mich inbrünstig an, "Tatsächlich?"
Ich zucke mit den Schultern, "Ja."
"Na ja, okay, bleibt mehr für mich". Aiden nimmt seine Gabel und greift mir den Speck vom Teller und schiebt ihn auf seinen. "Du hast ja keine Ahnung was du verpasst."
Ich lache leise und nehme eine Gabel von dem Ei. Es schmeckt unglaublich gut, selbst wenn es nur Ei ist. "Wow, das ist gut", staune ich und nehme gleich noch eine Gabel.
"Sag ich doch", meint Aiden und isst ein Stück Speck.
Einige Augenblicke schweigen wir und essen. Ich muss ständig an Tammy denken und wie schwer krank sie ist. Zu wissen, dass sie nie erwachsen werden wird, sich nie verlieben wird, nie Auto fahren wird und auch nie Kinder bekommen wird, zerreißt mir das Herz. Sie hat so viel Freude ausgestrahlt und sah so glücklich aus, als sie bei Aiden saß.
Ich wünschte, ich könnte etwas dazu beisteuern, dass Tammy - auch wenn es nur für die nächsten Monate ist - glücklicher ist, als je zuvor. Sie hat es einfach nicht verdient, so jung zu sterben. Niemand hat das.
Auch Elizabeths Anblick tat beim Zusehen weh. Aiden meinte, sie sei eine Schriftstellerin gewesen und sie hat ihm bei seinen Geschichten geholfen. Sie war bestimmt eine ausgezeichnete Schreiberin. Hat sie ihm auch bei dem Buch geholfen, das er veröffentlicht hat? Es ist schrecklich zu sehen, dass Menschen so schnell aus ihrem alltäglichen Leben gerissen werden können nur durch eine einzige Krankheit.
Wenn man Aiden so sieht, könnte man sich nie vorstellen, dass er so oft mit dem Tod und Leid konfrontiert wird. Er sieht immer fröhlich und glücklich aus. Ich weiß nicht, ob ich so oft lachen könnte, wenn ich so viele Menschen an irgendwelchen Krankheiten krepieren sehen würde.
Aiden ist so ein starker Mann und ich denke, dass er das nicht mal selbst weiß. Denn auf irgendeine Art und Weise zeigt seine Selbstlosigkeit, auch eine gewisse Selbstverachtung. Wieso tut Aiden all diese Dinge? Ich wünschte, ich wüsste was Aiden alles leid tut und was ihn am meisten bedeutet. Ich will alles von ihm wissen.
Aiden und ich verlassen das Restaurant nach einer Stunde.
"Scheiße, es regnet wie aus Eimern", bemerkt Aiden, als wir gerade aus der Tür herausgehen.
Ich sehe in den Himmel und es regnet wirklich Wasserfälle. Das ist dann wohl das allbekannte Londoner Wetter. Wir stehen noch unter einem Dach vor dem Restaurant. Ich stehe hier nur im T-Shirt.
"Entweder wir rennen oder wir warten hier, bis es aufgehört hat zu regnen", sage ich und sehe zu, wie die Wassermengen auf der Straße in den Abfluss fließen.
"Okay", sagt Aiden und schnauft, als würde er gleich einen Marathon laufen wollen, "Ich bin für Möglichkeit eins - wir rennen."
"Alles klar", stimme ich entschlossen zu und tue ebenfalls so, als würde ich mich für einen Marathon aufwärmen.
Aiden sieht einmal kurz nach links und rechts auf den Bürgersteig, "Bereit?"
Ich nicke.
"Los!", schreit Aiden und rennt nach rechts über den Bürgersteig.
Ich renne ihm so schnell wie möglich hinterher und wir laufen Slalom durch die Menschenmengen. Wieso musste Aiden nur so weit weg parken? Schon nach fünf Metern hab ich das Gefühl, dass ich klitschnass bin, kann aber mein Lächeln nicht unterdrücken. Ich fühle mich so unglaublich frei und unbeschwert, wie ich mit Aiden durch den Regen renne, vorbei an den schlecht gelaunten Leuten, die gerade Mittagspause haben oder zu Meetings müssen.
Wir sind die Sonne am Horizont und der Rest eine tiefe Gewitterwolke.
Kurze Augenblicke später kommen wir an Aidens Auto an und Aiden holt hastig seine Autoschlüssel aus der Hosentasche. Seine Haare sind total nass und kleben ihm in der Stirn. Er sieht unglaublich gut aus.
"Schneller!", schreie ich von der Beifahrerseite durch den Regen, während Aiden noch mit den Schlüsseln kämpft.
Dann macht es Klick und wir springen ins Auto. Schwer atmend lehne ich mich in dem Sitz zurück und Aiden legt seinen Kopf aufs Lenkrad.
Meine Klamotten kleben mir an der Haut und ich bin froh, dass ich ein schwarzes T-Shirt angezogen habe und kein weißes. Jedoch hat Aiden ein weißes T-Shirt an und ich könnte bestimmt seine Muskeln durch das Shirt sehen.
Sekundenlang hört man nur noch unser Atmen und das Prasseln des Regens an den Scheiben. Man kann durch die Scheiben überhaupt nichts mehr erkennen, denn der Regen ist viel zu stark.
Schnell ziehe ich mir mein Handy aus der Hosentasche und lege es auf die Ablage vor mir, damit es nicht durch die Nässe kaputt geht. Daran hätte ich eigentlich vorher denken sollen, denn es war viel zu gefährlich, einfach so durch den Regen zu rennen. Ich kann mir kein neues Handy leisten.
Halt die Klappe, Ravely! schimpfe ich mit meiner inneren Stimme und lache. Ich lache laut. Ich weiß nicht, wieso ich lache, aber ich lache so laut, dass ich nicht aufhören kann.
Aiden richtet sich auf und sieht mich an, als wäre ich gestört. "Wieso lachst du?", fragt er schmunzelnd und mit gerunzelter Stirn.
Ich beruhige mich und sehe ihn an. Ich kann definitiv seine Muskeln durch sein weißes T-Shirt sehen. Ich kann sogar ein paar weitere Tattoos erkennen, kann aber nicht entziffern, was es sein soll.
Als mir auffällt, wie offensichtlich ich seinen Körper anstarre, sehe ich ihm schnell in die Augen und zucke mit den Schultern, "Ich habe gelacht, weil... ich weiß nicht", gluckse ich, "Ich hab mich einfach danach gefühlt, denke ich."
Aiden sagt nichts, sondern sieht mich von oben bis unten schmunzelnd an. Er sieht extrem konzentriert und nachdenklich aus, denn er kaut innen auf seiner Lippe und tippt mit seinem Mittelfinger auf dem Lenkrad herum.
Ich sehe ihn erwartungsvoll an, "Was hast du denn?"
Aiden lehnt sich ausatmend in den Sitz zurück und lässt das Lenkrad los. Er reibt sich mit der Hand schon fast unruhig über die Stirn, "Es ist nur", sagt er leise mit seiner rauen Stimme, "Du bist so unglaublich schön und das macht mich verrückt."
Ich reiße erschrocken meine Augen auf und starre ihn mit offenem Mund an. Ich kann mich nur verhört haben. Oder?
"Oh Mann, Raven, du hast, glaube ich, echt keine Ahnung wie unfassbar anziehend du bist", murmelt er leise lachend und sieht auf seine Hände, die wieder das Lenkrad umgriffen haben.
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