Jetzt wurde der Kerl auch noch frech! „Verlassen Sie sofort meine Wohnung“, verlangte Fred empört über den unverschämten Ton seines Besuchers.
„Ich denke nicht daran“, erwiderte dieser frech.
Fred musterte ihn fassungslos. Das durfte doch nicht wahr sein! Er setzte zu einer gepfefferten Antwort an, brachte jedoch keine Silbe hervor. Seine Mundhöhle verwandelte sich von einer Sekunde auf die andere in kochend heiße Lava, die sich brennend in seinen Rachen ergoss, ihm den Schweiß aus sämtlichen Poren trieb und seinen bräunlichen Teint grünlich verfärbte.
„Ist Ihnen nicht gut?“, drang die Stimme seines Besuchers so dumpf wie durch eine dichte Nebelwand an sein Ohr.
„Mir ist plötzlich so übel“, murmelte Fred unter einem, bis ins Mark gehenden, Kälteschauer erbebend. Er riss sich zusammen und starrte den Mann aus blutunterlaufenen Augen an. „W...was wo ...“. Eine plötzliche Hitzewelle nahm ihm den Atem. Stechende Schmerzen tobten durch seine Gedärme. Sein schweißüberströmtes Gesicht verzog sich gequält.
„Was ist nur plötzlich mit mir los?“, flüsterte er mit verzerrtem Gesicht. Er hatte Mühe beim Atmen. Unerträgliche Kälteschauer vertrieben die Hitze, breiteten sich in seinem Körper aus und kristallisierten die Schweißperlen auf seinem Gesicht. „W...wer si...sind Sie?“, stammelte er unter Qualen. Sein Besucher starrte ihn an. „Bitte, helfen Sie mir“, keuchte Fred. Er versuchte aufzustehen, doch seine kraftlosen Beine trugen ihn nicht. Er stürzte, schlug schwer auf dem Boden auf und blieb zusammengekrümmt liegen. Mein Gott! Ich sterbe, schoss es ihm durch den Kopf.
Ein Stuhl wurde zurückgeschoben. Schritte näherten sich. Kurz darauf ragte der unheimliche Fremde wie ein Rachegott über ihm empor und starrte aus funkelnden Augen auf ihn und sein Elend herab.
Fred sah stöhnend in das mitleidlose Gesicht über sich. Bittend hob er die Hände. „Helfen Sie mir“, flehte er unter einer neuerlichen Schmerz- und Kältewelle erbebend.
„Helfen?! Ausgerechnet dir soll ich helfen?“, stieß der Mann hasserfüllt hervor. „Von wegen! Ich werde sie rächen, du verdammter Mistkerl!“, keifte er mit sich überschlagender Stimme. „Na, fällt endlich der Groschen?“
„Wer – wer ...?“, stöhnte Fred. Doch ein entsetzlicher Krampf in seinen Eingeweiden verhinderte jedes weitere Wort.
„Wer, wer“, äffte ihn sein herzloser Besucher nach. „Du weißt, weshalb ich gekommen bin. Ich sagte doch: Ich werde sie rächen“, zischte er. „Du fragst dich wie? Na, wie wohl!“
„Du stirbst!
Du stirbst hier und jetzt, und ich werde deinen Todeskampf bis zur letzten Sekunde genießen.“
„Wo...wovon reden Sie?“, presste der todgeweihte Mann mit letzter Kraft hervor. Gift! Der Kaffee! schoss es ihm blitzartig durch den Kopf. Er hat mich vergiftet. Und er hat Recht! Ich sterbe wirklich. Mit allen Fasern seines Körpers spürte er das Absterben seiner Glieder; und das grauenhafte Kältegefühl war kaum noch zu ertragen. Seine Atmung verlangsamte sich von Sekunde zu Sekunde. Er spürte den nahenden Tod.
Aber ... W A R U M ?!
Wieso sprach der Mann von Rache? Rache wofür? Und woher sollte er ihn kennen? War der Fremde verrückt?
Dieser ragte noch immer über ihm auf und starrte hasserfüllt auf sein Opfer herab. „Sieh her“, knurrte er und nahm die große Sonnenbrille ab. Vorsichtig rieb er sich mit einem Taschentuch die Schminke ab.
Fred starrte in das Gesicht. Er kannte es, aber woher? Und obwohl dem Tod bereits so nah, arbeitete sein Polizistengehirn noch immer tadellos. Er sah den kaum verheilten tiefen Riss über der Augenbraue und die im Abklingen begriffenen Blutergüsse, registrierte die blauvioletten Flecken auf den Wangen ebenso wie die lange, kaum verheilte Narbe am linken Nasenflügel. Schlimme Verletzungen von brutaler Menschenhand, erkannte Fred. Nur, was hatte das mit ihm zu tun?!
Er versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein unverständliches Krächzen hervor. Dafür begann sein mitleidloser Besucher zu reden. Doch vorher erhielt Fred einen Tritt in die Rippen, den er jedoch schon nicht mehr spürte. Er sah ihn zwar kommen , doch der Schmerz blieb aus; seine Gliedmaßen waren bereits abgestorben.
Was für ein Gift hat mir der Verrückte verabreicht, überlegte er. Strychnin? Blausäure? Nein, Blausäure nicht; den Geruch hätte ich bemerkt. Also Strychnin? Nein, auch nicht. Die Symptome sind anders, und der Tod stellt sich schneller ein. Aber schließlich war das für ihn nicht mehr wichtig. Er starb so oder so. Was sagte der Mann gerade?
„... und ich dachte noch: Geh zur Polizei. Schalte die Polizei ein. Ausgerechnet die Polizei ! Du Perversling bist doch die Polizei! Mein Gott! Wie ich dich hasse!“, keuchte der Unbekannte und versetzte Fred noch einen Tritt. „Weißt du jetzt, weshalb ich gekommen bin?“, zischte er.
„Nei...ein“, stöhnte Fred.
„Aber jetzt?“, keuchte der Mann und riss sich den Schlapphut vom Kopf.
„Wa...as? Wie...wieso?!“, stöhnte Fred.
„Na? Begreifst du jetzt?“
Fred versuchte zu sprechen, zu fragen, zu erklären, brachte jedoch nur ein einziges Wort hervor:
„VERWECHSLUNG“
Sein Mörder starrte ihn an.
„VERWECHSLUNG!“, keuchte Fred entsetzt. Und in einer letzten Erkenntnis, bereits auf den Stufen ins Jenseits, schoss ihm ein Name durch den Kopf:
PAUL! Mein Gott! PAUL!
Sein durchtrainierter Körper bäumte sich auf. Ein letztes, gequältes Stöhnen. Dann Stille.
Es war vorbei. Fred Kowalski war tot.
Minutenlang starrte der Mörder auf den Toten zu seinen Füßen. Endlich hatte er sich gerächt! Drei Tage lang hatte er Fred Kowalski beobachtet und verfolgt; hatte nach einer Chance gesucht es ihm heimzuzahlen. Und es war ihm gelungen!
Er starrte auf den Leichnam und ... fühlte nichts. Wo blieb der Triumph dieses Monster bestraft zu haben? Wo, das euphorische Gefühl der Genugtuung? Nur Leere. Absolute Leere.
„Er hat den Tod verdient!“, rief der Mörder in die Stille des Raumes und zuckte vor dem Klang seiner eigenen Stimme erschrocken zurück. Hastig stülpte er sich den Hut über den Kopf und zog ihn tief ins Gesicht. Jetzt noch die Sonnenbrille! Er musste hier raus! Plötzlich bekam er keine Luft mehr. Die Stille des Raumes drohte ihn zu erdrücken. Er hastete aus dem Zimmer und öffnete vorsichtig die Wohnungstür. Er lauschte. Nichts! Im Treppenhaus hielt sich niemand auf. Geräuschlos zog er die Tür hinter sich zu und eilte die Treppe hinunter. Aufatmend trat er in den hellen Tag hinaus. Mit ruhigen Schritten ging er davon.
Kommissar Sven Sörensen starrte auf den vor ihm liegenden Bericht des Gerichtsmediziners. Das konnte doch nicht wahr sein! Wer sollte seinem Partner etwas so Entsetzliches antun? Und doch wurde da in nüchternen Worten der grausame Todeskampf seines besten Freundes beschrieben:
Fred war durch Aconitin , dem Hauptalkaloid des “ Aconitum napellus – auf Deutsch : „Blauer Eisenhut “ – aus der Familie der Hahnenfußgewächse, Ranunculaceae , getötet worden. „Eine äußerst seltene Tötungsart“, hatte der Polizeiarzt gesagt.
„Wie schnell wirkt das Gift?“, hatte er gefragt.
„Schnell. Sehr schnell“, war die Antwort des Mediziners gewesen.
Auf die Frage, ob Fred hatte leiden müssen, hatte ihn der Arzt stumm angesehen und nach einer Weile leise gefragt: „Sind Sie sicher, dass Sie das wirklich wissen möchten? Er war doch Ihr Freund, oder?“
„Ja, Doktor. Er war mein bester Freund und gerade deshalb muss ich es wissen. Ich muss alles wissen, und sei es noch so fürchterlich, nur dann kann ich seinen Mörder finden.“
„Also gut. Dann also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, hatte der Arzt geseufzt. „Ja, er hat gelitten. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aconitin verursacht bereits wenige Minuten nach der Aufnahme folgende Symptome: Starkes Brennen im Mundbereich; Schweißausbrüche und Frösteln; dann Übelkeit, Erbrechen verbunden mit unerträglichem Kältegefühl. In der Endphase sterben die Gliedmaßen ab, die Atmung verlangsamt sich und nach etwa zwanzig Minuten tritt der Tod ein“, dozierte der Arzt, wobei er Svens entsetzten Blick mied.
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