Der Brief ließ mir merkwürdiger Weise keine Ruhe und so bat ich meinen Vertreter Jean, den Sous Chef, mich kurz zu entschuldigen, damit ich das Schriftstück öffnen und lesen konnte. Ich öffnete den Brief und wusste erst nicht so recht, was ich mit diesem Schreiben anfangen sollte. Es war der Briefkopf einer bekannten spanischen Klinik für Krebsvorsorge. Was sollte ich damit? Nun gut dachte ich, wenn sie mich schon anschreiben, dann hat das wohl seinen Grund. Mein Spanisch war um einiges besser geworden und das nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Eva sich meiner angenommen hat. Sie hat immer darauf bestanden, dass ich so viel wie möglich Spanisch spreche, denn es sei unhöflich und nicht akzeptabel, dass man in einem Land arbeite und nicht gewillt sei, die Sprache dieses Landes zu beherrschen. Ich befolgte ihren Rat und habe es auch nie bereut.
Nach der üblichen Anredefloskel, in der sich mir ein Doktor med. Namens Rodriguez vorstellt, stand da nun, dass er mir mit Bedauern mitteilen müsse, dass meine Lebensgefährtin, Eva Paniaqua, am Freitagmorgen, 12. Mai, an ihrem Krebsleiden verstorben sei.
Ich schrie, wie ich es noch niemals in meinem Leben vorher tat. Ich wollte nicht wahrhaben, was dort geschrieben stand. Dem Schrei folgte eine Leere und es gelang mir nicht, einen klaren Gedanken zu fassen oder einigermaßen logisch zu denken. Durch mein Schreien kam Jean rasch zu mir, der sich eben noch im Küchenbüro aufgehalten hat, um nach mir zu sehen. Er dachte wohl, dass ich mich verletzt habe und Hilfe brauche. Doch was er sah, war kein Unfall. Ich kniete auf dem Boden, den Kopf zwischen meinen Händen und weinte. Auf seine Frage, was geschehen sei, antwortete ich nicht, sondern hielt ihm den Brief hin. Jean, der natürlich durch seine enge Verbindung zu mir, von meiner Zuneigung zu Eva wusste, sagte beim Lesen des Briefes immer wieder Merde. Nachdem er den Brief zu Ende gelesen hat sagte er zu mir, dass ich wohl etwas übersehen habe, dass wohl nur für mich bestimmt sei. Er nahm mich in seine Arme und zog mich zu sich heran. Ich weiß nicht wie lange wir dort so verharrten. Ich wusste nur, dass ich nicht klar denken konnte.
Als ich dann später in meiner Wohnung war, nachdem ich mich von meiner Arbeit entschuldigen ließ, öffnete ich ein weiteres Briefcouvert, das ich zunächst übersehen hatte. Dieses Couvert befand sich ebenfalls in dem Anschreiben von Dr. Rodriguez.
Es war ein Brief von Eva, von jener Frau, die nun nie mehr bei mir sein wird. Sie schrieb, dass sie die Zeit mit mir als das gesehen habe, wozu sie auf dieser Welt gewesen sei. Das sie vom ersten Augenblick an, damals im Restaurant, sie sofort gewusst habe, dass ich ihre Bestimmung war. Nichts hätte sie davon abhalten können, mir alles von ihr, jede einzelne Facette ihres Wesens zu offenbaren. Sie hat jede Sekunde unseres Zusammenseins als ein dankbares Geschenk gesehen, welches sie doch eigentlich mit keiner Tat in ihrem Leben verdient gehabt hätte. Die Momente, an denen sie mich nicht an ihrem Leben hat teilnehmen lassen, seien die Reisen nach Madrid zur Klinik gewesen und die kurzen Aufenthalte danach, wenn es ihr aufgrund der Medikamente, die sie nehmen musste so schlecht ging, dass sie es mir nicht zumuten wollte, sie in einem so schlechten Zustand zu sehen. Sie sagte dann immer, dass sie bei einer Freundin oder ihren Eltern gewesen sei, was jedoch leider nicht stimmte. Meistens habe sie sich in einem Hotel für zwei oder drei Tage eingebucht und mich in dem Glauben gelassen, sie würde sich amüsieren. Dies wäre ihr leichter gefallen, als mir die Wahrheit zu sagen, die sie selbst nicht hätte akzeptieren können. Es ist ihr Wunsch, dass ich bei den Trauerfeierlichkeiten, die ihre Eltern für sie ausrichteten werden, nicht anwesend sein soll. So wie ich sie kannte, so soll ich sie in Erinnerung halten und nicht, wie sie die anderen sahen. Die Geschichten, die ihre Verwandten aus alten Zeiten zu ihrem Besten geben würden, seien ihre subjektiven Eindrücke, die sie auch für sich bewahren sollten und nicht das ändern sollte, wie ich sie kannte. Dies sei auch der Grund dafür, dass ich den Brief erst jetzt nach ihrer Beisetzung erhalte.
Der Brief endete mit den Worten: Mein schöner Mann, ich danke Dir für das Leben, dass ich durch Dich haben durfte. Ich werde, egal wo ich nun auch bin, immer bei Dir sein. Yes, I love you! Sie unterschrieb mit, Kuss Eva. Diese Frau, mit der ich nur dieses eine Jahr hatte; sie hat sich in meine Seele gebrannt, wie nie mehr jemand danach.
Die Stelle im Hotel Vier Jahreszeiten gab ich auf und suchte mir eine neue Wohnung in Barcelona. Zu sehr waren das Hotel und meine alte Wohnung mit meinen Gedanken und meinem Leben mit Eva verbunden.
Jean war es, der mich eines Tages in meiner neuen Wohnung anrief und mich einlud, mit ihm am Abend einen Drink zu nehmen. Aus welchem Grund auch immer, ich sagte zu. Es war nicht einmal das Gefühl der Freude in mir, dass sich ein Ex-Kollege an mich erinnert und mich nicht ganz vergessen hat, als vielmehr die Tristesse der Tage, die mich veranlassten zuzusagen. Wir trafen uns um acht in dem Bistro, das genau neben dem Vier Jahreszeiten lag. Es ist ein halbes Jahr vergangen, sagte Jean. Ein halbes Jahr, in dem wir uns weder gesehen noch gesprochen haben oder sonst irgendwie in Kontakt getreten sind. Was ich so lange gemacht habe, fragte er mich. Wie es mir ergangen sei und was ich nun beruflich ins Auge gefasst hätte. Es ging alles so schnell. Die Fragen von ihm, die Blicke, die Gesten. Erst in diesem Moment ist es mir bewusst geworden, dass ich nur noch ein Beobachter der Welt war, die rings um mich herum einfach nur existierte. Was sollte ich ihm sagen? Wie es wirklich um mich stand? Dieses belanglose Gerede, das mir immer zuwider war? Ich schaute ihn an und hoffte, dass er einfach weiterreden würde, nur um mich ihm gegenüber zu entziehen. Es war fast beschämend, mich dessen zu entziehen. Nach einer Weile schaute er mich an und sein sonst immer so freundliches Lächeln verzog sich erst zu einem fragenden Gesicht und dann zu einer einzigen Sorgenfalte, die nicht nur seine Stirn bedeckte. Hey mein Freund, so schlimm, immer noch, nach nun fast einem halben Jahr? Ja, antwortete ich ihm, der Schmerz geht nicht fort. Nur wer sich dazu entschieden hat einen Traum zu leben, der muss auch damit leben können, aufzuwachen. Doch ich habe es vorgezogen, nicht mehr wach zu werden. Zu sehr schmerzt die Einsamkeit, das Hoffen, jemanden wieder um sich zu haben, der nie wieder da sein wird.
Alter Freund, was ist dir genommen worden, entgegnete Jean mit immer noch demselben sorgenvollen Gesicht, dessen Ausdruck sich in der letzten Minute nicht geändert hat. Was kann ich tun, wie kann ich für dich da sein? Derjenige, der auch immer meinen Arsch gerettet hat, fragte er. Du warst es, der damals seine schützende Hand über mich gehalten hat und mir jeden Ärger, sei er auch noch so gerechtfertigt, vom Hals gehalten hat. Ja, wie oft habe ich Jean aus den Fängen des Hotelchefs geholt, wenn er mal wieder die Nacht zum Tage gemacht hat und erst zwei Stunden vor Dienstschluss zur Arbeit erschienen ist. Oder wie er mit der neuen Freundin des Werbeleiters, er im Übrigen ein Arsch war, in einer nun wirklich delikaten Situation erwischt wurde. Kurzum, er hat sie in seiner Dienstzeit im Büro des Werbeleiters gevögelt. Das hat echt Probleme nach sich gezogen, vor allem für diesen Werbeleiter Namens de Chateau oder so ähnlich, denn er musste letztendlich seinen Platz räumen, da er von unserem Hotelleiter verlangte, dass entweder er oder Jean, der Sous Chef gehen müsse. Auf mein Drängen hin, hat der Hotelleiter sich dann für Jean und gegen den Bleistiftspitzer entschieden. Ich mochte ihn sowieso nicht. Seit dieser Zeit habe ich mit Jean einen Freund gehabt, der trotz dieser Eskapade nicht aufgehört hat, sich ständig in neue Nesseln zu setzen. Oft haben wir in der Küche zusammen gelacht, was er nun wieder angestellt hat. Er war ein Tausendsassa, der einfach nicht die Finger von Frauen lassen konnte. Frauen, die meist gebunden oder weit außerhalb des Möglichen für ihn standen. Er machte es möglich. Jean.
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