Zum ersten Mal war Ryu erleichtert, die Schule zu sehen, aus der sie vor noch nicht allzu langer Zeit geflohen war. Ryu atmete auf. Gleich würden sie in Sicherheit sein. Der Weg durchs Moor hatte sich als Irrweg herausgestellt. Sie würden es in einer anderen Richtung versuchen müssen.
Kurz vor der Schule wollte Kronos noch einmal in einer Steilkurve nach oben ziehen, denn die Fledermäuse schienen die Nähe der Schule nicht zu mögen und ließen von ihm ab, aber da geschah es. Mit einem gewaltigen Satz gelang es der Bestie, Ryus Füße zu packen. Kronos, der sie noch immer festhielt, geriet ins Trudeln, dann stürzte er ab. Seine Krallen gaben Ryu frei, die in der Luft einen Salto drehte und ziemlich unsanft auf einem Hügel landete. Neben ihr fiel Kronos auf die Erde, eine Wolke abgerissener Federn hüllte ihn ein.
Noch ehe Ryu wieder auf die Beine kam, schälte sich die Bestie aus dem Nebel. Ihre Augen glühten wie gelbes Feuer, weißer Schaum flog ihr vom Maul, sie scharrte mit den Krallen in der Erde, ihr mit spitzen Stacheln besetzter Schweif peitschte den Grund.
Kronos hatte sich auch wieder aufgerappelt, erhob sich zu voller Größe auf die Hinterbeine und stellte sich schützend vor Ryu. Dann schlug er mit den von den Fledermäusen arg gerupften Schwingen, wobei er spitze Schreie ausstieß, um der Bestie zu imponieren.
Zuerst wich die Bestie einen Schritt zurück, doch dann erwiderte sie das Gebrüll, senkte angriffslustig den gewaltigen Panterschädel und schlich näher.
Ryu blickte sich um, der Boden war fest, Erdhügel und Felsbuckel bildeten einen welligen Abhang zur Schule hin, deren Gebäude noch mindestens zweihundert Meter entfernt lagen. Wenn man das Moor mit seinem Morast und den öligen Tümpeln in Erinnerung hatte, sah es hier aus wie auf einem fremden Planeten.
Ein noch stärkeres Gebrüll schallte plötzlich aus dem unübersichtlichen Gelände. Die Bestie aus dem Moor duckte sich, legte die Ohren flach an den Hinterkopf und ihr aggressives Fauchen wurde zum kläglichen Maunzen. Sie klemmte den Schwanz ein, machte einen Satz zurück und rannte in den Nebel, dem sie entsprungen war. Was hatte dieser mächtigen Bestie solche Angst eingejagt?
Kronos wiegte seinen Kopf hin und her und äugte mit seinen scharfen Adleraugen durch die Nacht. Die Dächer des Schulgebäudes ragten hinter einer Barriere aus Felsbrocken und Geröll auf. Wenn sie diese überwunden hätten, könnten sie vielleicht in die Schule schlüpfen und sich vor der neuen Gefahr, die da auf sie zukam, verstecken.
Beide hatten wohl das Gleiche gedacht, aber als sie auf die Felsbarriere zu rannten, erhob sich auf ihrem Kamm ein gewaltiges Raubtier. Es hatte braunes Fell, einen eckigen, kantigen Schädel, aus dem große geschwungene Hauer hervor ragten. Ryu rieb sich die Augen und glaubte, ihre Phantasie hätte ihr einen Streich gespielt. Aber als sie wieder zur Spitze der Felsbarriere sah, stand da immer noch ein leibhaftiger Säbelzahntiger. Wie konnte das möglich sein, dass es noch ein lebendes Exemplar dieser längst ausgestorbenen Spezies gab? Denn dass es lebte, bewies es dadurch, dass es sich auf die Hinterbeine erhob, mit den Tatzen durch die Luft schlug und ein furchtbares Gebrüll ausstieß.
Der Säbelzahntiger griff nicht auf direktem Weg an, tat aber alles, um ihnen die Flucht zur Schule unmöglich zu machen. Wollten Ryu und Kronos rechts an ihm vorbeilaufen, bewegte er sich mit ein paar mächtigen Sprüngen nach rechts und verstellte ihnen den Weg, versuchten sie es nach links, war auch hier der Säbelzahntiger schon da und fauchte sie an.
Ryu wusste, dass Kronos keine Chance gegen dieses große Raubtier hatte. Er war vom Flug erschöpft, seine Flügel waren verletzt und er blutete aus vielen kleinen Wunden, die ihm die Fledermäuse gerissen hatten. Sie mussten eine andere Möglichkeit finden, um an dem gefährlichen Raubtier vorbei zu kommen.
Ryu nahm all ihren Mut zusammen und rannte geradewegs auf den Säbelzahntiger zu. Dabei schrie sie gellend und so laut sie konnte. Der Säbelzahntiger duckte sich, er schien verunsichert und wich zur Seite aus, aber nicht weit genug, dass Ryu gefahrlos an ihm vorbeigekommen wäre. Ryu drehte eine enge Kurve und rannte nun schreiend in die entgegengesetzte Richtung, aber sie war zu langsam und kam nicht am Raubtier vorbei.
Jetzt schlug Ryu eine andere Taktik ein, die der felsige Untergrund ermöglichte. Sie rannte durch Spalten und Rinnen, für die der Säbelzahntiger zu groß war. Aber auch dies half ihr nur wenig, denn das Raubtier sprang einfach über die Rinnen und Spalte hinweg und war, wenn die Hohlgänge endeten, wieder in ihrer Nähe und blies ihr seinen heißen Atem ins Gesicht. Ryu war verzweifelt, und fürchtete, dass sein nächster Tatzenhieb sie zermalmen würde.
Ryu flüchtete sich mit knapper Not in eine schmale Rinne, durch deren enge Öffnung nur wenig Mondlicht drang. Hier fühlte sie sich vor dem monströsen Raubtier einigermaßen sicher, doch hinter dem nächsten Vorsprung weitete sich der Spalt. Zu spät bemerkte sie, dass der große Schatten des Säbelzahntigers auf sie herab fiel, dann zuckte einer seiner breiten Pfoten in die Tiefe, seine Krallen rissen ihre Schulter auf. Ryu machte einen Hechtsprung in die Abzweigung vor ihr. Hier standen die Wände so dicht zusammen, dass die Pfoten des gewaltigen Räubers nicht hindurch passten. Das Adrenalin in ihrem Körper war so stark, dass Ryu keinen Schmerz spürte.
Sie kroch in die nächsten Spalte, die so schmal war, dass sie sich nicht frontal, sondern, die Schulter voraus, nur seitlich voran bewegen konnte. Am Ende dieses Spalts bemerkte sie den Schatten des Raubtiers, das sie dort erwartete. Ryu klaubte einen faustgroßen Stein mit einem langen spitzen Ende auf, der wie ein Dolch in der Hand lag. Er oder ich, dachte sie.
Das gewaltige Raubtier duckte sich zum Sprung, als Ryu das Ende des engen Spaltes erreichte, und flog knurrend auf sie zu. Ryu holte aus, rammte die lange Spitze des Steins in die Brust des Ungeheuers und ließ sich zur Seite fallen, damit der schwere Leib sie nicht unter sich begrub. Es brüllte vor Wut und Schmerz und schlug wild und ziellos mit den riesigen Tatzen. Dann knickten seine Vorderläufe ein, Blut spritzte in einer hohen Fontäne aus seiner Wunde. Dann wurde der Säbelzahntiger ruhiger, wälzte sich auf die Seite und starrte Ryu mit seinen gelben Augen an. Diese Augen waren so anders als die der Bestie aus dem Moor, fand Ryu. Gewiss, sie blickten wild und ungezähmt, aber es waren nicht die Augen einer Bestie, sondern die einer Kreatur, in denen sich Gefühle spiegelten, Gefühle, wie auch Ryu sie kannte.
Der Säbelzahntiger öffnete sein Maul und hervor schallten Laute, die kein Fauchen, kein Knurren, kein Maunzen waren. Es waren Worte, die dieses Wesen murmelte. Und in seinen Augen las Ryu die Todesangst, die Schatten über seine Blicke legten.
Nein, dachte Ryu, das Wesen, das sich dort vor ihr wälzte, war kein gewöhnliches Raubtier, es war ein Gestaltenwandler, der im Angesicht des Todes seine wahre Identität preisgab.
Sie wich mehrere Schritte zurück, und ein tiefes Bedauern bemächtigte sich ihrer Seele. Was hatte sie getan? Hatte es keine andere Möglichkeit gegeben als diesem Wesen den Tod zu bringen? Er war ein Jäger und handelte instinktiv, sie gab ihm nicht die Schuld für ihre Wunden. Dies war eine Welt, in der fressen und gefressen werden das Gesetz alles Lebens war. Und sie, Ryu, gehörte auch zu dieser Welt. Und wenn sie die Chance hatte, in einem solchen Kampf zu überleben, dann war Töten der Preis dafür.
Der Säbelzahntiger kam taumelnd wieder auf die Beine, er schüttelte sich, sein Blut spritzte auf die Steine, und als er nach Ryu tatzelte, tat er es mit erlahmenden Kräften. Aber Ryu wusste, er würde die Jagd erst verloren geben, wenn der Tod seine Blicke bräche.
Sie rannte zu Kronos, der sie mit einem freudigen Flügelschlagen empfing und beide machten sich daran, die Felsen hinauf zu klettern, hinter ihnen war ein Knurren zu hören, das in ein Fauchen und dann in ein klägliches Maunzen überging. Das Wesen hinter ihnen wollte etwas mitteilen, doch es konnte sich nicht verständlich machen. Als auch das klägliche Maunzen erstarb, blickte sich Ryu beim Klettern um. Der Säbelzahntiger hatte die Hälfte der Felsbarriere überwunden, doch jetzt verließen ihn die Kräfte. Seine gelben Augen brachen, als der Tod ihn erreichte, er streckte seinen Leib ein letztes Mal, dann kullerte er leblos den steilen Geröllhang hinab.
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