Wir gingen zurück zum Tapas Restaurant, um ein Taxi zu bestellen, das auch nach nicht allzu langer Wartezeit kam. So fuhren wir gemeinsam in meine Wohnung, die sich im Hotel Vier Jahreszeiten befand. Wir hatten die ganze Zeit, bis zu meinem Arbeitsbeginn in der Küche meiner Wohnung, Sex. Ich konnte nicht genug von dieser Frau bekommen, die wie ein Traum von einer Spanierin war. Später, als ich nach dem Ende meiner Küchenschicht in meine Wohnung kam, hoffte ich, sie sei noch da. In meinen Gedanken spürte und roch ich sie noch immer. Voller Hoffnung trat ich in meine Wohnung ein, aber sie war leer. Sooft ich auch durch alle Zimmer ging, sie war nicht da. Diese Frau, von der ich zwar ihr Wesen kannte, die Ansicht ihrer Zwänge und ihrer Weltanschauung, aber von der ich nicht einmal den vollen Namen wusste, geschweige denn, wer sie überhaupt war.
Es war kurz nach zwölf, mein Feierabend war gerade einmal eine halbe Stunde her, da klopfte es an meiner Zimmertür. Nicht schon wieder eine dieser nervigen Nachtbestellungen irgendwelcher betuchten Ölmagnaten aus Saudi Arabien, dachte ich bei mir und hoffte, dass es sich nur um eine Frage eines meiner Gesellen hinsichtlich des Ablaufs des morgigen Abendmenüs handelt. Ich ging zur Tür und öffnete sie. Eva, sagte ich überrascht. Noch ehe ich ihr ein Zeichen meiner Freude über ihr Erscheinen entgegen bringen konnte, reichte sie mir eine Tüte. Sie war warm und roch nach Friteusenfett. Na los, sagte sie, pack schon aus, ich hole den Rotwein, den du so schön spießig auf eine deiner Etageren gestellt hast. Ich öffnete die Tüte und es kamen gebackene Tintenfischringe zum Vorschein und eine kleine Dose mit Aioli. Wir setzten uns in meiner kleinen Behelfsküche auf den Tisch und aßen die Calamares und tranken Rotwein dazu. Rotwein, den ich seit Jahren mit mir herumschleppte und der mir immer zu schade erschien, als ihn einfach so zu trinken. Es war ein Chateau Mouton Rothschild aus dem Jahre 1976 und er passte genau zu diesem Augenblick und genau zu dieser Frau. Eva sagte, dass sie erst vor gut einer Stunde aufgestanden sei, Hunger gehabt habe und sich dachte, dass ich auch ein wenig gestärkt werden sollte, denn sie hätte nicht das geringste Interesse daran, mich in dieser Nacht schlafen zu lassen. Was war ich entzückt. Sie schien so unbeschwert, so selbstsüchtig durchs Leben zu gehen, egal was man von ihr dachte. Sie war sie, eigen, aber das Natürlichste, was ich bisher an Typ Frau je traf.
Die Nacht unterschied sich nur von anderen Nächten, dass ich noch mehr Schmerzen verspürte. Mir tat jeder Zentimeter meines Körpers, insbesondere meines Schwanzes unsagbar weh, doch trotzdem, ja genau deswegen, fickte ich sie weiter. Wir schliefen im Morgengrauen ein und als ich erwachte, war es drei Uhr am Nachmittag meines freien Tages. Eva stand vor meinem Bett und fragte mich, ob ich sie lieben würde. Spontan, ja, das war sie. Yes, sagte ich. Dieses „Yes“, das in unserer gesamten Beziehung das wichtigste Wort werden sollte. Es war das Einzige was zählt. Ich will mit dir leben, sagte sie.
Aufregend, ja das ist wohl das richtige Wort für unsere Beziehung gewesen. Aufregend war es jeden Tag. In der ersten Zeit in meiner kleinen Dienstwohnung lernte ich sie kennen, lernte ihre Eigenart schätzen und konnte es immer noch nicht recht einordnen, warum sie mich ständig aufs Neue faszinierte. Mal blieb sie eine Woche und mal war sie zwei Tage verschwunden. Als Tochter eines recht betuchten spanischen Geschäftsmannes brauchte sie sich um ihr Auskommen keine Gedanken zu machen. Da hatte mich mein erster Gedanke bei unserem Kennenlernen im Restaurant nicht getäuscht. Was ihre unbekümmerte Art anging, die hat sie nie abzulegen vermocht und ich hätte es auch nie gewollt. Sie war die Frau, die trotz ihrer Eigenarten, ihrer manchmal so verletzenden Ehrlichkeit, der Art wie sie die Wahrheit zu ihren Gunsten zu drehen vermochte, sie war die, die ich liebte. In der Zeit, in der sie nicht bei mir war, vermisste ich sie und es viel mir schwer ohne sie zu sein. Schon allein, wenn sie mir sagte, dass sie für ein paar Tage zu einer Freundin nach Madrid fuhr oder einen Kurztrip zu ihren Eltern nach Tarragona machte, sank meine Stimmung. Oft dachte ich darüber nach, was sie wohl in der Zeit ihrer Abwesenheit, die immer häufiger wurde, machte. Es gingen mir die seltsamsten Dinge durch den Kopf. Sexorgien, ein anderer Mann, was war es, das sie immer häufiger von mir flüchten ließ?
Eines Tages, ich weiß es noch genau, war mein letzter Arbeitstag vor unserem ersten gemeinsamen Urlaub und ich sprach sie darauf an. Wir hatten für die kommende Woche eine Zeit zu zweit geplant. Einfach nur leben und genießen und sie wollte mir „ihr“ Spanien zeigen. Sie antwortete mir in einer Art, die ich bisher nicht an ihr kannte. Sie wich mir aus und sagte, es sei halt so und das wäre ihr Naturell. An diesem Abend sagte sie mir, das etwas dazwischen gekommen sei, das sie nicht verschieben könnte und wir unsere geplante Fahrt nicht sofort in die Tat umsetzen können, sondern etwas verschieben müssten. Enttäuscht und ein wenig erbost darüber, dass mein erster Urlaub nun schier unnütz sei, zettelte ich einen dummen Streit an, indem ich ihr vorwarf, dass sie es vorziehen würde, ihre Zeit lieber mit anderen zu verbringen als mit mir. Es endete damit, dass ich auf dem Sofa schlief, sie im Bett und das ich das erste Mal in unserer nun fast einjährigen Beziehung bei ihr war, aber doch so fern.
Der Morgen kam und das Unvermeidliche auch. Sie zog sich an und kam zu mir in das Wohnzimmer, indem ich schon seit zwei Stunden saß und mir Essen zubereitet hatte. Ich schaute sie an und wollte mich für meine Vorwürfe am vorherigen Abend entschuldigen, als sie sich auf meinen Schoß setzte und mir mit ihrer Hand den Mund zuhielt. Es ist nur natürlich, dass du dir Fragen stellst, begann sie. Es würde mich treffen, wenn es nicht so wäre, aber es ist nichts von dem so, wie du es dir in deinen Phantasien ausgemalt hast. Niemals würde ich dir etwas antun, das dich verletzen würde, niemals würde ich dir wehtun wollen und was kann mir ein anderer Mann geben, das du mir nicht in jedem Augenblick unseres Zusammenlebens gibst? Ich war gerührt von den Worten, die sie mir entgegnete, doch ahnte ich, dass sie mir noch etwas sagen wollte, etwas, dass ich nicht gerne hören wollte. Sie entgegnete mir weiter, das ich der einzige Mann sei, der es vollbracht hätte, das sie sich stets geborgen gefühlt habe, geliebt um ihrer selbst willen, nicht wegen ihrem Äußeren. Der Mann, der ihre manchmal anstrengenden Eskapaden nicht verurteilt und sie immer mit offenen Armen aufgenommen habe, auch wenn sie manchmal über das Ziel hinausgeschossen ist.
Sie sagte, ich liebe dich, was auch immer sein wird. Nie werde ich anderes fühlen, wenn ich an dich denke. Tränen liefen mir über die Wangen und es war mir unangenehm, dass sie mich so schwach vor sich sah, so gerührt, so bangend der Dinge, die ich ahnte, die sie jedoch nicht sagte. Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das so sanft war, das es mich an die Abende erinnerte, als ich noch ein kleiner Junge war und mich meine Mutter zu Bett brachte. Dann stand Eva auf und ging aus der Wohnung.
Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Ich ahnte, dass etwas passieren würde, doch was es war wusste ich nicht, ich wollte es auch nicht.
Einundzwanzig Tage später, es war am Morgen als ich gerade mit meinem Sous Chef die Wochenbestellung durchging, passierte es. Lena, die neue Empfangsdame an unserer Rezeption kam zu uns in die Küche, um mir ein Schreiben zu überreichen, welches mit der heutigen Morgenpost angekommen sei. Es war ein Brief mit einem spanischen Absender. Wer sollte mir aus Spanien schreiben, dachte ich noch und legte ihn zunächst beiseite. Es erschien mir wichtiger, dass das Tagesgeschäft im Restaurant lief, denn dafür wurde ich schließlich bezahlt. Die schlechte Laune, die ich schon seit der Abreise von Eva an den Tag gelegt hatte, trug nicht sonderlich zur erfolgreichen Zubereitung der Speisen bei. Die Köche, ja sogar die Auszubildenden, machten schon einen Bogen um mich, wenn ich nur die Küche betrat. Dabei war ich doch immer so stolz darauf gewesen, dass unser Küchenteam ein Team von Kollegen war, die sich schätzten und mochten.
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