Bei uns haben sie doch wirklich alles geraubt: Bettwäsche, Kissen, Bettdecken, Kleidung und die Möbel. Ich habe es nie vergessen, was ich damals als ganz kleines Kind gesehen habe. Ein total besoffener Soldat riss meiner Großmutter ein goldenes Armband vom Arm ab. Das wunderschöne, aus einem goldenen Birkenholz gemachte Schlafzimmer meiner Eltern, haben sie auf die Strasse raus geschleppt, zerhackt und im Feuer, an dem sie sich gewärmt und Wodka gesoffen haben, verbrannt. Solche Szenen haben sich ganz tief in mein Gedächtnis eingegraben. Wie sollte die Psyche eines Kindes das alles jemals verarbeiten? Diese Bilder wurde ich nie los. .
Wie sollte jetzt der neuerstandene, so riesige Staat existieren?
Ohne die Spezialisten war es nicht möglich die Industrie und Krankenhäuser wieder instand zu bringen. Es hatte eine neue Realität begonnen: Terror! Horror!!! Und so, zum Beispiel,
wurde in einer Fabrik ein Matros (auf Russisch bedeutet das den niedrigsten Matrosen) zum Direktor gemacht. Von der Produktion hatte er selbstverständlich nicht die geringste Ahnung, aber dafür die riesig großen Fäuste und einen Nagan (eine Pistole).
Als sein Stellvertreter wurde ein richtiger Ingenieur, einer von
denen, die Dank einem Wunder überlebt hatten, engagiert.
So ein Matros rief diesen unglückseligen Ingenieur zu sich,
haute mit der Faust auf den Tisch, wirbelte mit dem Nagan herum und befahl, fürchterlich schreiend, einen Termin der Fertigstellung der Produktion. Bei den Erklärungen des Ingenieurs, dass es nicht möglich sei, weil es an Maschinen und Materialien fehlte, reagierte er mit noch größeren Wutausbrüchen und wollte nichts davon hören.
Der arme Ingenieur versuchte verzweifelt alles, aber, wenn er trotzdem den unmenschlichen Befehl nicht ausführen konnte, bezahlte er es immer mit seinem Leben als Saboteur und als Feind der Sowjetischen Macht.
Obwohl meine Großmutter die größte Zeit ihres Lebens mit dem Nichtstun verbrachte, pflegte sie immer zu sagen, dass ein wirklich intelligenter Mensch sich immer den neuen Umständen anpassen können muss, nicht auf Manna vom Himmel oder auf ein Erbarmen warten. Und sie hat sich wirklich angepasst!
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, ging sie zu einem Schuster und fing an bei ihm zu lernen. Sie begann Damenschuhe mit eisernen Nägeln zu machen. Bald jedoch musste sie feststellen, dass diese Arbeit für eine Frau viel zu schwer ist. Sie fing also an Damenkleider zu schneidern. Die Entwürfe und die Schnitte machte sie selbst nach ihren eigenen Ideen. Das gelang ihr ganz gut.
Nie wünschte sie sich jedoch, eine Schneiderin genannt zu werden, weil sie in Wirklichkeit auch keine war. Sie war immer die Dame, die schneidert. Manchmal, wenn jemand ein Paket vom Ausland bekam, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen und kaufte einen Flakon mit dem französischen Parfüm, sogar anstelle von Brot!
In ihrer Familie war sie nicht die Einzige, die sich den neuen Umständen anpassen konnte. Ihr Bruder, ein studierter Agronom, bewirtschaftete das, seit Generationen sich im Besitz ihrer Familie befindende, riesig große Landgut in Wolyn. Nach der Revolution wurde ihm selbstverständlich der ganze Grund und Boden weggenommen.
Ganz gnädig hat man ihm nur das Haus und den daneben liegenden Garten überlassen. Ich verbrachte dort sehr gerne die Sommerferien.
Die Bolschewiken requirierten bald jedoch das Haus und den Garten, teilten der Familie aber nur ein sehr kleines Grundstück hinter dem Garten zu. Mein Großonkel, zusammen mit seinen zwei Söhnen, baute auf diesem winzigen Platz ein kleines Häuschen.
Zwei Zimmer und eine Küche haben sie fertiggestellt, andere zwei Zimmer eigneten sich aber nur im Sommer zur Benutzung.
Leider gab es dort keine sanitären Einrichtungen. Neben dem Häuschen befand sich ein Brunnen, aus dem man das
Wasser schöpfte. Das Klo befand sich in einem Holzhäuschen, an dessen Tür ein Herzchen herausgeschnitten war. Waschen musste man sich in der Küche in einer sehr großen Schüssel.
Die Küche war auch ziemlich groß. Im Sommer war das Waschen ganz unproblematisch, denn nicht weit von dem Häuschen floss ein Fluss, der Horyn hieß. Die Seife hat mein Großonkel selber gemacht. Nur in Kiew konnte man sie im Geschäft kaufen, aber es gab damals noch kein Waschpulver.
Die Wäsche hat meine Großtante mit einer Holzasche gekocht, danach wurde sie in dem Fluss gespült, in der Sonne getrocknet, und danach war sie schneeweiß.
Neben dem Häuschen hat mein Großonkel begonnen Bienen zu züchten. Am Anfang hatte er nur ein paar Bienenkörbe, aber schon bald, dank seiner schweren Arbeit und seinem Fleiß, kam er auf 270 Stück. Er selbst fertigte die Fässer an, in denen er den Honig dem Staat verkaufte. Die Bauern in der Gegend haben ihn sehr geschätzt. Sie wussten, dass jeder zu ihm kommen und um Rat bitten durfte. Es hat der Sowjetischen Macht nicht gefallen, dass der ehemalige Großgrundbesitzer, mit weißen Händen, jetzt nicht zu einem Bettler wurde, dass er nicht an einem Hungertuch nagte sondern sich zu helfen wusste. Obwohl der Staat von ihm, als Lieferanten sehr großer Mengen eines köstlichen Honigs, Nutzen hatte, beschlossen die Bolschewiken ihn zu vernichten. Den Bienenstand hat man ihm weggenommen, und mein Großonkel mit seiner Frau, zwei ältere Menschen, wurden ins Unbekannte weggebracht.
Die Bauern haben an die Regierung ein Schreiben geschickt, in dem sie um eine Erlaubnis für die Rückkehr der alten Leute baten. Das Ergebnis war nicht minder schrecklich. Diejenigen, die die Unterschriften unter dem Schreiben gesammelt hatten, wurden verhaftet und zu Lager in Sibirien verurteilt.
Die sowjetische Macht wusste immer sehr gut, was zu tun war!
Wolyn (die Gegend in der Ukraine) war immer wunderschön, die Erde war dort sehr fruchtbar, alles wuchs und gedieh sehr gut. Im Sommer verschwanden die Dörfer unter dem Grün und den Obstgärten. Die Zeit, die ich dort in den Ferien verbrachte, war für mich die glücklichste. In Kiew wurde ich in der Schule oft von den Kindern wegen meiner deutschen Mutter gehänselt und auch beschimpft. Am schlimmsten war es, wenn ich aus Versehen ein deutsches Wort benutzt habe. Dann kannten sie keine Gnade, und als Strafe dafür wollte niemand mit mir spielen. Es gab einen Jungen, der mich immer verteidigte und sich sogar deswegen mit den anderen Jungen schlug. Ich hätte ihm gerne gedankt und wusste nicht wie, also küsste ich ihn einmal flüchtig auf die Wange. Ich denke, er war zufrieden. Er war größer und stärker als seine Kollegen, und sie hatten Angst vor ihm. Einmal brachte er mir etwas, das sah aus wie ein Stück verbrannter Zucker. Wir lutschten diese Köstlichkeit, und ich spürte, dass ich in ihm einen guten Freund hatte.
In Wolyn wusste niemand, dass ich eine Halbdeutsche war, und ich wurde als die Großenkelin, von meinen allseits verehrten Großtante und Großonkel, respektiert. Ich mochte sehr gerne mit meinem Großonkel Fische fangen. Wir fuhren in der Nacht in einem Boot. Man benutzte eine speziell konstruierte Petroleumlampe, die sich in einem Korb befand, der an einem langen Stock befestigt war. In dem Fluss Horyn war das Wasser kristallklar.
Wenn man mit der Lampe die Oberfläche des Wassers beleuchtete, dann konnte man den Boden in der Tiefe von mehreren Metern sehen und die im Wasser bewegungslos stehenden Fische.
Und die gab es wirklich in Unmengen. Es gab viele verschiede Arten von ihnen, aber am meisten gab es die riesig großen, dicken Hechte.
In der Nacht hat man die Fische mit einem Netzsack aus dem Fluss genommen. Von dem Licht der Lampe geblendet, ließen sie sich einfach fangen. Für mich war das ein großes Abenteuer.
Auf dem anderen Ufer des Flusses Horyn lag ein Städtchen Kornica.
Die meisten Einwohner dort waren Juden, und jeder von ihnen besaß irgendein Verkaufslädchen oder einen Stand.
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