Das Klo in der Gartenstraße war auf der halben Treppe, ich meine sogar ohne Wasserspülung. Dann waren am Haus zwei Austritte (Balkone) mit Geranien rund herum. Als die Schwalben im Haus nisteten, musste die Tür dorthin offenbleiben. In regelmäßigen Abständen bekam Tante Anna ein sechs Kilogramm schweres Butterpaket aus Marne. Ich trug die Butter zu den Kränzelschwestern in einer schwarzen Ledertasche.
Der Marsch auf den Kriebelstein und der Besuch der Burgruine gehörte jedes Jahr mit zu meinem Besuchsprogramm. Zum Kriebelstein stieg man ziemlich steil auf Zick-Zack-Wegen empor, dann ging es gerade aus durch den Wald bis zum Aussichtsplatz. Von dort aus konnte ich Elsterberg überblicken. Tante Anna stand auf ihrem Austritt und winkte mit einem großen Tuch. Die Burgruine mit mittelalterlichen Türmen und Fensterbögen weckte immer wieder sagenhafte Erinnerungen an längst vergangene Ritterzeiten.
Bei Baumanns am Markt wurde ich zu Beginn meines Aufenthaltes in Elsterberg auf der großen Dezimalwaage gewogen, die dort in der Durchfahrt stand und für die Wägung langer Eisenträger gebraucht wurde. Zum Essen wurden wir von der Verwandtschaft reihum eingeladen. Von meinen Brüdern Fritz und Konrad wird erzählt, dass sie dreimal die berühmten vogtländischen Klöße an einem Sonntag verspeisten. Tante Anna Baumann hat mir einige Handarbeiten beigebracht. Konrad wohnte bei Otto und Anna Baumann, Fritz bei Paul und Clara Anlauft. Die Anlaufts wohnten damals noch in der Piehlerstraße, von wo man auf einer steilen Treppe in das Fabrikgelände hinunterlaufen konnte. Onkel Paul nahm mich mit in einen Raum, wo die gewebten Stoffe auf Fehler untersucht und ausgemustert wurden. Ich durfte wir dann oft einen Stoff aussuchen, der von Frau Lindner zu einem Kleid meines Geschmacks genäht wurde. Frau Lindner, eine Kusine meines Vaters, war Witwe und hatte fünf Töchter. Mit Anni war ich befreundet. Als ich nach 65 Jahren das ehemalige Wohnhaus auf dem Schlossberg wiederfand, traf ich dort sogar noch die jüngste Tochter Trudel.
Onkel Paul hatte sich vom Schlosser zum Webereibesitzer und Millionär emporgearbeitet. Als er 1939 starb, soll das eine riesengroße Beerdigung gewesen sein. Er war sehr beliebt und verschenkte gern etwas, wenn er Armut sah. Im Zeppelin ist er einmal über Elsterberg hinweggeflogen. Tante Clara hat ihm damals aus dem Werksgelände zugewunken. Onkel Paul ließ sich von seinem Schofför Gölisch, der eine Uniform trug, in seinem Mercedes fahren. Eine Glaswand im Auto trennte den Fahrer ab, dafür hatte Onkel Paul ein Sprechgerät. Im hinteren Teil des Wagens konnten zu zwei Polstersitzen noch zwei bequeme Sitze aus der Vorderwand herausgeklappt werden. Einmal gingen wir in Plauen in eine Gaststätte zum Essen. Ich hatte keine Ahnung und keine Erfahrung, was ich bestellen sollte. Johanna („Hannel“), die Tochter von Paul und Clara Anlauft, sagte zu mir: „Nimm doch ein Omlett!“ So etwas Vornehmes hatte ich noch nie gegessen, aber es schmeckte mir überhaupt nicht.
Meistens besuchte ich in Plauen – Haselbrunn auch die Verwandten der Familie Meyer. Es ging dort immer sehr fröhlich und laut zu. Onkel Friedrich Otto und Tante Emma waren sehr nett. Ihre sechs Kinder waren sehr musikalisch, spielten Klavier und sangen.
Erwähnen will ich noch den Elsterberger Pastor Däberitz, den ich jedes Mal gern in seinem Studierzimmer am Marktplatz besuchte. Als meine Mutter Alice Rosa im November 1920 in Oschatz starb, nahmen mich Onkel Robert und Tante Anna zu sich. Ich bin in Elsterberg Ostern 1921 eingeschult worden und erst im Herbst 1921 wieder nach Oschatz zurückgekommen.
2.4 Vorfahren mütterlicherseits
Mein Urgroßvater August Schmitzkam 1853 in Mettmann zur Welt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Elementarschule in Mettmann. Da er ein guter Schüler war, hätte sein Lehrer es gern gesehen, dass mein Großvater Lehrer geworden wäre. So aber kam er beim Nachbarn, dem Kupferschmied Hohmann, in die Lehre. Nach einer dreijährigen Militärzeit beim Infanterie-Regiment 93 in Düsseldorf ging er auf Wanderschaft. Dabei hat er längere Zeit in Celle gearbeitet. Nachdem er die Meisterprüfung vor der Handwerkskammer in Elberfeld abgelegt hatte, machte er sich in den 1870er Jahren in Mettmann selbständig. Dort heiratete er 1880 Laura Nordmann. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Mit seinen Ersparnissen und einem Darlehen seines Schwiegervaters Ferdinand Nordmann kaufte er 1880 das Haus Freiheitsstraße 876 in Mettmann. Durch Fleiß und Klugheit brachte er sein Unternehmen empor. Nach einigen Jahren wurde er in den Stadtrat von Mettmann gewählt. In dieser Stadt war er Mitbegründer der Fortbildungsschule und des Gewerbevereins für das Handwerk. Aufgrund seiner beruflichen Erfolge zog er mit seiner Familie nach Düsseldorf, Oberbilker Allee 295. Hier brachte er sein Handwerk zu höchster Blüte, vorwiegend mit kunstgewerblichen Arbeiten wie Lampen, Türen, Beschläge, Kamine und dergleichen in Kupfer. Als Kupferschmiedemeister stellte er 1902 auf der großen Gewerbeausstellung in Düsseldorf, die den Rang einer Weltausstellung hatte, seine Erzeugnisse aus und erhielt eine Silbermedaille sowie die bronzene Staatsmedaille. 1904 erhielt er als Teilnehmer an einer Sammelausstellung der Stadt Düsseldorf in St. Louis, Missouri (USA) eine Bronzemedaille. August Schmitz führte zahlreiche Arbeiten an öffentlichen Gebäuden durch. Außerdem hatte er eine reiche Privatkundschaft.
Urgroßvater August Schmits
Ein kenntnisreicher und zuverlässiger Handwerksmeister
Das vielseitige, handwerkliche Können meines Urgroßvaters schätzte man auch während der Zeit des Kalkabbaus im Neanderthal, wo bekanntlich im August 1856 zwei Arbeiter beim Ausräumen der Feldhofer Grotte 16 Knochen fanden, die der Lehrer Johann Carl Fuhlrott aus Elberfeld einem eiszeitlichen Menschentyp, nämlich dem Neanderthaler, zuordnete. Interessant ist ein Referenzschreiben, das Wilhelm Pasch aus Düsseldorf am 24. August 1901 meinem Urgroßvater ausgestellt hatte: „Während meiner Tätigkeit als Geschäftsführer und Betriebsleiter der früheren Actien-Gesellschaft für Marmor-Industrie zu Neanderthal, von Anfang der 70er Jahre bis Ende der 80er Jahre, habe ich den Kupferschläger, Installateur und Pumpenmacher Herrn August Schmits zu Mettmann bei Anlage von Brunnen vielfach zu Rate gezogen, und, auf Grund dessen hervorragender Kenntnisse über die Wasserführung des Gebirges, eine Anzahl von Brunnen für Trinkwasser mit stets sicherem Erfolg an verschiedenen Stellen des im allgemeinen als brüchig und wasserarm bekannten Neandertales und Hochdahler Terrains anlegen lassen, welche sich auch dauernd als gut, gesund und gleichmässig wasserhaltend bewährt haben. Die fachmännische Kontrolle dieser Brunnen und ihrer Querschläge auf genügenden Wasserzufluss vor Ort, während des Abteufens und auch später, wurde gleichfalls stets durch Herrn Schmits ausgeführt. Die für die Brunnen erforderlichen Pumpen und Leitungen, eine Pumpe ausgenommen, hat Herr Schmits geliefert und eingebaut, desgleichen umfangreiche Rohrnetze zur Verteilung des der Hauptleitung des Neandertaler Pumpwerkes entnommenen Betriebswassers auf die verschiedenen Ziegeleiarbeitsplätze und sonstigen Verbrauchsstellen der genannten Actien-Gesellschaft ferner führte derselbe um die Mitte der 1880er Jahre große bauklempnerische und Zinkbedachungsarbeiten beim Umbau des Neandertaler Spinn- und Weberei-Etablissements aus, desgleichen stets auch einen Teil der Erneuerung und Unterhaltung des diversen Betriebsgeschirrs. Nach Inkrafttreten des Dynamitgesetzes lieferte Herr Schmits für die Neandertaler Steinbrüche ein zum Teil aus seiner eigenen Initiative von ihm construiertes System von Sicherheitsapparaten zum gefahrlosen Auftauen von erstarrtem Dynamit und erwarb sich damit die ungeteilte Anerkennung auch der behördlichen und berufsgenossenschaftlichen Aufsichts-Organe. Bei all diesen Leistungen, Lieferungen und Arbeiten, deren Betrag sich auf viele tausende von Mark belaufen hat, und für welche sich nicht immer feste Preisvereinbarungen im Voraus treffen ließen, ist es niemals zu Differenzen und Beanstandungen irgendwelcher Art gekommen. Ich habe Herrn Schmits allezeit als einen kenntnisreichen, zuverlässigen, ruhigen und umgänglichen Mann, als rechtlich denkenden und handelnden tüchtigen Handwerksmeister und Geschäftsmann kennen und schätzen gelernt und rechne es mir zur Ehre, ihm solches hiermit bescheinigen zu dürfen.“
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