„Der Mensch weiß zu viel“, sagte das Wesen zischend, wobei seine Zunge gegen die Zähne schlug. Es war offensichtlich, dass er sich für gewöhnlich einer anderen Sprache bediente. „Ich kann mich darum kümmern.“
Toms Gedanken rasten. Ein Werwolf!
„Schon gut, Kuru“, sagte Griselbart und streckte einen Arm aus, wie um ihn zurückzuhalten. „Und du auch, Feydra. Wir werden das Problem aus der Welt schaffen.“
Die Elfe gab ihre Kriegerstellung auf und trat wieder ein paar Schritte zurück zu den anderen Wesen, dabei sah sie aus, als würde sie über das Gras tanzen.
Griselbart blickte die Jungen mit unnachgiebigen Augen an. „Tom und Peer wollen etwas von unserer Magie haben, sie leben in der verblendeten Vorstellung, dass sie Anspruch darauf haben. Also lasst uns ihnen etwas davon geben.“
Nicht nur ein Wesen zischte angriffslustig bei diesen Worten. Der weiße Hirsch machte eine Bewegung, als wollte er dazwischengehen, doch er besann sich.
„Wir werden die Kobolde opfern, sie sind am wenigsten wert, Thalíng und Kuru, ihr übernehmt die Schlachtung.“
Tom meinte, er müsste sich verhört haben. Die Kobolde brachen in aufgebrachtes Quietschen aus, doch ehe sie etwas tun konnten, wurden sie von dem dunklen Elf und dem Werwolf gepackt. Mit ausgebreiteten Pfoten platzierte man sie vor dem Halbkreis der Zuschauer und ignorierte ihr verzweifeltes Strampeln. Der Wolf bohrte seine Krallen in den Oberarm des Kobolds, der ein Wimmern von sich gab. Der Elf zückte einen Zauberstab und hielt ihn dem Kobold vor die Brust. Es war der mit dem grünen Licht über dem Herzen.
„Wartet“, sagte Tom langsam. Wenn sie wirklich das vorhatten, was er glaubte …
Griselbart ließ ihn nicht ausreden. „Natürlich werden wir unsere Magie einem Menschen geben, wenn er danach verlangt. Die Kobolde sind nicht würdig, sie zu besitzen.“
„Ich-“, sagte Tom.
„Das ist, was du dir wünschst.“ Griselbart nickte.
Der Elf schrie einen Zauberspruch, lila Licht blitzte auf; der Kobold quietschte, dann sank er in sich zusammen, die Glieder erschlafft.
„NEIN!“, schrien Tom und Peer gleichzeitig. Sie warteten darauf, dass der Kobold aufsprang und kicherte, einen Scherz mit ihnen trieb, aber die vollkommene Bewegungslosigkeit, in der er verharrte, weder ein Lid, noch ein Muskel zuckten, konnte nicht gespielt sein. Das grüne Licht über seinem Herzen war verloschen.
„Und jetzt der andere!“, befahl Griselbart.
Der Elf wandte sich dem wimmernden, übrig gebliebenen Kobold zu und packte ihn an der Schulter, um ihn in eine stehende Position zu hieven. Er richtete seinen Zauberstab auf das rote Licht.
Tom hatte genug gesehen. Die Starre, die seine Glieder überfallen hatte, löste sich. Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte über die Veranda in Griselbarts Haus, so schnell er konnte. Verschwommen nahm er zu seiner rechten war, wie der weiße Hirsch einen zögerlichen Schritt auf ihn zu machte, aber der Junge rannte nur noch schneller. Er drehte sich noch einmal um, um zu sehen, ob Peer ihm folgte. Hinter ihm im Gras lag der tote Kobold, der zweite, den er in zwei Tagen zu Gesicht bekam.
„Dies ist die Straße der Magie, Tom!“, wehte Griselbarts Stimme hinter ihnen her. „Überlege, ob sie das ist, was du dir wünschst!“
Die beiden Jungen verließen das Haus, warfen sich einen wilden Blick zu, dann rannten sie ohne ein Wort des Abschieds in verschiedene Richtungen davon. Nach Charlie sah niemand, auf eine Verräterin konnte man getrost verzichten.
Das Erlebnis hatte gravierende Auswirkungen auf Toms Gesundheit. Sein Vater fand ihn gegen Morgengrauen in seinem Bett liegend und ein Blick in sein Gesicht genügte, um ihn in Alarmzustand zu versetzen. Das Funkeln, das er darin seit ein paar Tagen mit Wohlwollen beobachten hatte können, war verschwunden.
„Ich rufe die Schule an“, war sein erster Kommentar. „Du gehst heute nicht.“
Zuerst war Tom versucht, dem Befehl nachzugeben. Aber dann trat ihm ein Bild vor Augen, das Bild, wie Charlie sich mit Griselbart darüber lustig machte, dass er sich zuhause verkroch und Angst hatte, einem von ihm zu begegnen. Er würde es nicht auf sich sitzen lassen, ein Feigling genannt zu werden.
Er zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. „Ich hab nicht viel Schlaf bekommen“, sagte er. „Mir war zu heiß.“
„Tom, du siehst … schlimm aus“, sagte Reginald besorgt.
„Es ist nichts.“ Er stand auf, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Dann fiel ihm etwas ein. „Hey, Dad?“
„Ja?“
„Hatte meine Mutter gesundheitliche Probleme?“
„Deine Mutter?“
Tom wartete.
„Ähm ja, hatte sie. Genau das gleiche wie du. Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, Depressionen …“
„Ich hab keine Depressionen.“
„Natürlich nicht.“
Tom merkte, welch große Sorgen sein Vater sich um ihn machte und wie sehr er seine Mutter vermisste und fühlte sich schrecklich schuldig.
Doch er sagte nur: „Komm, fahren wir zur Schule.“
Sie stiegen in den roten, halb vermoderten Chevrolet Pickup, den Reginald sein Eigen nannte. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, fragte Tom ihn, ob die neueste Ausgabe von „Paranormaler Wissenschaft“ angekommen war, da er wusste, dass Reginald die Zeitschrift jeden Mittwoch beim Frühstück verschlang.
Bereitwillig erzählte Reginald, wie Chinchillas vor knapp fünf Jahrhunderten von einem anderen Planeten auf die Erde kamen - dafür gab es zahlreiche Beweise und Augenzeugenberichte - und Tom musste nichts weiter tun, als zu nicken und zuzustimmen. Er hörte nicht wirklich zu, er dachte an seine Mutter. Die Elfe hatte ihren Namen erwähnt und ihm damit einigen Stoff zum Nachdenken gegeben. Die Zauberwesen hatten Isabella gekannt. War sie eine von ihnen gewesen? Und ihr Tod vor acht Jahren - war es vielleicht kein gewöhnlicher Autounfall gewesen? Er wusste, dass sein Vater Selbstmord vermutete; dass ihre Depressionen schuld gewesen seien. Tom war sich nicht mehr so sicher. Nach allem, was er gesehen hatte, konnten Griselbart, Kuru und Thalíng etwas damit zu tun haben. Und er wusste, dass es seine Pflicht war, die Wahrheit herauszufinden.
Der rote Pickup hielt vor der Schule und sein Vater öffnete seine Tür.
„Bis nachher! Was hältst du davon, wenn wir am Nachmittag im Wald nach einem Koboldbau suchen, nur wir beide?“, fragte Reginald mit leuchtenden Augen.
Tom zuckte zusammen, aber nicht, weil gerade drei Zehntklässler an ihm vorbeigingen und die letzten Worte seines Vaters mit anhörten, sondern weil Bilder der gestrigen Nacht in ihm aufstiegen.
Er lächelte verzerrt. „Ja, vielleicht, Dad, ich treff mich heute mit Peer zum Lernen.“
Reginald nickte und sah wieder so besorgt aus wie am Morgen.
Im Klassenzimmer zeigte Tom Charlie die kalte Schulter, während er mit Peer stillschweigend zu dem Entschluss gekommen war, kein Wort über das Erlebte zu verlieren. Nur Peers Augenringe ließen vermuten, dass er die Nacht ebenso schlecht geschlafen hatte. Die ersten beiden Stunden Mathematik vergingen im Schneckentempo und ließen ihn kaum Ablenkung finden. Zwischen acht Uhr dreißig und acht Uhr fünfzig schlenderte er allein über den Schulhof und ging den Grüppchen von Schülern, die ihn kannten, gezielt aus dem Weg. Ihm war nicht der Sinn nach einem Gespräch. Nach der Pause wartete Charlie vor dem Klassenzimmer und bat Tom um ein Wort unter vier Augen. Er stimmte zu, wenn auch widerwillig.
„Tom, ich schwöre, es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musstest, aber es ist besser, wenn du dich aus allem heraushältst.“ Sie hatte die Arme verschränkt, in der Hoffnung, ruhig zu wirken, aber die Farbe auf ihren Wangen verriet sie.
Vielleicht hatte Tom auf eine Erklärung gehofft, vielleicht auf eine umfangreichere Entschuldigung, jedenfalls wurde er ob dieser Worte wütend. „Keine Sorge, ich werde keinen Fuß mehr in die Richtung dieser irren Vereinigung setzen!“, zischte er.
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