Die Zeit verging wie im Flug. Marina hatte den Anfang der Geschichte klar vor Augen. Es fiel ihr also leicht, die Protagonisten agieren zu lassen und Spannung aufzubauen. Sie schaute auf die Uhr und war erstaunt. Es war bereits nach elf Uhr. Jetzt machte sich auch wieder ihr Rücken bemerkbar. Er schmerzte fürchterlich. Sie beschloss ins Bett zu gehen und schlief auch sofort ein.
13. Oktober 2012
Am nächsten Morgen schlug sie die Augen auf. Sie räkelte sich, zog die Bettdecke bis zum Kinn und blieb noch einen Moment liegen.
„Ich habe tatsächlich durchgeschlafen.“
Lächelnd überlegte sie, wie sie den Tag gestalten würde. Zuerst gemütlich frühstücken, dann noch mal in den Ort fahren, um etwas Obst und einige Flaschen Wein zu kaufen. Die Gegend erkunden und danach ein ausgiebiges Schläfchen machen, denn sie wollte ja des Nachts schreiben, um die Atmosphäre des Grauens besser einfangen zu können.
Marina begegnete niemandem auf dem steilen Waldweg hinunter ins Dorf. Als sie die ersten Häuser sah, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl. Ihr war, als würde sie die Zivilisation ein letztes Mal erblicken. Schnell schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Sie hielt direkt vor einem kleinen Tante-Emma-Laden. Eine Glocke klang an der Eingangstür beim Betreten des Geschäftes. Marina steuerte sofort auf das Regal mit den Spirituosen zu. Dieses Laster, von dem sie niemals geglaubt hatte, dass es ausgerechnet sie ereilen könnte, war nach der Schließung der Praxis über sie hereingebrochen. Nicht etwa wie ein Sturm. Im Gegenteil. Ganz langsam wie ein laues Lüftchen, das sich immer mehr zu einem Unwetter aufbaute. Es war auch nicht so, dass sie übermäßig viel trank. Nur gerade so viel, um für kurze Zeit die Sorgen zu vergessen. Sie nahm eine Flasche Rotwein aus dem Regal und las das Etikett.
„Das regt die Kreativität an“, murmelte sie.
Sie ging zur Kasse und bezahlte eine Kiste des Göttertrankes. Der junge Verkäufer schmunzelte und fragte in passablem Deutsch, ob sie eine Party feiern würde. Marina lächelte zurück.
„Nein, ist alles für mich.“
Sie beugte sich etwas nach vorn.
„Aber keine Angst. Dies ist der Vorrat für drei Wochen.“
Sie streckte ihren Körper und hob stolz den Kopf.
„Ich schreibe nämlich ein Buch, wissen Sie? Oben in dem alten Försterhaus. Dort hab ich Ruhe und die Einsamkeit ist eine Wohltat.“
Marina blickte auf und bemerkte den entsetzten Blick des jungen Mannes.
„Ja wissen Sie denn nicht, was da oben geschehen ist?“
Er schaute sich um und fuhr flüsternd fort.
„Da wurde vor zirka acht Jahren eine Frau ermordet. Man fand nur ihre rechte Hand in einer Lache von Blut. Alle im Dorf glauben, dass sich dieser Irre immer noch in den Wäldern herum treibt. Womöglich ist er sogar hier aus dem Dorf. Sie dürfen dort nicht bleiben. So ganz allein.“
„Ich glaube nicht, dass sich da oben ein Mörder herum treibt. Außerdem ist seitdem noch nichts wieder passiert. Also war der Mord damals bestimmt das Resultat eines Beziehungsdramas. Wäre es ein Serienmörder gewesen, hätte es immer wieder tote Frauen gegeben. Glauben Sie mir.“
Der junge Mann wackelte mit dem Kopf.
„Kann sein, dass Sie Recht haben. Aber gefährlich ist es dort oben allemal. Es gibt Luchse, sogar Wölfe.“
Marina winkte ab.
„Tiere sind niemals schlecht. Im Gegenteil. Sie sind treu. Merken genau, wer es gut mit ihnen meint und vergessen niemals, wer ihnen Böses angetan hat. Sie sind ein bisschen wie ich. Genau deswegen komme ich so gut mit ihnen aus.“
Marina wollte das Gespräch nicht fortsetzen und griff nach der Kiste mit den Weinflaschen.
Der Mann kam ihr zuvor und trug die Kiste zu ihrem Auto.
„Kommen Sie doch alle paar Tage in den Ort, damit ich weiß, dass es Ihnen gut geht“, sagte er besorgt.
Sie nickte. Sie würde es nicht tun. Ganz bestimmt nicht.
Ein Kaffee, eine Laugenbrezel und dazu diese himmlische Ruhe. Marina hatte das Mittagessen weggelassen. Stattdessen trank sie einen Kaffee und aß dazu die frische Brezel. Sie nahm einen Schluck aus der Tasse und schloss die Augen. Sie hatte sich vorgenommen, wirklich jede Kleinigkeit zu genießen. Einmal nicht an die Schulden, an die Schmerzen und Depressionen denken, die ihr die letzten Jahre zum Alptraum werden ließen. Doch kaum waren die Augen geschlossen, kamen die Bilder wieder. Wie sie weinend auf die Kontoauszüge starrte. Fünf Tage waren nach Erhalt des Krankengeldes ihres Mannes vergangen und der Kreditrahmen war bereits erschöpft. Keinen Euro mehr im Portmonee. Wie sollten sie über den Monat kommen? Sie öffnete die Augen.
„Schluss damit!“
Laut rief sie diese zwei Worte in die Stille. Sie hatte sich zwar vorgenommen, ein Schläfchen zu machen, war aber kein bisschen müde. Also begann sie zu schreiben.
Die Ideen sprudelten förmlich aus ihrem Kopf auf die Festplatte. Als Marina auf ihre Armbanduhr schaute, war es bereits sechzehn Uhr. Der komplette Anfang war im Kasten.
„Was mach ich jetzt? Ich bin überhaupt nicht müde.“
Sie sah aus dem Fenster. Die Sonne war gerade dabei, sich hinter den Bäumen zu verstecken. Ihre Strahlen glitzerten noch durch das dichte Geäst. Marina beschloss, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Vielleicht würde sie ja dann müde werden und könnte bevor die Nacht hereinbrach, einige Stunden Schlaf finden. Sie schloss sorgfältig die Tür ab und vergewisserte sich, ob auch alle Fenster geschlossen waren. Obwohl sie kein ängstlicher Mensch war, wollte sie kein Risiko eingehen. Dieser Mörder, wenn er sich nun doch noch hier herumtrieb? Schnell schüttelte sie den Gedanken wieder ab. Die Luft war frisch und rein. Sie atmete tief. Sie erinnerte sich, wie ihre Großmutter einmal sagte, sie könne riechen, dass es bald schneien würde. Genauso empfand Marina in diesem Augenblick. Es roch und schmeckte nach Schnee.
„Das wäre nicht gut“, murmelte sie.
Ihr war klar, dass sie völlig von der Zivilisation abgeschnitten wäre, wenn es hier oben schneien würde. Der nächste Ort war fünfundzwanzig Kilometer entfernt. Sie zog ihre Jacke fest um den Körper. Der Wald bestand zu neunzig Prozent aus Nadelbäumen. Vorwiegend hohe Tannen ließen nur wenig Sonnenlicht hindurch, Marina hatte noch nie einen guten Orientierungssinn. Sie schaute immer wieder zurück in die Richtung, in welcher das Haus stand. Als es nicht mehr zu sehen war, wurde sie nervös.
„Ich gehe lieber zurück. Am Ende finde ich nicht mehr heim. Wenn es dunkel wird, bin ich schutzlos.“
Der Gedanke ließ sie frösteln. Schnell, beinahe gehetzt, lief sie zurück und war erst erleichtert, als sie das Haus in der Ferne erblickte.
„Panik ist das Letzte, was ich jetzt brauchen kann. Ich hatte die große Klappe. Von wegen, ich habe vor nichts und niemandem Angst. Nun renne ich bibbernd durch den Wald, als würde ich von einem Monster verfolgt.“
Kopfschüttelnd zog sie ihren Mantel aus und ging in die Küche. Wenige Minuten später saß sie im Wohnzimmer, die Beine auf dem Tisch und genoss das herbe Aroma des frisch gebrühten Tees. Sie spürte, wie ihre Lider schwer wurden. Wenige Minuten später war sie eingeschlafen.
Große, schwarze Schatten verfolgten Marina. Sie jagten sie auf ein Meer zu, in welchem dutzende Haie herumschwammen. Verzweifelt versuchte sie immer wieder die Richtung zu wechseln, doch die Schatten kamen von allen Seiten. Endlich, sie erspähte eine freie Stelle, wollte rennen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst.
Schweißgebadet wachte sie auf. Sie brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden. Es war stockdunkel im Raum. Sie stand auf, tastete sich die wenigen Meter zum Lichtschalter. Warmes gelbes Licht durchflutete das Zimmer und die Angst verschwand. Sie spürte wieder ihren schmerzenden Rücken. Es war nicht sicher, ob es wirklich nur muskulär war oder ob schon Nieren und Lunge von der Krankheit betroffen waren und die Schmerzen verursachten. Sie schüttelte den Gedanken ab, setzte sich wieder an ihren Laptop und schrieb wie besessen. Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte, als ein Geräusch ihren Schreibfluss unterbrach. Es klang, als würde etwas gegen die Scheibe klopfen. Rums, krrr.
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