„Wie man denn so jung schon Lufthansa Kapitän werden kann, fragte sich neulich mein Mann, der im Zweiten Weltkrieg Jagdflieger war. Haben sie eine besondere Begabung in die Wiege gelegt bekommen?“ Der vermeintliche Flugkapitän wurde nachdenklich, erhob seinen schlanken braunen Kopf und sah seine Gesprächspartnerin aus klaren braunen Augen fixierend an. „Meine Schwiegermutter hat ihnen berichtet, ich sei Kapitän? Sind sie da ganz sicher?“ Sie warf einen irritierten Blick zurück in die Fragezeichen der sich erweiternden Pupillen ihres Gegenüber. „Ja, selbstverständlich. Mein Mann holte mich gerade vom Damenbridge ab, als wir über sie sprachen. Warum fragen sie nach?“ „Nun, mich interessieren Feinheiten. Die Literatur, die Sophistik, Fremdsprachen, das haben sie schon richtig verstanden, sind Felder, die ich gerne beackere. Nur für die Eignungstests zur Pilotenausbildung waren meine Mathematiknoten im Abitur nicht ausreichend. Da mich an der Fliegerei hauptsächlich die Möglichkeit des Kontakts mit anderen Kulturen reizt, bin ich mit meiner Anstellung als Steward sehr glücklich. Zudem kann ich mit meiner Frau zusammen die Welt bereisen und mich überall zuhause fühlen.“ Frau Bargons ohnehin schon langes, hageres Gesicht verlängerte sich noch einmal um den Abstand von Oberlippe zu Unterlippe, als ihr Kinn unter dem erstaunt geöffneten Mund auf das runzlige, Perlenketten behangene Truthahndekolleté rutschte. „Wollen sie bald Kinder haben?“
Schoß sie blitzschnell ihre nächste Frage hinterher. „Wie gesagt, wir vergnügen uns im Augenblick recht abwechslungsreich, da haben wir keinen zusätzlichen Unterhaltungsbedarf.“ Der abrupte Themenwechsel der alten Dame unterstrich die Brisanz der soeben aufgedeckten Lüge über den beruflichen Status. Sensibilität und Konversationstraining einer Gesellschaftsdame hatte ihr verboten nachzuhaken, gegenüberzustellen, aufzuklären. Am Abend vergewisserte sie sich noch einmal vor dem Schlafengehen bei ihrem Gatten über den Inhalt der Darstellung der Brautmutter. Während der zehn folgenden Ehejahre vor der Scheidung, gab es nie mehr einen gesellschaftlichen Anlass, bei der die Antwort auf die kritische Frage ein Rolle gespielt haben könnte. Mit dieser ersten und letzten Cocktailstunde hatte sich das junge Paar für die Liste der „Persona ingrata“ qualifiziert.Herr Doktor laborierte noch einige Jahre in seiner Giftküche. Nachdem der Mutterboden umliegender Gemüsefelder, Dioxin verseucht entsorgt worden war, gelang dem Patriarchen noch ein Hattrick. In aufwendigen PR-Kampagnen präsentierte er die Werksschließung als Resultat einer politischen Verschwörung gegen die Industrie. Den Suizid seines HIV-infizierten Sohnes fingierte er zum heldenhaften Notausgang, eines leidenden Krebspatienten im Endstadium. Durch die zweite Hochzeit, seiner mittlerweile gesellschaftlich kompatiblen Tochter, mit einem internationalen Gedärmekaufmann, stilisierte er deren Überwindung jugendlicher Irrungen zum finalen gesellschaftlichen Triumph.
Honni soit, qui mal y pense!
Der Schnee schmolz im Stubaital.
Die Fackelprozession der Skischule, über den Haushang hinunter, bis zur Hotelterrasse, fiel an diesem Heiligabend aus. Gäste des Galadiners, hinter Panoramafenstern, hielten vergeblich Ausschau nach den fliegenden Feuern, vor dem Hintergrund der Heiligen Nacht .
Der Sommer in Torri hatte die Familie zum letzten Mal beisammen gesehen. Tütti hatte sich wie immer in den schattigen Lido entschuldigt, während drei blonde Zöpfe im Fahrtwind der Motoryacht wehten. Die Sonne verbrannte den Frauen die weiße Haut . Ihre Sommersprossen schossen, wie jeden Sommer, aus der Tiefe der Epidermen hervor.
Tüttis Betrachtung der muskulösen „Waschbretter“ und glänzend eingekremten Ruten im „Playgirl“, brachte Achats in seinen Tagtraum. Wenn Tüttis „Clan“ zum gemeinsamen Pflichturlaub mit der Alibifreundin lud, er den Zukunftstraum vom Stammhalter bediente, vermisste er seinen „loverboy“ ganz besonders.
Luxuriöse Exzesse bei Verbindungsfesten, mit anschließenden Clubbesuchen, waren nur mit der scheinbaren Loyalität des angepassten Rollenspiels zu finanzieren.
Als er die „Strega“ auf den Steg zubrausen hörte, klappte das Magazin blitzschnell zu und versank zwischen der
Polymersammlung im Kupfer eloxierten Halliburton,
Die Schwestern sprangen von Bord, hakten ihn unter und zerrten den bleichen Körper ins Gardaseewasser.
Beim Abendesssen auf dem Balkon, mit Blick auf den vertrauten Hafen im warmen Licht, waren die Gesprächsthemen durchsetzt von einer Mischung aus Planung für den Weihnachtsskiurlaub und kontroversen Argumenten des Werksleiters und dessen Hoffnung beladenen Sohn. Die Frage des perfekten Selbstmords betreffend; Der arrivierte Chemiker setzte auf eine kleine Ampulle; der junge Cowboy schwor auf seine neue fünfundvierziger Magnum Silverbullet, in Kombination mit der alten neun Millimeter Einstiegswaffe.
Weihnachtsgeschenke wurden unter abwechselndem „Ah“, „Oh“, „danke“ und Hochfrequenz Bussi Bussi, ausgepackt.
Der „Capo“ jedoch, zog sich mit gefülltem Kelch in die Sitzecke am Großraumfenster zurück. Den Blick vom kräftigen Rot unter seiner Nase auf die diesig, braungraue Piste hebend, sah er seinen einzigen Sohn.
Tütti hatte weder den Medizinern noch der Forschungsgeschwindigkeit der Chemie vertraut. Ein Familienrat hatte zwar zu der offiziellen Darstellungsform geführt: Leukämie erschien gleichwohl sozialverträglich, wie garantiert Status konservierend. Doch Tütti war nicht zu halten gewesen. Dabei blieb die Frage offen, ob der physische Schmerz, die Enttarnung oder die gesellschaftliche Schmach den Ausschlag gegeben hatte.
Roter, Edding kreuzte den vorderen linken Torso, wo die kleinere Kugel eingedrungen war. Wo die Silverbullet den Weg in den Schädel gesucht hatte, konnte erst von den Forensickern bestimmt werden.
Die Farbe des Weins hatte, einen Schatten bekommen. Doch dessen beruhigende Wirkung ließ die ewige Lüge der gemeißelten Grabinschrift, leichter ertragen.
Der Augenblick war ein graues Haus. Eine weißhaarige Frau, in schwarzer Trauerkleidung, mit einer Gehbehinderung, in Tränen ertrinkend, über den seit zwei Stunden verstorbenen Sohn.
Das Haus war vermietet gewesen, als er ihren Sohn kennen lernte. Damals wie heute, Etage für Etage, an Menschen die Miete bezahlten, ansonsten eher lästig waren. Das graue Haus musste mit den Einnahmen finanziert werden. Es war das Geburtshaus des Familienvaters, der das Haus mitsamt dem blonden lockigen Sohn und der weinenden Frau, Anfang der Sechziger verlassen hatte. Das war nun das allerletzte, was ihr nach dem Tod des geschiedenen Ehemannes und dem, ihm vor zwei Stunden gefolgten, gemeinsamen Sohn, an Gemeinsamkeiten geblieben war. Einsam in ihrem durch gesessenen Sessel, vor einer Freundin und dem besten Freund ihres letzten Lebensinhalts, trauernd, rang sie nach Lebenssinn.
In dem grauen Wohnzimmer, des grauen Hauses, kreiste ein orange gelber Schmetterling.
Er sah aus wie die Falter auf den Zuordnungskarten der Intelligenztests, die Anfangs der Sechziger, in diesem Zimmer der Erziehungsberatungsstelle, den Probanden vorgelegt wurden. Dort war entschieden worden, über die erzieherischen Weichenstellungen von Achtjährigen. Die ratlosen Eltern erhofften sich die entscheidenden, Entscheidungen von einer kompetenten Stelle, um sich später keine Vorwürfe machen zu müssen, wenn etwas schief ging, im Leben ihrer Schutzbefohlenen. Welche weiterführende Schule besucht werden sollte, war da eher die am treffsichersten, auszuräumende Unsicherheit. Wer wollte schon verantworten, wenn die Tendenz zur Aggression, eine latente Lustlosigkeit zum Lernen oder Hyperaktivität, nicht rechtzeitig erkannt wurden? Solange noch Einflussnahme möglich war sollte die formbare Seele noch geschmiedet werden.
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