„Das sag ich dir auf dem Weg nach draußen. Vorher will ich dir Astos zeigen.“
Sie stiegen die Treppen hoch und Reginald stellte pausenlos Fragen, ohne eine Antwort abzuwarten: „Gibt es Einhörner überhaupt? Die habe sogar ich für eine Erfindung der Menschen gehalten, zu rein, zu unschuldig … Wo kam der tote Kobold her und was hat ihn getötet, Tom? … Wie hast du den Lichtbehälter bekommen? Hast du ihn verschluckt? Aber nein, das wäre absurd …“
Tom antwortete, so gut er konnte, bemühte sich aber gleichzeitig, nicht zu viel zu verraten. Griselbart kannte Reginald und wusste, er würde ihre Geheimnisse so gut wie seine eigenen hüten - Kuru dagegen wäre von seiner Redseligkeit bestimmt nicht begeistert.
Im Garten hinter dem Haus hielt Tom die Finger an die Lippen und pfiff. Ohne dass er sich je besonders darin geübt hätte, kam ihm eine aus drei Tönen bestehende Melodie in den Sinn.
„Was kommt jetzt?“, fragte Reginald. „Ein Kobold?“
Eine Weile standen sie stumm da und warteten, bis ein schwaches Schimmern zwischen den Bäumen des Waldes auszumachen war. Es wurde schnell kräftiger und schließlich trat der schneeweiße Hirsch unter einer Tanne hervor. Er verharrte wachsam, ehe er sich in Bewegung setzte, den Blick ausschließlich auf Tom gerichtet. Durch eine Lücke im Zaun betrat er ihren Garten. Toms Herz begann schneller zu schlagen.
Reginald stieß ein andächtiges Seufzen aus. „Wie wunderschön.“
Tom stimmte ihm im Stillen zu. Dass dieses stolze und sanfte Tier ausgerechnet auf sein Pfeifen hörte und ihn zum Gefährten wollte, ließ seine Brust vor Stolz anschwellen.
Astos blieb vor ihnen stehen und sah in der Nacht fast unwirklich aus, wie die Traumgestalt, derer er sich so lange bedient hatte.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Tom leise. Er wartete darauf, eine Antwort in seinem Kopf zu hören, aber die ersehnte Stimme blieb aus.
Zur Abwechslung fehlten Reginald die Worte. Fast andächtig strich er dem Hirsch über die weiche Nase, was dieser mit einem Schnauben quittierte. Tom erzählte vom Ritual der Gluthien und wie die Wesen reagiert hatten, als Astos sich ihm unterstellte.
„Und er gehört dir?“, fragte sein Vater.
„Er gehört zu mir“, berichtigte Tom.
„Ein Reiter“, wiederholte Reginald. „Darüber habe ich nie etwas in Erfahrung bringen können. Ich dachte, nur die Waldmenschen oder die Nomaden leben in Symbiose mit Tieren.“
Tom musste seinem Vater noch die anderen Dinge zeigen, die er von Griselbart gelernt hatte, was nicht besonders viel war, aber Reginald war so begeistert, als hätte er die Zaubererwelt bereits gerettet. Immer wieder musste er einen Gartenzwerg vor sich her schieben und wieder zurückholen. Als er versuchte, ihn entzweizubrechen, geschah nicht das Geringste, aber sein Vater merkte es nicht. Für ihn war es genug, wenn Tom mit einem Zauberstab fuchtelte und Formeln aufsagte. Obwohl er ihm mit leuchtenden Augen zusah, bemerkte Tom die Traurigkeit in Reginalds Blick. Er trat an Astos' Seite und murmelte ihm etwas ins Ohr. Der Hirsch sah ihn mit intelligenten Augen an und senkte den Kopf, als hätte er ihn verstanden. Leichtfüßig trabte er davon in Richtung Wald.
Reginald nahm Tom bei der Schulter. „Zuerst hab ich deine Mutter verloren und jetzt dich. Vielleicht bin ich dazu verdammt, allein zu sein.“
Das schlechte Gewissen brannte in Toms Magengrube. „Dad, ich komm zurück, wenn der König in Bruckwalde wieder gesund ist. Ich versprech's.“
Sein Vater bedachte ihn mit einem sorgenvollen Blick. „Da wird einiges auf dich zukommen. Viel kann ich dir nicht auf den Weg mitgeben … Ich habe zugegebenermaßen nicht viel herausgefunden über die Anderswelt …“
„So ein Quatsch. Mit dem, was du in diesem Keller hortest, könnte man ganze Bücher füllen. Und ich wette, mehr als die Hälfte ist absolut zutreffend.“
In diesem Moment kam Astos zurück, im Schein seines silbernen Lichts flatterte ein Kobold und ihm hinterdrein - wie es auch Tom noch nie gesehen hatte - ein Koboldbaby. Es hatte Ähnlichkeit mit einem Katzenbaby, kleine verquollene Augen und wenn es mit seinem Vater sprach, fiepte es herzzerreißend hoch. Beide hatten fuchsrotes Fell und gelbe Gluthien.
„Danke“, sagte Tom zu Astos.
Der Koboldvater richtete den Blick seiner grünen Augen auf ihn. „Du bist also der neue Reiter“, sagte er und musterte ihn. „Ich wusste, dass einer aus eurer Familie den Sprung erneut schaffen würde. So hartnäckig sind die wenigsten.“
Tom lächelte. „Ich heiße Tom“, sagte er.
„Ich bin Ruwyn und mein Sohn heißt Kryk. Astos sagte, wir sollten uns bei deinem Vater vorstellen.“
Reginald, dem die Kobolde immer am besten gefallen hatten (Tom vermutete, dass es daran lag, dass sie den ersten tatsächlichen Beweis für die Anderswelt geliefert hatten), schien sprachlos. Mit den Augen verschlang er jede Kontur ihrer Erscheinung, machte sich gedanklich Notizen ihrer Besonderheiten wie Färbung und Fellstruktur. Er war ganz in die Rolle des Wissenschaftlers gefallen.
Verstehen konnte er sie nicht; Tom übersetzte die hellen Laute, die die Kobolde von sich gaben. Er hatte Astos gebeten, seinem Vater ein magisches Wesen vorzustellen, das Glöckerlstadt und den Wald in absehbarer Zeit nicht verlassen würde; so konnte Reginald sich ihre Untersuchung zur Aufgabe machen, wenn Tom nicht mehr da war.
„Wir mögen deinen Vater“, sagte Ruwyn, der etwa fünf Handbreit vom Boden entfernt auf der Stelle flatterte und die Augen nicht von seinem Baby ließ. „Er hat Nahrungsmittel und Medizin, welche wir im Wald nicht bekommen können. Aber die meisten Waldbewohner haben Angst vor Menschen und viele meinten auch, er wäre an Piurs Tod schuld, weil er ihn mitnahm.“
„Was das betrifft …“, sagte Tom. „Wie ist der Kobold gestorben?“
„Es war ein Späher aus der dritten Pforte. Piur hatte seinen Wachtposten für kurze Zeit verlassen. Da traf ihn der Fluch zwischen die Schulterblätter.“ Ein Schatten legte sich auf das Ruwyns Gesicht. „Dein Vater war zufällig der erste, der ihn fand. Er hat mit seinem Tod nichts zu tun.“
„Weißt du, was ich mir überlegt habe, Tom?“, fragte Reginald in diesem Moment aufgeregt. Er hatte einen Notizblock gezückt und fertigte gerade eine grobe Skizzierung des Koboldbabys an. „Ich werde ein Buch über die magischen Wesen schreiben. Mit Zeichnungen, Steckbrief, allem drum und dran.“
„Du meinst wie ein Naturkundeführer?“ Tom konnte sich in etwa vorstellen, was der Großteil der magischen Wesen dazu sagen würde, wenn all ihre Geheimnisse auf ein paar Seiten für jeden nachzulesen geschrieben ständen.
„Das erste seiner Art.“ Reginald sah beinahe besessen aus. „Ich werde noch besser auf die verschiedenen Fährten im Wald Acht geben und vielleicht zeigen sich mir noch mehr der Wesen.“
„Du musst aber gut auf die Notizen aufpassen, Dad. Lass sie am besten keinen sehen. Sonst könnten ein paar der größeren Wesen ziemlich sauer auf dich werden.“
„Ich werde sie hüten wie meinen Augapfel“, sagte Reginald.
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