Aiden stoppt mit dem Lesen.
"Siehst du auch den Engel dahinten?"
Ich sehe an der Säule vorbei und blicke zu der Gruppe. Mir bleibt fast das Herz stehen, als ich bemerke, dass mich jeder von ihnen genau ansieht.
Aiden sieht sich stirnrunzelnd um, bis auch er mich erblickt. "Oh", grinst Aiden. "Das ist ganz und gar kein Engel, Bronnie."
Ich halte erstarrt die Luft an und starre einfach nur zu ihnen hinüber. Das ist mir viel zu unangenehm. Aiden muss denken, dass ich ihm hinterherspionieren will.
"Du kennst sie?", fragt das kleine Mädchen neben ihm.
"Ja, ich kenne sie." Er sieht noch immer zu mir.
"Frag sie doch, ob sie sich zu uns setzen will. Sie kann ein Sitzkissen von mir haben." Das Mädchen zieht sich ein Kissen unter dem Po hervor und legt es neben sich.
"Das ist lieb." Er schmunzelt und streichelt ihr über den Kopf. "Raven, du wirst hier erwünscht! Möchtest du dich zu uns setzen?"
Mir fliegen tausend Fragen durch den Kopf. Wieso liest Aiden Menschen in der Kirche vor? Wer ist das kleine Mädchen?
"Ehm", stammle ich und rutsche nervös auf der Bank hin und her.
"Los, Kleines", ruft die ältere Frau freundlich lächelnd. "Wir freuen uns immer über so schöne Menschen wie dich. Vor allem, wenn sie zu Aiden gehören."
Ich nicke, stehe auf und gehe nervös auf die Runde zu. Es sind ungefähr fünfzehn Frauen und Männer. Alle lächeln mir zu, als ich ihnen näher komme.
"Setz dich bitte neben mich", winkt das kleine Mädchen mich zu sich und zeigt auf das Kissen neben sich.
Ich schaue Aiden an und er nickt nur schmunzelnd, als hätte er mir eine Bestätigung dafür gegeben, dass ich mich ruhig neben sie setzen könnte.
"Danke", flüstere ich dem kleinen Mädchen zu, als ich mich auf das Kissen setze.
"Das ist Ravely", sagt Aiden breit grinsend und deutet mit dem Buch leicht auf mich. "Sie geht mit mir auf das College und scheint wirklich extrem neugierig zu sein."
Mir schießt sofort die Röte ins Gesicht und ich spiele mit einem Ende des Kissens, auf dem ich sitze.
Alle in der Gruppe sehen mich an und mir fällt auf, dass viele von ihnen extrem... krank aussehen. Viele von ihnen sind sehr abgemagert und haben Augenringe. Die alte Frau, die vorhin gesprochen hat, hat Plastikschläuche in der Nase und ebenfalls ein Kopftuch auf. Sie scheinen alle auf irgendeine Art und Weise krank zu sein. Doch trotzdem lächeln sie mich alle an.
"Hallo", sage ich und lächle ihnen allen zurück. "Tut mir leid, dass ich einfach reingeplatzt bin, ich - "
"Das ist nicht schlimm, Schatz", sagt die alte Frau. "Es ist schön, endlich mal einen von Aidens Freunden kennenzulernen." Sie richtet sich an Aiden: "Wie konntest du uns so ein hübsches Mädchen vorenthalten?"
Aiden lacht leise. "Ich entschuldige mich zutiefst, aber anscheinend hat Raven das Vorstellen schon selbst in die Hand genommen."
Er scheint nicht wütend darüber zu sein, dass ich einfach hier her gekommen bin und das erleichtert mich enorm. Ich frage mich dennoch, ob Aby und die anderen wissen, dass er Leuten in der Kirche vorliest. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie davon keine Ahnung haben.
Ich schaue beschämt auf meine Finger, als ich Aidens Blick auf mir spüre.
"Ließ weiter, Hazza", sagt das kleine Mädchen, das zwischen uns sitzt und rüttelt an seinem Arm.
Hazza? Der Name ist ja extrem süß.
"Okay, wo war ich?" Er streicht konzentriert mit dem Finger über die Zeilen. Man kann erkennen, dass alles in diesem Buch selbst geschrieben ist. Aiden scheint sich diese Geschichte tatsächlich ausgedacht zu haben.
Aiden liest vor, wie der kleine Junge mit seinem Schutzengel die Prinzessin vor dem Drachen rettet und alle hören weiter gespannt zu - mich eingeschlossen. Ich könnte ihm den ganzen Tag zuhören und beobachten, wie seine Lippen sich beim Reden bewegen.
Nach kurzer Zeit spüre ich, wie das kleine Mädchen sich an mich lehnt und die Augen schließt. Sie scheint wirklich keine Furcht vor Fremden zu haben. Ich sehe Aiden aus dem Augenwinkel lächeln, als sie sich an mich kuschelt.
"So, das war's", verkündet Aiden und schließt das Buch. "Wer hat Ideen für das nächste Mal?"
"Das nächste Mal soll der kleine Junge am Meer sein", sagt ein Junge, ungefähr 16 Jahre.
"Und es soll um einen Vulkan gehen!", ruft eine Frau.
"Und dieses Mal ist der Schutzengel ein Mädchen", sagt das kleine Mädchen neben mir und richtet sich wieder auf.
"Okay. Mal sehen, was ich damit so anfangen kann." Aiden steht auf.
"In zehn Minuten ist Abfahrt", ruft ein Mann in Sanitäter Uniform. Er scheint der Fahrer des Busses draußen zu sein. "Heute dürfen wir nicht zu spät zum Mittagessen kommen, sonst sperren uns die Cafeteria Frauen noch aus."
Die Gruppe - einschließlich Aiden - fängt an zu lachen und es hallt durch die ganze Kirche.
"Dann sollen sie sich mal mehr Mühe beim Kochen geben", beschwert sich ein Mann und steht auf.
"Wenn es heute wieder diesen ekligen Nudelauflauf gibt, schmeiß ich es ihnen vor die Füße", fügt eine Frau noch hinzu und die anderen stehen ebenfalls vereinzelt auf.
Aiden steht auch auf und geht zu einer Frau, die immer noch am Boden sitzt. Sie hat kaum einen Ausdruck im Gesicht und bewegt sich kein Stück. Mir fallen die Augenringe auf und dass sie ebenfalls total abgemagert ist. Ich würde sie auf ungefähr Anfang fünfzig schätzen. Ihre fast komplett grauen Haare hängen ihr nur noch strohig vom Kopf.
Ich beobachte, wie Aiden sie im Brautstyle hochhebt und sie in einen Rollstuhl trägt, der neben den Sitzbänken steht, während er ihr leise etwas sagt.
"Das ist Elizabeth", sagt das kleine Mädchen neben mir. Wir sitzen immer noch beide auf dem Boden. "Sie wird bald in den Himmel fliegen."
Ich schnappe erschrocken nach Luft und sehe sie an. "Was?"
Das Mädchen sieht jetzt zu Aiden und Elizabeth. "Ja, sie ist sehr krank. Aiden sagt zwar immer, dass sie nicht sterben wird, aber ich weiß, dass er das nur sagt, um mich nicht traurig zu machen."
Mir klappt die Kinnlade nach unten. Dieses kleine Mädchen redet wie eine Erwachsene. Mir fehlen die Worte. Bedeutet das, dass sie auch krank ist? Sie ist ebenfalls sehr dünn.
"Ich bin Tammy." Ihr Lächeln ist bildhübsch und voller Wärme. Sie steht auf.
"Schöner Name." Ich stehe ebenfalls auf. "Ich bin Raven."
Tammy bückt sich, hebt ihr Kissen auf und klemmt es sich unter ihren Arm. "Ist das dein Spitzname?"
"Ja."
"Ich mag den Namen."
"Wie ich sehe, hast du Tammy schon kennengelernt", sagt Aide, der hinter mir auftaucht und Tammy auf seine Hüfte hebt. "Du musst aufpassen. Sie kann ein kleiner Teufel sein."
"Ich bin kein Teufel!", kichert Tammy und wuschelt Aiden durch die Haare.
Schmunzelnd beobachte ich die Szene vor mir. Die beiden scheinen sich echt gut zu verstehen. Es ist schön anzusehen, wie Aiden mit ihr umgeht.
"Kannst du Raven das nächste Mal wieder mitbringen?" Sie legt ihre Arme um seinen Hals.
Aiden runzelt die Stirn und sieht mich an. "Wow, du scheinst hier echt eine Freundin gefunden zu haben."
Ich zucke mit den Schultern und sehe Tammy an. "Ich würde gerne wieder kommen."
"Ja!", freut sich Tammy.
"Tamara, wir müssen los!", ruft der Mann in der Sanitäter Uniform vom Eingang aus.
"Ich will nicht wieder zurück", murmelt sie traurig und kuschelt sich an Aidens Brust. "Ich will bei euch bleiben."
Aidens Miene verändert sich und er streichelt ihr über den Kopf. "Das packst du, Süße. Dafür benenne ich das Mädchen in meiner nächsten Geschichte auch nach dir. Aber versprich mir, dass du nicht mehr traurig bist."
Tammy nickt und lächelt leicht.
"Also los, du weißt ja, wie ungeduldig die Cafeteria Frauen sind." Er lächelt und stupst ihre Nase an.
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