„Ich habe noch einen wichtigen Termin, den ich fast vergessen hätte“, erwiderte Julia verlegen. Sie küsste Karla auf beide Wangen und verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken in Richtung der beiden Männer. „Nicht böse sein“, rief sie und war weg, bevor Karla sie zur Tür begleiten konnte.
„Na, so was“, murmelte diese und nahm wieder in ihrem Sessel Platz. Kurz darauf verabschiedeten sich auch Sven und Phil und fuhren zurück zum Dezernat.
Paul Kowalski hielt seine blutverschmierten Hände unter das laufende Wasser und überlegte angestrengt. Er hatte Mist gebaut und musste einen Weg finden, um da wieder rauszukommen. Er nahm die Nagelbürste und begann seine Finger zu schrubben.
Nicht zu fassen! Da gibt dieses blöde Stück doch tatsächlich im spannendsten Moment den Geist auf! „Verdammter Mist! Und was mach ich jetzt mit der Leiche?“, knurrte Kowalski. „Eine Scheißidee war das, die Kleine hier zu bumsen.“
Bisher hatte er seine perversen Spiele immer außer Haus getrieben. Er kannte genügend Plätze, an denen er ungestört war. Aber heute hatte ihn die Gier so plötzlich übermannt, dass er nicht mehr hatte klar denken können. Die Gelegenheit war derart günstig gewesen, dass er sich einfach nicht mehr in der Gewalt gehabt hatte.
Klingelt das kleine Miststück doch an seiner Tür für ´ne Meinungsumfrage. Meinungsumfrage! So ein hirnverbrannter Blödsinn! Aber die Süße war toll gewesen. Höchstens achtzehn; tolle Titten; lange Beine unterm knappen Minirock. Einfach geil!
Natürlich hatte er sich nicht anmerken lassen, wie scharf er auf sie war. Mit dem Versprechen ihre Fragen zu beantworten, hatte er sie in die Wohnung gelockt; und dann war es einfach gewesen.
Ein Schlag auf den Kopf; Ohnmacht, fesseln und dann Spaß. Riesenspaß! Obwohl sie sich zuerst geziert hatte. Aber das hatte er ihr schnell ausgetrieben. Und dann hatte er es ihr gezeigt! Kichernd drehte er den Wasserhahn zu. In Wirklichkeit fanden die Weiber das Bumsen doch genau so toll. Nur dass er es zugab und seine Triebe auslebte. Aber die Weiber zierten sich. Dabei war mit den Schlampen überhaupt nichts mehr los. Keine Moral und kein Schamgefühl hatten die, war´n strohdumm und geldgierig. Das sah man doch an den Titelbildern und jeden Tag im Fernsehen. Ständig nur nacktes Fleisch und dann wurden die Männer auch noch dafür bestraft, wenn sie sich aus dem großzügigen Angebot bedienten, das ihnen geradezu aufgedrängt wurde.
Da rannten diese Schlampen fast ohne Klamotten herum und wunderten sich, wenn die Männer aktiv wurden und sich nahm´, was sie kriegen konnten. Die Weiber war´n doch einfach nich´ ganz dicht.
„Nich´ die Männer müssen bestraft wer´n, sondern das geile Weiberpack, das uns dauernd anmacht“, knurrte er böse. Warum die Puppe nebenan wohl so plötzlich den Löffel abgegeben hat? Vielleicht ´ne Herzsache? Oder ob der Knebel zu fest gesessen hat? Mann, war das ´n Schreck, als er plötzlich merkte, dass sie abgekratzt war.
Fast wie neulich mit der Tussi. Da hatte er auch für´n Moment geglaubt, die hätte sich ins Jenseits abgesetzt, als sie plötzlich wie erstarrt und so eiskalt, als wäre sie schon ´ne Weile tot, unter ihm gelegen hatte. Aber das war kein Problem gewesen. Die hatte er einfach abtransportiert und danach war er abgehau´n.
Aber die Kleine im Schlafzimmer, die war ein Problem. Da stellte sich echt die Frage: Wohin mit der Leiche und wie? Am besten schaff ich sie nachts weg, überlegte er. Wenn ich sie fest zusammenschnüre, müsste sie eigentlich in den klein´ Teppich passen.
Scheppernd schlug die Klingel an und riss ihn abrupt aus seinen Überlegungen. „Wer is´n das?“, murmelte Kowalski erschrocken und schlüpfte in seine Jeans. Hastig streifte er ein schmuddeliges T-Shirt über, schlich barfuß zur Wohnungstür. Durch den Spion beäugte er die beiden Männer. Er kannte sie nicht, also würde er einfach nicht öffnen. Er drehte sich auf dem Absatz herum und wollte zum Badezimmer zurückgehen, als er wie vom Donner gerührt stehen blieb.
„Herr Kowalski, wir sind von der Polizei. Bitte öffnen Sie. Wir wissen, dass Sie zu Hause sind“, verlangte eine energische Männerstimme.
„So´n Mist! Die Bull´n! Und ich hab ´ne Leiche im Schlafzimmer“, keuchte Kowalski entsetzt. Was sollte er tun, verdammt noch mal?! Und dann hatte er es.
„Moment, ich muss mir nur schnell was überzieh´n“, rief er auf nackten Sohlen zum Schlafzimmer eilend. Hastig warf er die schmuddelige Bettdecke über das tote Mädchen. Er unterdrückte seine Panik, atmete tief durch, ging zurück zur Haustür und legte die Sicherheitskette vor. Erst dann öffnete er. „Was gibt´s? Was woll´n Sie von mir?“, knurrte er unfreundlich durch den Spalt.
„Ich bin Kommissar Sörensen und das ist mein Kollege Inspektor Thomsen. Wir sind von der Mordkommission. Dürfen wir hereinkommen? Wir haben Ihnen eine Mitteilung zu machen“, sagte der Blonde namens Sörensen.
„Wenn´s unbedingt sein muss“, maulte Kowalski und löste die Sicherheitskette. „Aber ich hab nich´ viel Zeit.“
„Wir haben nur ein paar Fragen“, sagte Phil und trat in den Flur. Was ist das bloß für ein unangenehmer Geruch? dachte er angewidert und sah sich unauffällig um.
Paul Kowalskis Wohnung war so ungepflegt wie er selbst. Überall lag etwas herum, und in einer Ecke des schlampigen Wohnzimmers stapelten sich Bier- und Schnapsflaschen. Phil räumte einen Stapel übelster Pornohefte beiseite und setzte sich auf die äußerste Kante des fleckigen Sofas. Sven nahm neben ihm Platz. Kowalski ließ sich ihnen gegenüber in einen altersschwachen Sessel fallen und musterte sie unfreundlich. „Also, was woll´n Sie von mir?“, knurrte er gereizt.
Sven sah ihn an und konnte es kaum glauben. Dieses verkommene Subjekt sollte der Bruder seines besten Freundes sein? Zwar war die Ähnlichkeit verblüffend, aber alles Übrige...! Freds Gesicht war markant, während sein Bruders schwammig und verlebt aussah. Fred war kultiviert und gepflegt, war sehr belesen und hatte regelmäßig Sport getrieben.
Und dem gegenüber Paul Kowalski!
Von Kopf bis Fuß ungepflegt. Das Gesicht von vielfältigen Lastern gezeichnet. Absolut primitiv und ungebildet. Aber gefährlich! Das signalisierte sein unsteter, verschlagener Blick.
„Na, gefällt Ihnen was Sie seh´n?“, riss ihn Kowalskis spöttische Stimme aus seiner Betrachtung.
„Nein, absolut nicht. Aber es muss mir ja auch nicht gefallen“, erwiderte Sven kühl.
„Auch gut“, knurrte Kowalski aggressiv. „Also, was woll´n Sie?“
„Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Bruder getötet wurde“, sagte Sven leise.
Paul Kowalski starrte ihn ungläubig an. Es dauerte eine ganze Weile, bis diese Information zu seinen schwerfälligen Gehirnzellen durchgedrungen war. Aber als es endlich soweit war, fing er schallend an zu lachen. „Ich lach mich tot!“, brüllte er, sich vergnügt auf die feisten Schenkel schlagend. „Mein Bruder, der heilige Antonius der Ehrbaren, wurde ermordet! Wenn das nich´ der Witz des Tages is´, dann weiß ich nich´! Das is´ doch nich´ zu fassen, das halt ich nich´ aus!“, keuchte er.
„Ich habe nicht gesagt, dass Ihr Bruder ermordet wurde. Wie kommen Sie darauf?“, fragte Sven mit vor Abneigung vibrierender Stimme.
Paul Kowalski wischte sich mit einem dreckigen Lappen die Lachtränen aus dem Gesicht. „Na, Sie sind vielleicht ´n Schlauberger“, sagte er spöttisch. „Wenn die Mordkommission plötzlich bei mir auftaucht wird´s ja wohl um ´n Mord geh´n und nich´ um ´nen kleinen Ladendiebstahl, oder?“
„Wissen Sie, ob Ihr Bruder Feinde hatte?“, fragte Phil, ohne auf Kowalskis Ironie einzugehen.
„Ne, woher soll denn ich das wissen. Der Herr Saubermann wollte mit mir doch nichts zu tun ha´m. Ich war ihm nich´ fein genug. Aber einen Feind muss er ja wohl gehabt ha´m, sonst wär´ er ja wohl nich´ ausgeknipst worden. Wie is´ er denn überhaupt umgebracht worden, Inspektor?“, fragte Kowalski neugierig, jedoch ohne jegliche Anteilnahme.
Читать дальше